Doreen Massey: Power-geometries and the politics of space-time. Hettner-Lecture 1998. Heidelberg 1999 (Hettner-Lectures, Band 2). 112 S.

Der Band dokumentiert die zweite "Hettner-Lecture" am Geographischen Institut der Universität Heidelberg im Juni 1998 mit den beiden öffentlichen Vorträgen und den drei Seminaren der Gastdozentin D. Massey. Ergänzt werden diese Teile durch ein biographisches Interview. Ziel der Hettner-Lectures ist den Veranstaltern zufolge zum einen, "neue theoretische Entwicklungen" zu präsentieren, und zum anderen, jungen Wissenschaftlern und Studenten "neue Forschungsperspektiven zu eröffnen und zu kritischen Reflexionen über aktuelle theoretische Debatten und die geographische Forschungspraxis zu ermutigen." (S. 3; dieses Zitat ist aus dem Englischen übersetzt, da der gesamte Band wie die Veranstaltungen selbst in englischer Sprache verfasst ist).
Was erfährt der Leser nun über die "neuen theoretischen Entwicklungen" der Autorin, aber auch über die Rezeption und Kritik seitens der Veranstaltungsteilnehmer?
Ausgangspunkt des ersten Vortrags, der in Form eines längeren, neuabgedruckten Artikels vorliegt, ist die wissenschaftliche wie öffentliche Globalisierungsdiskussion: Die dort artikulierten Vorstellungen von Globalisierung müssen nach Massey aus intellektuellen wie politischen Gründen kritisiert werden.
Obwohl sie auch auf die Frage nach der Eignung des Globalisierungsbegriffs etwa für die Beschreibung von Tendenzen des Welthandels eingeht - und als Gegenindiz zur Globalisierungsbehauptung die hohen internen Wirtschaftstransaktionen der sog. Ersten Welt anführt -, geht es der Autorin doch im wesentlichen um die selektiven, legitimatorischen und normativen Setzungen dessen, was Globalisierung tatsächlich sei. Beispiele hierfür sind etwa das Propagieren unbegrenzter globaler Kapitalmobilität bei gleichzeitig weitgehendem Unterbinden globaler Arbeitskräftemobilität (Migration aus der Dritten in die Erste Welt) oder aber die wohl als Zitat fiktive, in ihrem Grundmuster dennoch sicherlich zutreffende Argumentation des britischen Premierministers Tony Blair, er würde gerne die Sozialleistungen erhöhen, werde durch die Globalisierung aber leider daran gehindert (S. 17).
Die hier aufgezeigte Umwandlung eines Beschreibungs- oder gar Analysebegriffs in ein politisch funktionales Schlagwort könnte nun Anlass für eine Analyse dieser beobachteten Begriffsverwendung sein. Ebendies unternimmt Massey jedoch nicht; ja, es bleibt den ganzen Text hindurch unklar, ob sie überhaupt über einen Begriff und dessen Verwendung schreibt oder aber über bestimmte Sachverhalte, die - sinnvollerweise oder nicht - mit diesem Begriff belegt werden.
Vielmehr geht es ihr darum zu zeigen, dass Globalisierung als Realphänomen falsch gedacht wird; ihre eigenen, alternativen Vorschläge haben daher ein richtiges Denken von Globalisierung ("imagining globalisation") zum Ziel. So wirft sie auch konsequenterweise an der bereits angeführten Stelle dem englischen Premierminister nicht vor, er benutze eine gängige und in der Öffentlichkeit als Realitätsbeschreibung akzeptierte Vokabel zur besseren Durchsetzung und Vermittlung bestimmter eigener Ziele, sondern er habe eine falsche Vorstellung von der Welt, eine irrige "imaginative geography".
Diese seltsame Art der Kritik könnte nun lediglich auf eine - in der Literatur immer wieder anzutreffende - Verwechslung bzw. Gleichsetzung von Motiv und Argument zurückgeführt und damit relativiert werden, wenn sie nicht exemplarisch für das Massey'sche Verständnis von Wissenschaft und Denken überhaupt stünde.
Dieses gründet im wesentlichen auf zwei aufeinander aufbauenden Positionen: Materielle, hier: soziale Gegebenheiten hängen davon ab, wie darüber gedacht wird; "the way we imagine globalisation will affect the form which it takes." (S. 16) Und ein richtiges Denken über Globalisierung incl. einer daraus folgenden politischmoralisch besseren Art von Globalisierung muss räumlich sein, und zwar in einem doppelten Sinn - als Denken von verschiedenen, räumlichen Standpunkten aus (etwa: Denken als Erst- und Dritt-Welt-Bewohner) und in räumlichen Kategorien.
Auf welche Art der Raum nun zu denken sei und wie dies mit positiv bewerteter Politik zusammenhänge, erläutert Massey ausführlicher im zweiten der abgedruckten Vorträge. Zunächst skizziert sie drei Aspekte, wie Raum/Räumlichkeit zu denken sei: als Produkt von Wechselbeziehungen, als Voraussetzung von Vielfalt und als Prozess. Kombiniert ermöglichen diese Aspekte zudem überhaupt erst die Existenz der Zeitdimension; denn Zeit gibt es nur, wenn es auch Wechselbeziehungen gibt, diese nur, wenn es Vielfalt gibt, und letztere gründet auf dem Räumlichen, da Vielfalt lediglich als räumliche Vielfalt existiert (S. 33).
Ein solcherart konzipierter Raum ist jedoch nicht nur unerlässlich für das Vorhandensein der Zeitkategorie, sondern auch die Grundvoraussetzung für eine neue, bessere Politik. Diese These ergibt sich für Massey aus vier Feststellungen:
1. Das skizzierte Raumkonzept macht Raum zu einem integralen Bestandteil von Politik (diese Feststellung wird jedoch nicht näher begründet);
2. es ermöglicht, lokale Spezifitäten gutzuheißen und dennoch internationalistisch eingestellt zu sein (indem etwa die ethnisch-nationalen Konflikte in den ehemals sozialistischen Ländern als Ausdruck der Verteidigung lokaler Besonderheiten interpretiert werden);
3. es versetzt in die Lage, Fragen über und Argumente für neue Politikformen zu finden; und
4. es ermöglicht Politik überhaupt erst, da nur räumliches Denken Vielfalt und damit den Gedanken anerkenne, dass die Zukunft noch offen ist. An dieser Stelle lässt sich als Zwischenresümee ein sehr interessantes Wechselspiel von geographisch-räumlicher Weltbetrachtung und Politik konstatieren: So führt nicht nur falsches oder fehlendes räumliches Denken zu schlechter Politik (etwa bei Blair), sondern räumliches Denken wird zur Voraussetzung von politischem Handeln überhaupt. Der (gute) Geograph beschreibt und erklärt demnach die Welt nicht nur, er macht, ja er ist auch Politik, indem er "wirklich räumliche" Geographie macht. Der altgriechische Philosoph als Denker und Lenker des Staates reinkarniert bei Massey demnach in Gestalt des Geographen.
Dieses Verständnis von geographischer Wissenschaft, aber auch der Welt als solcher (von Gesellschaft ist bei Massey nicht die Rede, dafür aber von den Macht- Geometrien der Raumzeit), ist nun sicherlich etwas gewöhnungsbedürftig. Daher soll noch kurz ein Blick auf die Diskussionen mit dem junggeographischen Publikum geworfen werden. Offensichtlich - so zumindest lassen es die abgedruckten Beiträge vermuten - führten die in den beiden Vorträgen artikulierten Positionen Masseys zu keinerlei Kontroversen. Die Dominanz von Nachfragen und das Fehlen von Widerspruch kann selbstverständlich auch Resultat einer sprachlich bedingten Zurückhaltung oder der vorsichtigen Annäherung an einen ausländischen "Star" sein; dennoch lassen die in den Fragen geäußerten Schwerpunkte des Interesses die Vermutung zu, dass die Kernaussagen Masseys nicht als diskutabel oder gar kritikabel verstanden wurden. Dies mag auch dadurch zu erklären sein, dass Masseys umweglose Anbindung der Wissenschaft an politische Moral gerade diejenigen Kategorien ausschließt, die grundlegend für wissenschaftliche Auseinandersetzung sind (wahr/falsch), und sie durch nicht-wissenschaftliche Kriterien (gut/schlecht; Macht/Ohnmacht) ersetzt. Und das heißt auch, dass diese Art von Wissenschaft dazu führt, dass eine Kritik an dieser Wissenschaft zugleich und zuvörderst eine Kritik an politischen Überzeugungen ist und damit weltanschauliche Dimensionen annimmt. Umgekehrt bedeutet eine Übereinstimmung in der politischen Meinung notwendigerweise auch einen wissenschaftlichen Konsens. Dies ist insgesamt kein Diskurs, der als besonders auseinandersetzungs- und kritikförderlich zu bezeichnen ist.
Zusammenfassend und im Hinblick auf die ausdrückliche Zielsetzung (s. o.) können die Ergebnisse der Hettner-Lecture 1998 daher so formuliert werden: Massey löst den Marx'schen Gegensatz zwischen den Philosophen, welche die Welt unterschiedlich interpretieren, und den Menschen, die sie verändern, dadurch auf, dass sie - d. h. ihr Vorschlag von Geographie - die Welt dadurch verändert, dass sie sie neu und besser interpretiert. Ob dies eine in ihrem Kern gar so "neue theoretische Entwicklung" ist, soll hier dahingestellt bleiben. Ob daraus jedoch "neue Forschungsperspektiven" und eine Ermunterung zu (auch bezogen auf die eigene wissenschaftliche Arbeit) "kritischen Reflexionen" abgeleitet werden können, ist sowohl nach den Vorträgen als auch nach den abgedruckten Diskussionen überaus fraglich.
Beides umfassend dokumentiert zu haben, ist das große und uneingeschränkte Verdienst des vorliegenden Buches.
Autor: Wolfgang Aschauer

Quelle: geographische revue, 2. Jahrgang, 2000, Heft 2, S. 97-100

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