Norbert Wein: Sibirien. Gotha 1999 (Perthes Regionalprofile).

Den Raum der beiden Wirtschaftsgroßregionen West- und Ostsibirien sowie der Republik Sacha-Jakutien, d.h. rd. 10 Mill. km2, auf reichlich 200 Seiten darzustellen, ist ein Wagnis, aber zugleich eine Herausforderung. Der Autor kennt weite Teile Sibiriens aus eigener Anschauung, kann auf Erhebungen und Gespräche vor Ort zurückgreifen und verarbeitet vor allem Fachliteratur russischer Provenienz. Einer Überblicksdarstellung des Naturraums folgen in der Systematik des Buches ein Rückblick in die Erschließungsgeschichte sowie eine sektorale Betrachtung, die Sibirien als Agrarraum, Verkehrsraum, Erschließungsraum im 20. Jh. (Sowjetzeit), aktuellen Siedlungs- und Lebensraum, als politischen Raum und schließlich - mit exemplarischer Betrachtung einzelner Verwaltungseinheiten - als Wirtschaftsraum vorstellt. Mit dem Blick auf die Stellung Sibiriens in der Weltwirtschaft weitet sich abschließend der Blick. Die Darstellung ist faktenorientiert und läßt Interpretationen in den Hintergrund treten, obwohl natürlich auch die Auswahl von Beispielen Interpretation ist. Es ist fast verständlich, daß eine umfassende Darstellung auf engem Raum Wünsche offen läßt. So fehlt z. B. eine eingehendere Würdigung der agrarkolonisatorischen Leistung zurückliegender Jahrhunderte, die wichtig ist, weil sie (a) landwirtschaftliche Potentiale aufzeigt, die bereits bestanden und in der russischen Wirtschaftskrise bedacht werden könnten, (b) auf Räume mit aktuellen Wüstungsvorgängen verweist und (c) die Bedeutung der Weite des Raumes als "Nischen" auch für die Ansiedlung von Minoritäten betont. Ferner wird bei der Darstellung der Landwirtschaft der südwestsibirische Agrarraum, eines der Zielgebiete der Kolonisation im frühen 20. Jh. und dann der Neulandaktion, ausgeklammert. Das Bevölkerungskapitel verzichtet auf die Rußlanddeutschen der Altaj-Region, widmet aber den C?ukc?en, deren fernöstlicher Lebensraum noch randlich nach Sacha-Jakutien reicht, drei Seiten.
Daß der Text immer wieder andere Autoren in kurzen Zitaten zu Wort kommen läßt, mag Lehrkräften an Gymnasien die Bereitstellung von Material im Unterricht erleichtern, doch wird die Darstellung dadurch fragmentarisch - fast wie die Aufarbeitung eines Zettelkastens - und erweckt den Anschein, als benötige der Autor den wörtlichen Beleg für seine Auffassung. Noch einige Einzelbemerkungen: Daß für Chakassien die russifizierte Form ,Chakassija' gewählt wird, für Burjatien dagegen die eingedeutschte Form, ist wenig schlüssig. Nicht nachvollziehbar ist die Behauptung, daß sich die Praxis der Zweispurigkeit bei der Schreibweise mit populärer Transkription im Text und wissenschaftlicher Transliteration im Literaturverzeichnis "allgemein durchgesetzt" (S. 14) habe; immerhin fand die Zeitschrift ,Osteuropa' vor kurzem zur Einspurigkeit wissenschaftlicher Transliteration zurück. Allein aus dem Kriterium "Investitionen" eine Reihung und Klassifikation der Verwaltungsterritorien abzuleiten (S. 162), ist zumindest gewagt.
Schließlich waren bei der Lektüre noch relativ viele Druckfehler sowie mehrfach automatisch generierte, aber falsche Silbentrennungen zu finden; hier wäre ein sorgfältigeres Lektorat erforderlich gewesen. All dies soll die Leistung nicht schmälern: Für die Verbreitung von Kenntnissen über Rußlands Osten ist das Werk sicher hilfreich.
Autor: Jörg Stadelbauer

Quelle: Erdkunde, 54. Jahrgang, 2000, Heft 2, S. 176-177

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