Tim Cresswell: In place/out of place: geography, ideology, and transgression. Minneapolis 1996. 200 S.

In einem Werbespot, der in Großbritannien während der Fußball-Europameisterschaft lief, bedankt sich ein junger Mann, optisch mit allen Attributen des jungdynamischen Erfolgsmenschen ausgestattet, bei den vier Damen und Herren mittleren Alters, die ihm gerade mitgeteilt haben, daß sein Bewerbungsgespräch erfolgreich war und er den Job bekommt, folgendermaßen: Einem kneift er in die Bakke, einer anderen wuschelt er durch die Haare, den Kopf eines weiteren schließlich umfasst er mit beiden Händen und drückt ihm einen Kuss auf die Stirn. Der Zuschauer versteht sofort: So bedankt sich der Torschütze beim Passgeber, und zwar auf dem Rasengeviert und nicht im Büro und nicht bei den zukünftigen Chefs. Diese Form des Dankes ist hier nicht adäquat, sie gehört auf den Fußballplatz und nicht ins Büro, sie ist out of place.
Ausgehend von der alltagssprachlichen Redeweise, daß etwas in place oder eben out of place sei, untersucht Tim Cresswell, welche ideologischen Dienste derartige Formulierungen und die dahinterstehenden Denkweisen leisten. Denn mit der Feststellung, etwas gehöre nicht an einen bestimmten Ort, werden eine ganze Reihe weiterer Annahmen mitgeliefert, die mit der Frage, wo etwas geschieht, inhaltlich zunächst nichts zu tun haben. Dabei interessiert ihn vor allem erstens die Frage, "wie space und place benutzt werden, um eine normative landscape zu strukturieren"1 (S. 8), und zweitens das Thema der transgression, der (im räumlichen wie im moralischen Sinn) Grenzüberschreitung. Diese transgressions sind für ihn aus drei Gründen von Bedeutung: Erstens finden sie an der Grenze zwischen 'normal' und 'anormal' statt, weshalb man an ihnen die eingerichtete 'Normalität' studieren kann. Zweitens bieten sie mögliche Ansatzpunkte für Widerstand gegen diese Normalität. Drittens, und in geographischem Zusammenhang von besonderer Bedeutung, werden transgressions häufig in räumlichen Begriffen gefaßt, wie etwa in place und out of place.
Wie die geography of normality in Abgrenzung zur Abweichung von dieser Normalität konstruiert wird, zeigt Cresswell am Beispiel dreier heretical geographies, die mit rund 2/3 des Gesamtumfangs den Hauptteil des Buches ausmachen. Als erster Fall dienen ihm die Reaktionen auf das Aufkommen von Graffiti zu Beginn der 1970er Jahre in New York. Er zeigt auf, wie die Stadtoberen und die Medien Graffiti diskursiv "mit dem Schmutzigen, Animalischen, Unzivilisierten und Profanen" (S. 40) verbinden. Diese Bedeutungen werden ihm zugeschrieben, weil es als etwas verhandelt wird, was in New York fehl am Platze ist, out of place eben, und das in unzivilisierte Städte der Dritten Welt gehört. Die Bedeutung des 'Wo' zeigt Cresswell anhand des nur mit kurzer zeitlicher Verzögerung beginnenden Weges der gesprayten Bilder in Galerien und Museen, wo sie nicht als störend, sondern als Kunst empfunden werden. Indem Graffiti auf U-Bahnen und an Häuserwänden als out of place gebrandmarkt wird, so das Argument, wird seine Kriminalisierung als schwerwiegengeographische des Verbrechen betrieben und seine Bekämpfung legitimiert. Außerdem zeigt Cresswell, das es bei dieser Bekämpfung vor allem um das Image von New York geht, in das die mit Anarchie und Chaos verbundenen Graffitis nicht hineinpassen.
Gerade aus diesem Beispiel läßt sich auch manches über die Debatten und repressiven Maßnahmen hierzulande lernen, wo auf lokaler Ebene seit einigen Jahren Sondereinsatzkommissionen zur Verfolgung von Sprayern eingerichtet werden (Feldmann 1998) und auf nationaler Ebene die strafrechtliche Verfolgung des Sprayens von Graffiti diskutiert wird (bisher werden Sprayer zivilrechtlich abgeurteilt; Braum 2000, Hamm 2000). Auch in der BRD wird im Namen von Sicherheit und Ordnung mit Mitteln der Repression am Erscheinungsbild der Städte gearbeitet.
Im zweiten Beispiel geht es um die Auseinandersetzungen um die Zugänglichkeit des Steinkreises von Stonehenge am Morgen der Sommersonnwende, die Mitte der 1980er Jahre ein wichtiges Thema in den britischen Medien waren und die es auch in diesem Jahr, als die Steine erstmals wieder frei zugänglich waren, bis auf die Titelseiten brachten. In diesen Auseinandersetzungen ging und geht es um die Frage nach den an diesem Ort angemessenen Verhaltensweisen, genauer: ob dort ein peace festival stattfinden sollte oder nicht. Stonehenge wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Attraktion 'wiederentdeckt' und seitdem auch von der Ancient Order of Druids, einer Art Freimaurerloge angesehener Bürger, als Ort einer Sommersonnwendzeremonie genutzt. Seit 1974 fand am21. Juni in Sichtweite der Steine jährlich auch ein free peace festival statt, das, lange Zeit mit Unterstützung der lokalen Polizei, ein Treffpunkt der "alternative society" (S. 75) wurde. Das änderte sich 1985, als die Staatsgewalt verhinderte, daß der von der konservativen Presse "hippy trail" getauften Zug der Festivalbesucher auch nur in die Nähe des Steinkreises gelangte. Seitdem wurde der "hippy trail" jedes Jahr aufs Neue als eine Invasion vagabundierender Verbrecher dargestellt und das Festival verhindert, während die erwähnten Druiden weiterhin ihre Zeremonie mit behördlicher Unterstützung abhielten.
Um diese Auseinandersetzungen zu untersuchen, rekonstruiert Cresswell die unterschiedliche Bedeutung von Stonehenge, mit der die jeweiligen Seiten argumentieren. Für die staatlichen Stellen und die konservative Presse ist der Steinkreis ein Teil englischer Identität, der geschützt werden muß. Für die Festivalbesucher hingegen ist er ein spiritueller Ort, den es zu nutzen gilt. Daß diese Nutzung selbst nicht das Problem sein kann, zeigt schon die Tatsache, daß ja die Druiden weiterhin dort den längsten Tag des Jahres zelebrieren. Erst im Kontext des Thatcherismus und seiner geography of normality erschließen sich die Gründe für die vehemente Zerschlagung eines alljährlichen Festivals, bei dem alternative, aus der Sicht der Normalitätsproduzenten also anormale Entwürfe gelebt werden. Cresswell zeigt, wie zur Kriminalisierung dieser Entwürfe neben der falschen Nutzung eines nationalen Monumentes auch weitere Themen ins Feld geführt werden, in denen place und space eine Rolle spielen: zum einen die Verbindung von Mobilität mit Devianz und zum anderen der hohe moralische Wert des Privateigentums an Grund und Boden.
Im dritten Beispiel werden die Diskussionen um die Greenham Women untersucht, die von 1981 an ein peace camp vor der US-amerikanischen Nuklearraketen-Basis in Greenham (England) veranstalteten. Cresswell zeigt, wie hier nicht die Stationierung von Massenvernichtungswaffen, sondern die kampierenden Frauen in der typischen English countryside von Regierung, Presse und Anwohnern als out of place konstruiert und empfunden werden. Auch hier werden eine ganze Reihe weiterer Normalitäten ins Feld geführt, von der die Frauen abweichen: Sauberkeit (die Frauen werden als schmutzig und stinkend dargestellt) , Familie (die Frauen sind verantwortungslos, weil sie der ihnen zugedachten Rolle als Hausfrau und Mutter nicht gerecht werden) und Sexualität (die Frauen werden als hysterische und männermordende Lesben dargestellt).
Nach der ausführlichen Darstellung dieser drei Beispiele geht Cresswell auf den verbleibenden 30 Seiten zunächst der Frage nach, warum Ideologien eine besonders hohe Überzeugungskraft zu besitzen scheinen, wenn sie mit räumlichen Bedeutungszuschreibungen und der Konstruktion von in place/out of place arbeiten. Zumal wegen seiner Knappheit ist dieser Teil eher als Ideensammlung denn als stringente Theoriebildung zu begreifen. Als Grund macht Cresswell eine entscheidende Gemeinsamkeit von Ideologien und places (im Sinne der humanistic geography) bzw. landscapes (new cultural geography) aus: Beide verbinden Ideen mit Praxen. Ohne
dies dann allerdings weiter auszuarbeiten, drückt er diese Gemeinsamkeit folgendermaßen aus: "Unsere Ansichten über place sind üblicherweise ununterscheidbar von Handlungen in place. Ideologie bemüht sich, das Konkrete mit dem Abstrakten zu verbinden. Wie könnte das besser funktionieren als mit Hilfe von place?" (S. 157 f.). Aus der Feststellung, daß Raum in diesem Sinn als Mittel der Kontrolle benutzt wird, folgert Cresswell schließlich im Schlußteil, daß er dann auch ein Ort des Widerstandes gegen diese Kontrolle sei. Mögliche Widerstandsformen versucht er schließlich am Beispiel der AIDS-Aktivisten von ACT-UP und der Pariser Commune zu demonstrieren.
Insgesamt handelt es sich bei in place/out of place um ein sehr schön zu lesendes Buch mit drei interessanten und gut recherchierten Beispielen. Vor allem bei der Diskussion dieser Beispiele gelingt es Cresswell, diverse theoretische Ansätze und Konzepte mit leichter Hand fruchtbar miteinander zu verbinden. Auch wenn nicht alle diese Exkurse unbedingt zur stringenten Erklärung des untersuchten Phänomens beitragen (und damit auch nicht zur Konstruktion eines kohärenten Theoriegebäudes), so gleitet Cresswell doch nicht in eine der jüngeren englischsprachigen Geographie mitunter eigenen Geschwätzigkeit ab. Erfreulich empfinde ich auch den Versuch, im Zusammenhang mit der Konstruktion von places mit dem, wenn auch nur sehr knapp bestimmten, Konzept der 'Ideologie' zu arbeiten. So werden die Interessen in den Blick genommen, die mit der Zuschreibung von Bedeutung zu Raumausschnitten machtvoll ins Werk gesetzt werden sollen.
1 Die Zitate habe ich soweit wie möglich übersetzt; die kursiv gesetzten Wörter sind wegen ihrer speziellen Bedeutung in den anglophonen Debatten im Original belassen.
Literatur:
Braum, Stefan 2000: Das Graffiti-Bekämpfungsgesetz und der Schutz des Privateigentums. In: Kritische Justiz 1. S. 35-48.
Feldmann, Jörg 1998: Graffiti: Das Konzept der Polizei in Hamburg zur Bekämpfung dieser besonderen Art der Sachbeschädigung. In: Die Polizei 3. S. 81-89.
Hamm, Bernd 2000: Ein neuer Fall von symbolischem Strafrecht: "Graffitigesetz". In: Kritische Vierteljahresschrift für Gesetzgebung und Rechtswissenschaft (Sonderheft). Baden-Baden. S. 56-64.
Autor: Bernd Belina

Quelle: geographische revue, 2. Jahrgang, 2000, Heft 2, S. 87-90

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