Doreen Massey, John Allen and Philip Sarre (Eds.): Human Geography Today. Oxford / Malden, MA 1999. 340 S.

Human Geography Today ist das Resultat eines Projektes am Department of Geography der Open University in Milton Keynes, Großbritannien. Die Publikation ist eine Sammlung von Aufsätzen, die aktuelle und zukünftige Themen der Humangeographie und Debatten und Diskurse um diese Themen anspricht. Der Überbau aller Aufsätze ist die abstrakte Erkenntnis der Verräumlichung der Sozialtheorie und der Anspruch der geographischen Theoretisierung. Diese Grundauffassung findet sich in allen Beiträgen des Buches wieder.
Die Publikation ist in fünf Teile gegliedert: Im ersten Teil The 'Nature' of Human Geography faßt DOREEN MASSEY einleitend die aktuellen Debatten und Kontroversen innerhalb der Humangeographie zusammen und erläutert deren Entstehung aus und ihre Verbindung zu verschiedenen geistesgeschichtlichen Strömungen. SARAH WHATMORE nimmt im zweiten Kapitel des ersten Teils Ansätze von Akteur-Netzwerk Theoretikern auf und benutzt diese, um die strikten
fachinternen Abgrenzungen innerhalb der Geographie zu diskutieren. Ihr Aufsatz Hybrid Geographies: Rethinking the
'Human' in Human Geography zeigt die Bedeutung der Geographie für die Darstellung der Welt in binären Oppositionen auf. Um diesen binären Welten zu entkommen, bedarf es nach WHATMORE einer Neuformulierung und des Überdenkens geographischer Vorstellungen.
Diese geographischen Vorstellungen bzw. Imaginationen werden im zweiten Teil Imaginative Geographies angesprochen. Seit Edward Saids richtungsweisendem Text Orientalism hat der Begriff Imaginative Geography ungeahnte Popularität zumindest in der englischsprachigen Geographie erfahren. GILL VALENTINE nimmt in ihrem Beitrag Imagined Geographies: Geographical Knowledges of Self and Other in Everyday Life Saids Ausführungen auf und arbeitet eine Konzeption aus, wie vorgestellte Geographien als geographisches Wissen das Wissen über das Selbst und das Andere in alltäglichen Handlungen beeinflußt und reproduziert. VALENTINES Text konzipiert diese vorgestellten Geographien durch die Betrachtung der Vorstellungen des personalen Raumes und der Imagination von Gleichheit und Differenz. Exemplarisch veranschaulicht sie diese Prozesse an unterschiedlichen food-scapes: "Throughout our everyday lives we constantly negotiate space, positioning ourselves physically, socially, morally, politically and metaphorically in relation to others. Eating is just one everyday act through which we imagine ourselves as spatial and position ourselves in space." Saids Arbeiten und Homi Bhabbas The Location of Culture werden von DAVID SLATER aus geographischer Perspektive beleuchtet. In seinem Beitrag Situating Geopolitical Representations: Inside/Outside and the Power of Imperial Interventions zeigt er die Komplexität US-amerikanischer imperialistischer Vorstellungen auf und verdeutlicht so die Ursprünge der Vielfalt und Fragmentierung kolonialer und imperialer Diskurse, anstatt lediglich ihre Effekte aufzuzeigen. MICHAEL WATTS veranschaulicht in seinem Beitrag Collective Wish Images: Geographical Imaginaries and the Crisis of National Development die Verräumlichung der Autonomiebewegung der Ogoni im Niger-Delta von Nigeria. WATTS illustriert die Grundlagen dieser Bewegung als Artikulation von Geschichte und Geographie. Er bezieht sich in seiner Diskussion auf den in den Cultural Studies von Stuart Hall entwickelten Sinn von Artikulation als Übertragung von Identität auf einen politischen Gegenstand bzw. ein politisches Ziel und veranschaulicht die Bedeutung dieser imaginativen Geographien für aktuelle Debatten um development und post-development.
Teil drei der Publikation (Geography and Difference) widmet sich dem Thema sozialer und kultureller Ungleichheit. Difference wird in der Debatte um den cultural turn in der Humangeographie nicht nur diskutiert, da sich die jüngere Kulturgeographie stark mit kulturellen Handlungen und Politiken beschäftigt, sondern auch, weil innerhalb der Debatten um
soziokulturelle Ungleichheit räumliche Metaphorik einen besonderen Stellenwert einnimmt. Die Beiträge des dritten Teils versuchen die Überschneidungen dieses spatial turn in den Kulturwissenschaften und des cultural turn in der Geographie begrifflich zu fassen und beide Konzepte weiter zu entwickeln. DAVID SIBLEY diskutiert in seinem Beitrag Creating Geographies of Difference räumliche Aspekte psychoanalytischer Theorien (von Melanie Klein und Julia Kristeva) und konstruiert eine Konzeption für psycho-soziale Geographien. In The Cultural Politics of Difference zeigt SUSAN J. SMITH die politische und gesellschaftliche Konstruktion sozialer Ungleichheit auf und diskutiert die Fragen wo, warum, wie und durch wen soziale Ungleichheit 'gemacht' wird. Ein interessanter empirischer Beitrag ist der Aufsatz von GERALDINE PRATT Geographies of Identity and Difference: Marking Boundaries. PRATT diskutiert Fragen der Verortung von Kultur, von transnationalen Identitäten und hybriden Kulturen anhand der Fallstudie eines in Kanada arbeitenden philippinischen Hausmädchens und kommt zu einer kritischen Beurteilung des Konzeptes der Hybridität. "Marking boundaries [...] may be as politically productive as blurring them in notions of mobility, hybridity and thirdspace".
Teil vier des Buches beschäftigt sich mit den Verwebungen von Raum und Macht. Die Beiträge von JOHN ALLEN, JOHN AGNEW und SARAH RADCLIFFE thematisieren, wie Macht durch Handlungen und Diskurse wirkt. Dabei wird insbesondere deutlich, welche Gefahr die Betrachtungsweise von Machtkategorien als dominierender Diskurs und Widerstand mit sich bringt.
Der letzte Teil des Buches Rethinking Space and Place widmet sich den für die Geographie zentralen Begriffen von Raum und Ort. Raum und Ort sind Konzepte, auf die die Geographie unentwegt zurückgreift. Dies geschieht nicht ohne Grund, wie die Beiträge dieses Teils zeigen. Raum und Ort werden hier als organisierende Rahmen für das Verständnis der Welt gesehen. GILLIAN ROSE präsentiert in Performing Space ein Konzept, welches Raum als einen Ausdruck des Zusammentreffens von Diskursen, Phantasie und Körperlichkeit beschreibt. Sie bezieht sich in ihrer Darstellung auf die in der Tradition der Gedankenwelt Foucaults stehende amerikanische Professorin für vergleichende Literaturwissenschaften und Rhetorik, Judith Butler, bzw. auf deren Konzept der performativen Handlungen in der Diskussion um Geschlechterordnungen. In Butlers Konzept wird die von
heterosexuell dominierten Diskursen geprägte binäre Geschlechterordnung einer möglichen Aufweichung durch Darstellungen bzw. Repräsentationen im nicht-heterosexuellen Kontext gegenübergestellt. ROSE identifiziert innerhalb dieser Prozesse diskursive, körperliche und phantastische Elemente und ordnet diesen Elementen verschiedene Sphären zu, welche sie als spezifische und relationale Räume ansieht. Geographische Imaginationen sind Gegenstand des Kapitels Thirdspace von EDWARD SOJA, in dem er darlegt, wie traditionelle Konzepte von Raum, Ort, Territorium, Standort etc. hinterfragt und alternativ gedacht werden können. Dieses Kapitel ist eine komprimierte und auf fünf zentrale Thesen reduzierte Fassung seines Buches Thirdspace: Journeys to Los Angeles and Other Real-and-Imagined Places. Übergeordnete Fragestellung des Kapitels Spaces of Politics von DOREEN MASSEY ist, wie über Raum und Räumlichkeit gedacht werden könnte. Zuerst führt MASSEY aus, inwieweit Raum ein Begriff ist, der in allen möglichen Kontexten gebraucht wird, aber viel zu selten systematisch erklärt wird und dessen mögliche Bedeutungen zu selten angesprochen werden. Im Fokus dieser Überlegungen steht der Umgang mit Raum, politics of space, aus dessen Beobachtung MASSEY drei Vorschläge entwickelt, Raum zu konzeptualisieren: (1) Raum als Produkt von Beziehungen, welche kommunikativ hergestellt werden. (2) Raum als Sphäre, die die Existenz von Vielfalt ermöglicht. (3) Raum als ständig einem Prozeß unterworfen und somit als nicht geschlossenes System. Anschließend zieht MASSEY Verbindungen zu aktuellen progressiven politischen bzw. philosophischen Debatten. Unter politics for our times bzw. progressive politics versteht sie die Verpflichtung gegenüber der Offenheit der Zukunft, die Wahrnehmung von Vielfalt und Unterschieden und einer generellen kritischen Aufmerksamkeit gegenüber essentialistischen Anschauungen. Jede der drei vorgeschlagenen Möglichkeiten beinhaltet unterschiedliche Aspekte dieser Verbindungen. Die Vorstellung von Raum als ein Produkt von Beziehungen steht in Einklang mit Versuchen, Identitäten nicht als gegeben und fixiert anzusehen, sondern auf die Offenheit und das Werden Bezug zu nehmen und so die Konstruiertheit und Relationalität zu betonen. Die Konzeptualisierung von Raum als Sphäre der Möglichkeit von Vielfalt steht in Beziehung zu Versuchen, die Perspektive des Anderen mit einzubeziehen. Dieser emanzipatorische Ansatz kann als Ergebnis feministischer und postkolonialer Diskurse gesehen werden. Die letzte Verbindung besteht zwischen dem Charakter des Raumes als ständig einem Prozeß des Werdens unterworfen und der generellen Offenheit der Zukunft. Das letzte Kapitel Steps to an Ecology of Place von NIGEL THRIFT entwirft ein Konzept von Ort, welches ebenfalls relational gedacht und auf einem relational materialism beruht.
Das Buch Human Geography Today bietet somit einen sehr intensiven Einblick in die aktuellsten Diskurse innerhalb
der englischsprachigen Humangeographie. Einige Konzepte sind dabei bereits seit längerem aus früheren Publikationen bekannt, andere sind aufgrund ihrer innovativen und manchmal fremden und (ver-)theoretisierten Art etwas schwer zugänglich. Sehr hilfreich sind daher die einführenden Seiten zu jedem der fünf Teile, sowie das Vor- und Nachwort. Insgesamt ist die Publikation sehr inspirierend und für jeden an disziplinpolitischen, methodologischen und raumtheoretischen Fragestellungen interessierten Leser nur zu empfehlen.
Autor: Thorsten Hülsmann

Quelle: Erdkunde, 55. Jahrgang, 2001, Heft 3, S. 298-299


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