Hermann Eberhard Löhnis: Die Tücken des Maultiers. Eine lange Reise durch Südamerika 1850-1852. Herausgegeben von Kurt Graf und Paul Hugger. Zürich 2000 (Das volkskundliche Taschenbuch 21). 367 S.

An einer unverdächtigen Stelle, der Schriftenreihe der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde, tauchte im vergangen Jahr gleichsam eine ,Flaschenpost' aus den Anfängen der Länderkunde auf. Vor einigen Jahren hatte der Volkskundler und Mitherausgeber PAUL HUGGER ein 236 Foliantseiten umfassendes Manuskript bei einer Haushaltsauflösung in Lausanne aus einer alten Bananenschachtel voll Geschirr gezogen und dadurch wohl vor dem Mülleimer gerettet. Auf jenen Blättern fand sich ein lange verschollener Reisebericht, welcher in angenehm zu lesendem und doch inhaltsreichem Stil in den chronologischen Reiseablauf landeskundlich aufschlussreiche Ausarbeitungen einbettet über die an Wirren reiche ,Zeitgeschichte' der noch jungen lateinamerikanischen Republiken sowie wirtschafts- und sozialgeographische
Themen beleuchtet. Dabei reicht das Spektrum von der
argentinischen Diktatur des General Rosas (1835-52) über die Verhältnisse der Auswanderer in Chile und Peru bis zum Tabakanbau und Silberminen in Kolumbien mit den jeweils ,aktuellsten' Angaben zu den Handelsverhältnissen.
Der nur behutsam redigierte und mit erklärenden Anmerkungen versehene Text schildert die ersten drei Jahre einer ausgedehnteren Bereisung Lateinamerikas. Den größten Teil des Berichtszeitraums (1850-51) verbrachte der Verfasser wohl als Handelsagent in den La Plata-Staaten, bevor er 1852 um Kap Hoorn und entlang der chilenisch-peruanischen Küste segelte, wo er zwischen Valparaiso und Guayaquil die wichtigen Häfen anlief und beschrieb, bevor er von dort aus abenteuerlich auf Maultierrücken die Anden über Quito bis Bogota überwand und am Schluß auf dem Rio Magdalena bis in die Karibik fuhr, um bis Panama-Stadt zu gelangen.
Nach dem Abschluss der hier beschriebenen Reise kehrte der Verfasser nicht etwa in die Heimat zurück, sondern besuchte noch zwei weitere Jahre lang Brasilien, die Karibik und Mexiko mit Kalifornien - angesichts des Lausanner
Fundes fragt man sich, was wohl aus dem dabei sicherlich entstandenen Material geworden sein mag -, bevor er sich als Kaufmann 1854 in New York und 1859 in London niederließ. Über diesen weitgereisten und zuverlässigen Berichterstatter, der später eine Beschreibung der USA (1864) und den Bericht einer Levantereise (1882) veröffentlichte, ist bislang kaum mehr bekannt, als dass er wohl aus dem Bonner Raum stammte, wo sein Vater an drei Alaunhütten beteiligt gewesen war. Dieser Hintergrund mag dem jungen HERMANN EBERHARD LÖHNIS zu einer gewissen finanziellen Absicherung verholfen haben. Er ist jedenfalls auch Kaufmann mit Verbindung zum Außenhandel geworden, den die Reiselust sowie mehr praktischer Weise die Vermittlungstätigkeit für Handelshäuser auf zwei Jahrzehnte in die ,Neue Welt' drängten.
Aus geographischer Sicht bedauerlich an dieser verdienstvollen Erstausgabe ist, dass die Herausgeber zwar etwa fünfzig alte Stiche und Photographien in das Manuskript einstreuten, aber neben einer zu einfachen Übersichtsskizze mit der Andeutung der Reiseroute kein naheliegendes und manche landeskundliche Beschreibung des Verfassers verständlicher machendes zeitgenössisches Kartenmaterial beigegeben haben. Hier wäre etwa an die Karten VON TSCHUDIs, welchen LÖHNIS sogar zitiert, und PHILIPPIs, dessen Name im Text fällt, in den frühen Jahrgängen von Petermanns Geographischen Mitteilungen zu denken gewesen. Gleichfalls als misslich erweist sich, dass entgegen der sonstigen Gepflogenheit dieser Reihe auf die Mühe eines Sachregisters verzichtet wurde. Somit kann dieser unverhoffte Zugewinn der historischen Länderkunden von Südamerika vor allem einschlägig interessierten ,Lesern' - nicht eiligen ,Nachschlagern'! - als unterhaltende und an manch neuen Einblicken in die Zeitumstände bereichernde Lektüre empfohlen werden.
Autor: Imre Josef Demhardt

Quelle: Erdkunde, 55. Jahrgang, 2001, Heft 3, S. 305-306

Kommentar schreiben