Peter Meusburger: Bildungsgeographie. Wissen und Ausbildung in der räumlichen Dimension. Heidelberg/ Berlin 1998. 569 S.

Die Transformation der Industrie- in die Informationsgesellschaft erfolgt seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie wird spürbar durch den Bedeutungsgewinn, den der Produktionsfaktor Wissen und Information gegenüber den Produktionsfaktoren Rohstoff, Arbeit und Kapital erzielt. Bei Fortschreibung der bisherigen Trends ist absehbar, daß Wissen zum zentralen sozialen Strukturprinzip der Zukunft wird, dem folglich ein ähnliches Konfliktpotential innewohnt, wie der Beherrschung von Territorien, Rohstoffquellen und Arbeitskräften in der Vergangenheit.
Auf diesem Hintergrund erhalten räumliche Aspekte der Produktion, Vermittlung und Kontrolle von Wissen, die MEUSBURGER zum Thema seines Buches macht, ein außerordentliches Gewicht. Im Gegensatz zur Grundannahme einiger Ökonomen, das Wissen im Raum gleichverteilt und ubiquitär als quasi öffentliches Gut verfügbar ist, zeigt MEUSBURGER, daß Wissen trotz Internet und globaler Kommunikation nur an ausgewählten Orten durch die dort arbeitenden Akteure bereitgestellt wird. Information mag zunehmend gleichverteilt im Raum verfügbar sein, Wissen, Kreativität, Erfahrung und Qualifikation sind aber infolge ihrer personalen Bindung notwendigerweise ortsgebunden. Nationen, Regionen und Städte, die Innovationen fördern und günstigste Rahmenbedingungen zur Wissensproduktion und -vermittlung schaffen, sind für kreative Menschen attraktiv.
Wie dramatisch sich ungünstige Rahmenbedingungen auswirken, zeigt MEUSBURGER an vielen Beispielen im ersten Kapitel seiner Arbeit, in dem Wissen und Ausbildung in historischer Perspektive bewertet werden. Ein besonders spektakuläres historisches Beispiel, daß heute noch wirksame räumliche Disparitäten in der Verteilung des technisch-wissenschaftlichen Wissens erklärt, bezieht sich auf die Erfindung des Buchdrucks. Während die christliche Kultur diese neue Technologie begünstigte und zur Wissensdiffusion intensiv nutzte, wurde sie im chinesischen und islamischen Kulturkreis als Bedrohung der herrschenden Autoritäten abgelehnt. Die seit dem sechzehnten Jahrhundert wachsende wissenschaftlich-technische Überlegenheit Europas gegenüber der bis zu dieser Zeit eindeutig überlegenen chinesischen und islamischen Kultur steht im engen Zusammenhang mit dieser kontrastierenden Bewertung des Buchdrucks in den Kulturkreisen.
Im zweiten Kapitel versucht MEUSBURGER eine theoretische Grundlegung der verschiedenen Formen des Wissens. Begriffe wie Begabung, Intelligenz, Kreativität, Bildungsverhalten und Ausbildungsniveau werden aus wechselnder Perspektive diskutiert wobei die wirtschaftstheoretische Perspektive - Humankapitalansatz, Neoklassische Ansätze und Marxistische Ansätze - besonders hervorgehoben werden. Darauf aufbauend wird die Frage nach einer Theorie zur Erklärung der Wissensverteilung im Raum gestellt. MEUSBURGER macht deutlich, daß gegenwärtig keine allumfassende Theorie vorliegt sondern theoretische Erklärungsansätze für Teilbereiche dominieren. Diese stellen die Funktion des Wissens im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wettbewerb, im Rahmen der sozialen Evolution, der Selbstorganisation von Systemen, der Austragung von gesellschaftlichen Konflikten sowie der räumlichen Organisation von Wirtschaft und Gesellschaft ins Zentrum der theoretischen Erklärungen, nicht aber Theorien zu so engen Fragen wie die nach den Standorten von Bildungseinrichtungen. MEUSBURGER kann in diesem Kapitel eindrucksvoll zeigen, daß Größe und Organisationsstruktur wirtschaftlicher und sozialer Systeme von der Reichweite und Geschwindigkeit der Kontrollinstrumente abhängen, durch die die Systemteile zu koordinierten, der Erhaltung des Systemganzen dienenden Handlungen veranlaßt werden. Handlungen können natürlich nur dann systemerhaltend sein, wenn das Macht- und Kontrollzentrum über das zur systemerhaltenden Koordination notwendige Wissen verfügt, Macht und Wissen also in einer symbiotischen Beziehung zueinander stehen.
Im dritten Kapitel werden die Wurzeln und Entwicklungslinien der Bildungsgeographie diskutiert. In diesem Zusammenhang werden Arbeiten über die räumlichen Unterschiede im Ausbildungsstand und im Begabtenpotential sowie Unterschiede in der Entstehung und Aufnahme von Innovationen im räumlichen Kontext diskutiert. Auch die Standortplanungen von Bildungseinrichtungen im Gefolge der Bildungsexpansion in den sechziger Jahren haben der Bildungsgeographie in der BRD starke Impulse geben können. Interessant ist der Hinweis MEUSBURGERs, daß in den USA Fragen der sozialen und ethnischen Ungleichheiten deutlich weniger als in anderen Ländern wissenschaftlich bearbeitet werden. Ein wichtiger Grund wird darin gesehen, daß die Wissenschaftler besonders in diesem Land befürchten müssen, die "political correctness" durch ihre Ergebnisse und deren Interpretation zu verletzen.
Im folgenden Kapitel wird die Alphabetisierung der Bevölkerung zunächst unter zeitlichen und räumlichen Aspekten beschrieben, dann nach den Faktoren gefragt, die die Alphabetisierung beeinflussen und schließlich die Bedeutung der Alphabetisierung für den Modernisierungsprozeß diskutiert. Im nächsten Kapitel werden die Faktoren, die das schulische Bildungsverhalten beeinflussen, dargestellt und die Verfahren, mit denen es zu messen ist, diskutiert.
Im sechsten Kapitel geht MEUSBURGER der Frage nach, inwieweit das Ausbildungs- und Qualifikationsniveau durch die soziale Schichtung, die ethnische und/oder sprachliche Zugehörigkeit sowie die regionale Mobilitätsbereitschaft beeinflußt wird. Am Beispiel von Einwanderungsländern wie Israel wird deutlich, daß trotz gleicher Religionszugehörigkeit, trotz egalitärer Normen und vielfältiger Assimilations-bemühungen in Schule und Militär zwischen den Juden europäisch-amerikanischer (Ashkenasen) und denen orientalischer Herkunft (Sepharden) hinsichtlich des Ausbildungsniveaus, des beruflichen Status, des Einkommens und des Lebensstandards bzw. der sozialen Schichtzugehörigkeit auch noch in der dritten und vierten Generation sehr große und offensichtlich auch sehr stabile Unterschiede bestehen. Trotz intensiver Bemühungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich auch in Mitteleuropa die niedrige Bildungsbereitschaft und der geringe schulische Erfolg der Zigeuner, die, soweit sie in Deutschland leben, Roma und Sinti heißen, als sehr stabil über die Generationen hinweg und dadurch als kaum zu beseitigendes Hindernis für eine Verbesserung der sozioökonomischen Situation dieser Volksgruppe erwiesen.
Im siebten Kapitel wird die schulische Infrastruktur hinsichtlich der Organisationsformen und der Ausstattung unter raum-zeitlichen Aspekten analysiert. Bei der Diskussion der Standortfragen für Grundschulen werden die beiden heute aktuellen strategischen Leitbilder der Schulbehörden vorgestellt und bewertet. Im folgenden Kapitel werden Qualifikation, Besoldung, Altersaufbau etc. des Lehrpersonals der Schulen anhand von Beispielen aus England, Österreich und Deutschland beschrieben und bezüglich ihrer Auswirkungen auf die Einsatzbereitschaft des Lehrpersonals bewertet. Die Standorte und Einzugsbereiche der Hochschulen, ihre Attraktivität sowie die Karrieren von Hochschullehrern werden im neunten Kapitel dargestellt. Es zeigt sich, daß die Motive für Hochschulgründungen im Laufe der Zeit in Deutschland starken Veränderungen unterlagen. Macht-politische, konfessionelle, wirtschaftliche sowie raumordnungs- und gesellschaftspolitische Motive spielten eine bedeutende Rolle nicht nur in Deutschland, wie MEUSBURGER anhand von Beispielen aus den USA und Japan zeigen kann. Da das Prestige einer Universität in hohem Maße von der Berufungspolitik abhängt, ist für den Erfolg der Bewerber das Prestige der Institutionen bedeutsam, an denen sie ihre ersten Karriereleistungen erbrachten.
Im zehnten Kapitel werden der Forschungsinput, erfaßt durch die Ausgaben für Forschung und Entwicklung und der Forschungsoutput, erfaßt durch Indikatoren wie Patentzahl, Publikations- und Zitationsindex etc., hinsichtlich ihrer Aussagekraft kritisch bewertet. In diesem Kapitel wird deutlich, daß die Höhe der für die Forschung bereitgestellten Steuermittel zwar ein notwendiges Kriterium, keineswegs aber eine Garantie für Kreativität, Erfindungsgeist und außergewöhnliche Forschungsleistungen ist. Dazu bedarf es eines kreativen Milieus, dessen Entstehungs- und Bestandsursachen Gegenstand des elften Kapitels sind. MEUSBURGER diskutiert die Frage, warum sich an bestimmten Standorten kreative Milieus entwickeln, an anderen trotz gleichen Kapitaleinsatzes aber nicht. Es wird deutlich, daß ein kreatives Milieu oft dann entsteht, wenn sehr gut informierte, hochqualifizierte und dennoch nachhaltig lernwillige Akteure unterschiedliche Ansichten und Ideen kämpferisch vertreten, die sich oft durch ihre verschiedenartigen regionalen und/oder sozialen Erfahrungen begründen. Das Aufeinandertreffen der verschiedenen Ideen führt zum scharfen Wettbewerb, der schließlich zugunsten der Ideen entschieden wird, die alle Kritik unbeschadet überdauern. Der hart ausgetragene Ideen-Wettstreit erzeugt selbst immer weitere neue Ideen, die ebenfalls den Wettbewerb bestehen müssen und zum Kennzeichen des kreativen Milieus werden.
Im letzten Kapitel spricht MEUSBURGER offene Forschungsfragen wie die Art des Zusammenhangs zwischen Wissen und Handeln, zwischen Mobilität und Karriere, zwischen Persistenz und Wandel von räumlichen Disparitäten im Ausbildungsniveau, zwischen Forschungsleistungen von Universitäten und Großforschungseinrichtungen und wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgen, zwischen Netzwerken von Hochqualifizierten und kreativen Milieus etc. an. Insgesamt gelingt es MEUSBURGER ganz ausgezeichnet, in seiner sehr umfassenden Arbeit die Bedeutung der Räumlichkeit für das Handeln von Akteuren und Organisationen sowie für die Konzentration von Wissen und Macht und die daraus folgenden Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Zentrum und Peripherie aufzuzeigen.
Das Buch ist nicht nur für Geographen eine profunde Daten- und Wissensquelle, sondern gibt auch Soziologen, Wirtschaftswissenschaftlern, Psychologen u. a. die Möglichkeit, den räumlichen Kontext der Produktion, Vermittlung und Kontrolle von Wissen in ihre Überlegungen einzubeziehen. Da das Buch sehr dicht aber dennoch immer gut verständlich und durch viele Beispiele, die einer beeindruckenden Zahl wissenschaftlicher Arbeiten entnommen wurden, durchgängig anschaulich und zum Weiterlesen motivierend geschrieben ist, wird es sicher sehr rasch zu einem Standardwerk der deutschen Bildungsgeographie. 
Autor: Dieter Klaus

Quelle: Erdkunde, 54. Jahrgang, 2000, Heft 2, S. 181-183

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