Nejat Göyünc und Wolf-Dieter Hütteroth: Land an der Grenze. Osmanische Verwaltung im heutigen türkisch-syrisch-irakischen Grenzgebiet im 16. Jahrhundert. Istanbul 1997. 312 S.

Mit der historischen Landschaft des Alten Obermesopotamien haben die Autoren ein Untersuchungsgebiet gewählt, das eine ganze Reihe von Besonderheiten aufweist. Grenzüberschreitend erstreckt es sich über Teilbereiche von drei Nachfolgestaaten des Osmanischen Reiches in der Peripherie des Irak, Syriens und der Türkei. Abgesehen von Studien zur Staudammproblematik sowie zahlreichen archäologischen Arbeiten vor allem aus dem Bereich der syrischen Flußlandschaften an Euphrat und Khabur, hat dieser Raum bislang nur wenig Beachtung in der Literatur gefunden.
Auf Grundlage osmanischer Steuerstatistiken gelingt den Autoren eine Rekonstruktion der Kulturlandschaft des 16. Jahrhunderts im südlichen Bereich der ehemaligen Provinz Diyarbakir. Sie konzentrieren sich dabei auf die Verwaltungseinheiten (kaza bzw. liva) Berriyyeg?ik und Hasankeyf (Türkei), Akçakal`a, Mardin und Nisibin (türkisch-syrisches Grenzgebiet), Habour und Deyr-ez-Zor (Syrien) sowie Singa?r und Hit (Irak). Die dabei angewandte historisch-geographische Methode der Rekonstruktion früherer Bevölkerungsverteilung, Siedlungsmuster, Religionszugehörigkeiten und Wirtschaftsstrukturen anhand der  bekanntermaßen detaillierten osmanischen Steuerregister hat eine lange Tradition (z. B. BARKAN 1943, GLASER 1943, DJIKIYA 1947, INALCIK 1954, HEYWOOD 1985, BINARK 1994). Zwischen Dalmatien und dem West-Kaukasus sowie zwischen der pontischen Küste des Schwarzen Meeres und dem östlichen Arabien gibt es nur wenige Provinzen, die nicht schon nach diesem bewährten Verfahren untersucht worden sind. Das im anzuzeigenden Band vorgestellte Untersuchungsgebiet zeichnet sich im Vergleich zu verwandten Studien nicht nur durch seine umfassende, grenzüberschreitende Ausdehnung aus, sondern vor allem auch dadurch, daß es ein ausgesprochen breites Spektrum äußerst heterogener Kultur- und Naturlandschaften umfaßt. Im Sinne eines Nord-Süd-Profils reicht es von den Gebirgsgegenden Südwest-Kurdistans im Norden über das Steppenvorland im türkisch-syrischen Grenzgebiet bis zu Berg- und Flußoasen in den Wüstenregionen Syriens und des Irak. Während methodisch verwandte Studien häufig in der Dokumentation historischer Lokalverhältnisse verhaftet bleiben, ermöglicht die vorgelegte Arbeit einen ungewohnt großräumigen Vergleich.
Die statistische Grundsubstanz der Studie bilden Steuerregister (mufassal defterler), die überwiegend um 1564 entstanden. Diese Quellen sind relativ vollständig und spiegeln einen hohen Entwicklungsstand osmanischer Verwaltungskultur wider, der weder vor dieser Zeit noch danach - bis zum 20. Jahrhundert - wieder erreicht wurde. Das ausgesprochen umfangreiche, nach Verwaltungsbezirken gegliederte Informationsmaterial der Steuerregister haben die Autoren in einem beeindruckenden Statistikteil (S. 139-275) zusammengefaßt und teilweise ergänzt. Durch die Detailliertheit dieser Angaben wird eine defterologisch abgesicherte Rekonstruktion der damaligen Agrarlandschaft auf Dorfebene (!) nachvollziehbar.
Mit dem Titel "Land an der Grenze" spielen die Autoren weniger auf die bis heute aktuelle politisch-strategische Brisanz der Region an als vielmehr auf die Tatsache, daß es sich hier um ein Gebiet jenseits unmittelbar dominierender osmanischer Verwaltungsstrukturen handelte. Auf eindrucksvolle Weise veranschaulichen sie die der osmanischen Steuerpolitik im 16. Jahrhundert gelungene Synthese zwischen den Sachzwängen einer zentralistischen Vereinheitlichung einerseits und einer angepaßten Integration regionaler Besonderheiten andererseits. Dabei wurde die Zusammenstellung der Dokumentation nicht unerheblich dadurch erschwert, daß dem Besteuerungssystem offenbar nicht nur regional unterschiedliche Maßeinheiten zugrunde lagen, sondern teilweise auch die gleichen Bezeichnungen (z. B. keyl, kile) für ganz unterschiedliche Maßeinheiten verwendet wurden. Daß den Autoren dennoch eine überregional vergleichbare Dokumentation gelungen ist, gehört zu den großen Verdiensten der Arbeit. Bemerkenswert ist vor allem der Nachweis unterschiedlicher Steuersätze sowohl innerhalb des Untersuchungsgebietes als auch im Vergleich zu anderen Provinzen des Osmanischen Reiches. Von der sonst üblichen Besteuerung mit 1/5 weichen insbesondere die Grenzertragsgebiete der Gebirgsländer und die Oasenlandschaften mit Steuersätzen von 1/7 bis 1/8 ab. Diese Bereiche konnte und/oder wollte die Zentralregierung nicht so kontrollieren wie die fruchtbareren Landschaften entlang des Saumes zwischen Gebirge und Steppenvorland, da hier der Kontrollaufwand höher als zu erwartende Zinsabgaben gewesen wäre.
Sechs Farbkarten im Maßstab 1:400000 bilden den groß-zügig gestalteten Anhang des Bandes. Die Karten zeigen Siedlungstypen, Bevölkerungsverteilung und die jeweils vorherrschenden landwirtschaftlichen Produktionsformen zur Zeit des 16. Jahrhunderts. Dabei wird jeweils der nördliche Bereich des Untersuchungsgebietes mit dem Gebirgs- und Steppenvorland im türkisch-syrischen Grenzgebiet auf gesonderten Kartenblättern getrennt vom südlichen Abschnitt mit den Wüstengebirgen und Flußoasenlandschaften Syriens und des Irak dargestellt. Bei einer auf das Notwendige reduzierten Reliefinformation werden nicht nur alle ländlichen Siedlungen mit ihren jeweiligen Steuer-Kennungen, sondern darüber hinaus auch allgemein nur schwer zu verortende Lebens- und Wirtschaftsbereiche nomadischer Gruppen erfaßt und mit hierarchisch gestuften Signaturen belegt.
Karten, Glossar, Statistiken und alle größeren Tabellen der Dokumentation zeichnen sich vor allem auch dadurch aus, daß sie dreisprachig aufgebaut sind (Arabisch, Deutsch, Türkisch) und damit über den interdisziplinären Ansatz hinaus Grundlage für weitere international angelegte Forschungen sein können.    
Autor: Andreas Dittmann

Quelle: Erdkunde, 54. Jahrgang, 2000, Heft 2, S. 184-185

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