Alfred Weber: Schriften zur Industriellen Standortlehre. Herausgegeben von Hans G. Nutzinger. Alfred-Weber-Gesamtausgabe, Band 6. Marburg 1998. 535 S.

Die Webersche Standorttheorie ist im vergangenen Jahrzehnt aus dem Olymp vertrieben worden. War sie zu Beginn der 90er Jahre noch der Grundbaustein in den meisten wirtschaftsgeographischen Lehrbüchern, so wird sie in Veröffentlichungen aus institutionalistischer und regulationstheoretischer Perspektive oder in der New Economic Geography kaum noch mit einer Fußnote gewürdigt. Webers Standortdreieck, das war die Erklärung des Raumes aus den Transportkosten. Und die Transportkosten scheinen in den Zeiten des global sourcing endgültig zu einem Randphänomen geworden zu sein.
Die Herausgabe von Alfred Webers standorttheoretischem Werk braucht aber keineswegs als Grabgabe für eine untergehende Theorietradition gewürdigt zu werden. Webers Entwurf der Raumwirtschaftstheorie sah anders aus als es die heutigen Lehrbuchdarstellungen glauben machen wollen. Dies gilt es nun wieder zu entdecken.
Die "Schriften zur Industriellen Standortlehre" sind Teil einer zehnbändigen Alfred-Weber-Gesamtausgabe und versammeln zum ersten Mal seine sämtlichen Arbeiten zur Standorttheorie in einem Band. Allein die Neuauflage der Monographie "Ueber den Standort der Industrien" ist bereits ein herausgeberisches Verdienst. Dieses Hauptwerk des Begründers der Industriegeographie war seit vielen Jahren im deutschsprachigen Raum vergriffen. Weiter enthält der Band die "Industrielle Standortlehre" sowie einige Artikel und Vorworte, die teilweise an abgelegenen Orten veröffentlicht waren. Schließlich werden eine Nachschrift seiner Vorlesungen zur "Praktischen Volkswirtschaftslehre" von 1919 und drei Gutachten erstmals veröffentlicht. An der Nachschrift ist bemerkenswert, wie Weber hier eine Skizze der sozialökonomischen Prozesse mit ihren wirtschaftsgeographischen Auswirkungen verbindet. Besondere Aufmerksamkeit widmet er dabei der Kapitalkonzentration und den Standortmustern der kapitalistischen Großunternehmen. Erhellend ist ebenfalls, wie er die Stärken des deutschen industriellen Systems herausarbeitet. In den 1917/18 für das Reichsschatzamt erstellten Gutachten untersucht Weber, wie sich die Rohstoffversorgung der deutschen Wirtschaft nach Kriegsende gestalten könne bzw. sich eine Rohstoffblockade der Alliierten auswirken werde. Der Ton dieser Ausarbeitung ist sachlich-nüchtern, gleichwohl zeichnet Weber mit wenigen Strichen, wie das Zusammenspiel von Rohstoffvorkommen und industrieller Nutzung in der damaligen Zeit geostrategische Einflußsphären festlegte.
Abgerundet wird der Band durch eine informative Einleitung des Herausgebers H. G. Nutzinger. Darin wird dankenswerterweise auch auf den "Abbruch" des Weberschen Projektes eingegangen. Weber hatte 1899 mit ersten Vorarbeiten zu seiner empirisch fundierten Standorttheorie begonnen, 1909 aber nur den ersten Band seines Werkes, die "Reine Theorie des Standortes", publiziert. Trotz mehrfacher Ankündigungen erschien der zweite Band, die "realistische" Theorie, nie. Einen wenig befriedigenden Ersatz legte Weber 1914 mit dem Artikel "Industrielle Standortslehre" vor, der seine Theorie zusammenfaßte und in wenigen Punkten auch weiterentwickelte, sowie zwischen 1913 und 1931 mit der Herausgabe von acht Dissertationen zu empirischen Beispielen. Nutzinger weist nun zum einen darauf hin, daß Webers Beschäftigung mit raumwirtschaftlichen Problemen nicht einfach abriß, zumindest bis zu seiner Emeritierung 1933 nahm er das Thema immer wieder auf. Zum anderen war weniger das knappe Zeitbudget des auf vielen Feldern beheimateten Wissenschaftlers ausschlaggebend als die Inkonsistenzen seines Ansatzes.
Die Frage, wo eigentlich diese Inkonsistenzen liegen, könnte auch beantworten helfen, wo heute die Weberschen Beiträge in die Industrie- und Wirtschaftsgeographie einzuordnen sind. Weber sieht auf der ersten Ebene seiner Theorie die geometrische Entfernung und physischen Gewichte der Waren als die raumbestimmenden Faktoren. Falsch, antworteten bereits Andreas Predöhl, Tord Palander und Walter Isard für die Neoklassik. Nicht physische, sondern wirtschaftliche Größen - Preise und Kosten - sind für ökonomische Akteure entscheidend. Sie übersetzten Webers technische Problemlösung in ein Preissystem, aber bekräftigten seine Sichtweise, daß den Transportkosten die determinierende Rolle in der Raumstrukturierung zukommt. In dieser Form wurde die "Webersche Standorttheorie" kanonisiert. Aber was hier als Lösung verbreitet wurde, erschien Weber selbst nur als erster Problemaufriß. Denn neben der ersten Ebene der regionalen Faktoren (eben den Transportkosten und den regional gegebenen Arbeitskosten) existiert bei ihm die zweite Ebene der Agglomerationsfaktoren. Unter ihnen versteht Weber alles, was die "Zusammenballung der Produktion" an einem Ort bewerkstelligt. Hier wird die brancheninterne Differenzierung und Integration angesprochen, Fühlungsvorteile zwischen Institutionen und Unternehmen und die Vorteile eines lokalen qualifizierten Arbeitsmarktes. Das heißt, hier behandelt Weber bereits viele Punkte, die aktuell in den Theorien der intraregionalen Spezialisierung diskutiert werden. In einem abschließenden Kapital versucht Weber den Zusammenhang der verschiedenen Einflußfaktoren und die Dynamik des Gesamtsystems zu bestimmen.
Webers Agglomerationsfaktoren und seine Dynamisierungsversuche wurden in der neoklassischen Fassung nur als Appendix behandelt. Es war immer offensichtlich, daß die Tendenz zur Agglomeration das Ideal eines räumlichen Gleichgewichts störte. Um so interessanter ist es, diese Spannung zwischen Regional- und Agglomerationsfaktoren im Originaltext aufzuspüren. Einerseits verheißt Weber eine mathematisch exakte Ableitung von Standorten ausgehend von den Transportentfernungen, andererseits weist er auf die Offenheit einer selbstregulativen kapitalistischen Wirtschaft hin. In einer Reihe von Hinweisen geht Weber auf die Dynamik der Produktionskosten in räumlichen Produktionssystemen ein, unter anderem auf die Kosten- und Innovationsvorteile, die ein spezialisierter Maschinenbau am Standort einer Branche ermöglichen kann. Seine häufig wiederholte Zurechtweisung, der dynamische Aufbau von Agglomerationsvorteilen an einem Standort modifiziere stets nur die vorhandene transportorientierte Raumstruktur, klingen vom heutigen Standpunkt aus wie hilflose Versuche, die Geister zu bändigen, die er selbst gerufen hatte. Diese Widersprüche dürften der Grund sein, warum dem ersten Band der "reinen Theorie" kein zweiter Band mit der empirischen Untersuchung am Beispiel Deutschland folgte. Weber selbst bezeichnete seinen ersten Band als "Propädeutik", der erst noch die "realistische" oder "empirisch-kapitalistische" Theorie im zweiten Band folgen solle. Deren Stellenwert gibt er im letzten Satz seiner "Reinen Theorie" an, wenn er darauf hinweist, daß "die kapitalistische Behandlung der Arbeitskraft als eine >Ware< (...) ungefähr den halben lokalen Aufbau unseres gegenwärtigen Gesellschaftskörpers" bedeutet. Offensichtlich hielt der Spannungsbogen nicht, und das empirische Material ließ sich nicht mit seiner "reinen Theorie" vereinbaren.
Dieser Widerspruch bei Weber zwischen dem sterilen Transportkosten-Modell und den Ausführungen der Agglomerationstendenz wurde in der neoklassischen Lesart kaum thematisiert. Sie glaubte in Weber einen der ihren zu erkennen. Zwar kritisierte Weber ebenso wie die österreichische Grenznutzenschule die Methodik der dominierenden Historischen Schule. Tatsächlich hatte er aber bei der Publikation im Jahr 1909 mit der Neoklassik nur den methodologischen Individualismus und die Lust an der isolierenden Abstraktion gemeinsam (und in späteren Jahren nicht einmal dies). Ihren Gleichgewichtsansatz und ihre Beschränkung auf die Tauschsphäre teilte er nie. Das raumwirtschaftliche Gleichgewicht ist zwar der methodische Fixpunkt seiner Untersuchung der Transportkosten, und Weber kleidet das Gleichgewichtsdenken kongenial in das Bild des Kräfteparallelogramms der Mechanik. Aber spätestens in der Betrachtung der Agglomerationsfaktoren wird jede normative Kraft des Gleichgewichtsbegriffs aufgegeben. Er betrachtet die Wechselwirkung der ökonomischen Aggregate, ohne daß er eine Anpassung an ein vorausgesetztes Gleichgewicht herbeimodelliert. Daß Weber die Indeterminiertheit der kapitalistischen Raumstrukturierung registriert, gilt es als seine besondere analytische Leistung anzuerkennen.
Damit ist es an der Zeit, von der traditionellen Verstümmelung der Weberschen Theorie Abschied zu nehmen. Weber interessierte nicht allein - wie es zuletzt auch Paul Krugman dargestellt hat - die Standortwahl des Einzelunternehmens. Richtig ist, daß dieser Teil formal am meisten befriedigt und als praktisches Instrument eingesetzt werden kann. Die einzelwirtschaftliche Perspektive ist aber nach Webers Bekunden nur ein Hilfsschritt zu Beginn seiner Standorttheorie. Letztlich möchte er "nicht mehr nur eine Analyse isoliert gedachter Produktionsprozesse, sondern der Gesamtlagerung der Industrie nach generellen Gesetzen" leisten. Gerade dieser gesamtwirtschaftlichen Sicht dient seine Bestimmung der Agglomerationsfaktoren. Es bleibt zu hoffen, daß Weber am Ende dieses Jahrzehnts, wenn sein Hauptwerk 100 Jahre alt sein wird, als legitimer Gründervater einer dann umfassenderen Wirtschafts- und Industriegeographie anerkannt wird.
Autor: Christoph Scheuplein

Quelle: geographische revue, 3. Jahrgang, 2001, Heft 1, S. 53-56

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