Anne Buttimer, Stanley D. Brunn and Ute Wardenga (Eds.): Text and Image. Social Construction of Regional Knowledges. Institut für Länderkunde, Leipzig 1999 (Beiträge zur Regionalen Geographie, Band 49). 305 S.

Die Herausgeber liefern eine in ihrem Umfang beeindruckende Zusammenstellung von Beiträgen, deren zentrales Thema eine Analyse der imagebildenden Kraft des Textes ist. Auf die Entwicklung der wissenschaftlichen Geographie bezogen ist dieses Anliegen in seinem aktuellen Wert kaum zu unterschätzen, geht es doch darum, wie (geographische) Texte diejenigen Bilder hervorrufen, die sich als Weltbilder, als Teil gesellschaftlicher Wirklichkeit, manifestierten und manifestieren.
Aus der historisch-reflexiven Aufbereitung der Thematik "Text und Image", wie sie hier vorliegt, erwächst somit nicht nur ein tieferes Verständnis der Vielschichtigkeit "regionalen Wissens". Es gelingt auch der kritische Blick auf den Text
als machtvolles Instrument und die Verantwortung, die Geographen - als "Macher" von Geographien an prominenter Stelle - innehaben (s. insbes. Beiträge JONES/NATTER; MONDADA/RACINE).
Die Stärke der Zusammenstellung liegt in der Vielfalt der theoretischen und methodischen Zugänge, die ganz unterschiedliche Kontexte der Imageproduktion beleuchten. Die Konstruktion von raumbezogenem Wissen wird nicht nur in einen weiten geschichtlichen Zusammenhang gestellt, sondern auch biographisch, institutionell, kulturspezifisch und sprach- bzw. diskurstheoretisch betrachtet. Vom "bildenden" Einfluß klassischer Texte der "Väter der Geographie" wie Humboldt oder Ritter (I) wird der Bogen über die Institutionalisierung der wissenschaftlichen Geographie und ihres Forschungsprogrammes (II) zur Verwobenheit von (bildungs)politischer Praxis mit sprachlichen Repräsentationen des "Wir" und der "Anderen" (III) gespannt.
Teil I: "Re-reading Foundational Texts" wendet sich den Anfängen der Disziplin zu. Die Entwicklung des "cognitive consensus'" (Einleitung I:9) der wissenschaftlichen Gemeinde wird auf einzelne Leitfiguren in verschiedenen Sprachräumen zurückgeführt. Über die kontextbezogene Analyse klassischer Texte wie der "Praecognita of Varenius" (Beitrag LUKERMANN) gelingt dabei auch eine Enthüllung geodeterministischer Altlasten in der heutigen Humangeographie.
Mit Teil II: "Institutional Contexts of Regional Knowledge" wird auf die gegenseitige Bedingtheit geographischen (regionalen) Wissens, der "cognitive claims" (Einleitung II:67), und institutioneller respektive fachpolitischer Praxis verwiesen. So wird - als ein Aspekt mit besonderer Relevanz für die deutschsprachige Geographie - auch die Persistenz des Länderkunde-Gedankens im Fach (u. a. Beitrag WARDENGA) kritisch beleuchtet.
Im dritten Themenblock "Polyphonies of Place and Identity" bieten die Beiträge differenzierte Einblicke in die Wirkungskomplexität des Gesellschaft-Raum-Verhältnisses. Regionale Einheiten und deren einzigartiger "Charakter" sind - so wird deutlich - sozial konstruierte Gegebenheiten, und je nach Perspektive Ursache oder Folge der regionalen Identität ihrer Bewohner. Die im jeweiligen regionalen "setting" geltende Konstruktion des "Wir" bietet den Kontext für die Konstruktion des "Anderen" und ist selbst gleichsam auch eine Konstruktion von Anderen (u. a. Beiträge KOKKONEN, PAASI).
Kumulativ erwirken die ersten drei Themenbereiche, was eine Monographie zum selben Thema kaum zu leisten vermag: einen Synergieeffekt unterschiedlichster Perspektiven, der die Komplexität von konstruierten "multiple geographies" (Einleitung III:130) allein schon in der gesammelten Vielfalt adäquat wiedergibt.
Auf eine alle Teile übergreifende Einleitung, die diesen grundlegenden Aspekt hervorhebt und die Idee der Gliederung mit jeweiligem perspektivischem Schwerpunkt skizziert, wurde jedoch leider verzichtet. Die theoretischen Implikationen des Titels gewinnen erst im letzten Abschnitt (IV: "Theoretical Reflections") an Schärfe, der - an den Anfang gestellt - einen hervorragenden Orientierungsrahmen für die weitere Lektüre geboten hätte.
So wird die argumentative Verflechtung von "Text" und "Image" resp. "Repräsentation" und "Raum" erst im Beitrag 23: "Space 'and' Representation" (JONES/NATTER) in all ihrer Widersprüchlichkeit grundlegend aufbereitet, während die jeweils unterschiedlichen theoretischen Interpretationen in den vorhergehenden Beiträgen Verwirrung stiften. Auch die zentrale Kategorie der "Region" hätte in dieser Hinsicht einer einleitenden Auseinandersetzung bedurft. Statt dessen sorgen gelegentliche Wendungen der Herausgeber wie "regions themselves" (Einleitung III:130) für Unklarheit, weil sie entgegen der offenbar konstruktivistischen Grundhaltung des Bandes (s. a. Titel) die Region wieder als ontologische
Einheit erscheinen lassen [innerhalb derer dann multiple Geographien existieren (ebd.)!]. Auch die Aufnahme eines in
seiner theoretischen Ausrichtung essentialistischen Beitrages (WILCYNSKI: "Gatekeeping and Regional Knowledge in
Poland"), in dem von einer auf Flußläufen basierenden "very existence of regions" (ebd.:113) ausgegangen wird, geht zu Lasten der Konsistenz, wenn sie kommentarlos geschieht.
Ein einleitender Artikel zum Thema kann und soll keine einheitliche konzeptuelle Festlegung liefern. Daß sich räumliche Begrifflichkeit wie "Region" sowohl auf den Kontext beziehen kann, in der eine Repräsentation entstanden ist,
als auch auf das Repräsentierte selbst (s. Beitrag JONES/NATTER: 243), und daß sich "Text" nicht nur als geschriebenes Wort in Schulbüchern (s. Beiträge PAASI; BUTTIMER/FAHY), sondern auch als "all of the available regional information" (Beitrag YOON: 257) "lesen" läßt, sind schließlich keine analytischen Unschärfen. Vielmehr sind es Konsequenzen kritischer geographischer Gesellschaftstheorie, für die der Band in seiner Gesamtheit durchaus steht. Um so mehr aber sollten dann Herausgeber dem Anspruch folgen, das theoretische und methodische Spektrum der zusammengestellten Ansätze in ihrer Gliederung transparent zu machen. Dazu gehört auch, die Vieldeutigkeit der Kernbegriffe und deren unterschiedliche Verwendung herauszustellen. Andernfalls wird der geforderte "cross-disciplinary dialogue" (Einleitung IV:238) unnötig erschwert und es
besteht die Gefahr, dem eigenen reflexiv-analytischen Anspruch nicht gerecht zu werden. Schließlich ist raumbezogenes Wissen, so die Herausgeber selbst, in seiner sozialen Konstruktion "a complex affair" (ebd.) und nicht zuletzt abhängig von der sprachlichen Ausdruckskraft und der Form des (wissenschaftlichen) Textes, den "elements of language and literary form, of contested ideological orientations, of style of argument and overall story ..." (ebd.).
Autorin: Antje Schlottmann

Quelle: Erdkunde, 55. Jahrgang, 2001, Heft 3, S. 297-298

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