Paul Cloke; Philip Crank and Mark Goodwin (Eds.): Introducing Human Geographies. London et al. 1999. 368 S.

Die Einrichtung gestufter Studiengänge (B. A./M. A.), die in nächster Zeit an vielen Instituten vonstatten gehen dürfte, bietet viele Chancen zur inhaltlichen Neustrukturierung der Hochschulcurricula. Dafür bietet diese "Einführung in einige Humangeographien", wie eine deutsche Übersetzung des Titels lauten könnte, eine hervorragende Grundlage. Der Band ist ein weiterer überzeugender Beleg für die hoch entwickelte Lehrbuchkultur des britischen Wissenschaftssystems. Die große Vielfalt inhaltlicher und methodischer Orientierungen der modernen Humangeographie wird von insgesamt 33 Autorinnen und Autoren entfaltet. Der äußerst sorgfältig redigierte, reich bebilderte und mit anderen Anschauungshilfen ausgestattete Text geht in drei Schritten vor. - Teil I führt in wesentliche Grunddebatten der aktuellen Humangeographie ein. Das geschieht anhand von fünf Begriffspaaren: Culture - Nature, Society - Space, Local - Global, Structure - Agency, Self - Other, Image - Reality. Welch ein Reichtum an Ideen, welche Fülle an Fakten und Anregungen, welche Klarheit des Blicks auf die Forschungsfronten heutiger Humangeographie! Gut sechzig Seiten obligatorische Lektüre für alle Studienanfänger, auch (oder eher weil) dabei einige harte Brocken zu bewältigen sind, etwa der in grundlegende Ontologien geographischen Denkens einführende Text von SUSAN M. SMITH (Society - Space). - Im Teil II, der gut die Hälfte des Buches einnimmt, werden "the most vibrant areas in today's Human Geography" behandelt. In jeweils drei Kapiteln werden sechs Teilbereiche der Humangeographie mit ihren früheren und aktuellen Hauptthemen und -konzepten vorgestellt und kritisch diskutiert. Es handelt sich um "halb-integrative" Arbeitsfelder, auf denen bereits Inhalte mehrerer konventioneller Bindestrichgeographien verknüpft werden: Entwicklungs-, Wirtschafts- und Umweltgeographien sowie Historische, Politische und Soziokulturelle Geographien. Dabei werden, oft anhand klassischer und aktueller Beispielstudien, vertraute und neue Konzepte und Denkweisen des Faches ins Blickfeld der Studienanfänger gerückt, z. B. Nachhaltigkeit und Geopolitik, Nationalismus und Landschaft, Modernisierung und Geodeterminismus. Beeindruckend ist die durchgehend hohe Qualität aller Texte mit ihren präzisen, zum Weiterdenken auffordernden Zusammenfassungen und Empfehlungen für weiterführende Lektüre im Eigenstudium. Stellvertretend für diesen Teil des Buches sei die innovative und mutige Diskussion von Erinnerungsräumen erwähnt (NUALA C. JOHNSON, "Memory and heritage", Kapitel 18). - Teil III führt dann inhaltlich noch stärker zusammen; er widmet sich dem Studium "of particular kinds of places and spaces". In zehn Kapiteln stehen "Kontexte" im Mittelpunkt. Die Kapitel 25 bis 29 bieten, in aufsteigender Reihung der Maßstabsebenen, gründliche Einführungen in Fragestellungen und Denkansätze der neuen Regionalgeographie; sie reichen von Analysen körperzentrierter feministischer Erfahrungen von Mikroräumen bis zum System des weltweiten Kolonialismus und der Globalisierung. Für die letzten fünf Kapitel werden Kontexte einheitlich als "spaces of flow" (M. CASTELLS) aufgefaßt, eine überzeugende Leitidee für die problemorientierte Darstellung von Migrationsströmen, Tourismus, Warenkreisläufen, den Medien und dem Cyberspace. - Bei aller thematischen Vielfalt des Bandes ist unvermeidlich, daß sich die Herausgeber zur Notwendigkeit selektiver Behandlung von Themen und Konzepten bekennen. Im Vergleich mit gängigen Einführungen in die Humangeographie gibt es tatsächlich einige auffällige Lücken: Konzepte wie Aktionsraum, Lebenswelt, Diffusion, Zentralität, Erreichbarkeit fehlen, Grundmodelle von Autoren wie Christaller, Galtung, Myrdal, v. Thünen werden gar nicht erwähnt. Ganz und gar fehlt auch die Verkehrsgeographie - und dies ist angesichts der durchgehenden Bedeutung, die Aspekte wie "globale Raumkontraktion" und die erwähnten "spaces of flow" für den ganzen Band haben, nun wirklich merk- und fragwürdig. Wann, wenn nicht im ersten Jahr, sollen diese humangeographischen Teilgebiete und Konzepte den Studierenden nahegebracht werden? Zählen die Herausgeber sie etwa pauschal zu den "simplistic models of spatial laws and forms that for a while came to dominate many anglophonic school curricula" (S. IX)? Ziehen sie den Schluß, daß diese Grundmodelle nun ein für allemal aus dem Kanon humangeographischen Grundwissens gestrichen werden können? Oder sollen sie vielleicht im zweiten Studienjahr behandelt werden? Hoffnungsvoll wendet sich der Blick in die Zukunft, auf eine Fortsetzung dieses überzeugenden Bandes. Man wünschte sie sich sehr! Aber nicht zuviel auf einmal verlangen. Zunächst und einmal mehr ist ein bewundernder Dank an die britischen Kollegen fällig. Sie laden mit ihrem undoktrinären Text zur kritischen, offenen Beschäftigung mit der aktuellen Humangeographie ein. Wie ließe sich eine solche Einladung besser formulieren? Ganz dringend empfohlen für alle, die Geographie eine Zeitlang zu einem Mittelpunkt ihres Denkens und Lebens machen wollen!    
Autor: Heiner Dürr

Quelle: Erdkunde, 54. Jahrgang, 2000, Heft 3, S. 272

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