Henry Beierlorzer, Joachim Boll, Karl Ganser (Hg.): SiedlungsKultur. Neue und alte Gartenstädte im Ruhrgebiet. Braunschweig/Wiesbaden 1999. 166 S.

Dieses Buch ist eines der IBA-Abschlussbücher, die in den Jahren 1999 und 2000 als resümierende und wertende Präsentation der Arbeit dieser 10jährigen Internationalen Bauausstellung erschienen. Einleitend spannt Karl Ganser den thematischen Rahmen. Ausgehend von dem Gegensatz zwischen (vorindustrieller) Siedlungskultur, in der menschliche Bedürfnisse Größe und Form des Hauses bestimm(t)en, und (industriellem/postindustriellem) Wohnungsbau als der Herstellung des Serienproduktes "Wohnung" war es das Ziel der IBA, Siedlungen zu bauen bzw. weiter zu bauen, nicht Wohnungen zu verstreuen. "Mieterinnen und Mieter sollten beteiligt werden, Gemeinschaftseinrichtungen sollten hinzukommen, und trotz der Naturferne von Agglomerationen sollte die Beziehung zur Natur wieder möglich sein. Mit Energie und Wasser sollte sparsamer und intelligenter umgegangen werden. Und all dies in einer städtebaulichen Gestalt, die ein 'kleines Stück Stadt' realisieren will - mit Bauten, die sich sehen lassen können, und vielleicht sogar mehr als das." Diese Ziele wurden in einer Region zu realisieren versucht, die ganz gegen eine weit verbreitete Auffassung - zumindest im mitteleuropäischen Rahmen - der Zeit voraus ist, weil sie früh industrialisiert wurde, deshalb auch früh deindustrialisiert wurde und als eine der ersten die Phase des "Wandels ohne Wachstum" erreichte, die geprägt ist von rückläufigen Einwohnerzahlen, Überalterung, Entwertungen auf dem Immobilienmarkt und schwer kalkulierbarer Nachfragen, die jedoch der Siedlungskultur eine neue Chance bieten könnte.
Im ersten Großkapitel "(Stadt)Baukultur" macht Wolfgang Pehnt zunächst Sprünge nach vorn und blickt zurück auf die Interbau Berlin 1957 und die IBA Berlin 1983/1987 sowie auf die besonderen Aufgaben der IBA Emscher Park. Dirk Meyhöfer und Peter Zlonicky stellen in ihren beiden Beiträgen die historischen architektonisch-städtebaulichen Bezüge im Bau von Gartenstädten im Ruhrgebiet dar, Jörg Blume stellt die neue Gartenstadt Seseke-Aue und die Küppersbuschsiedlung auf einer ehemaligen Industriebrache vor.
Der Bau, der Umbau und der Weiterbau von Siedlungen oder deren punktuelle Erneuerung bedarf der Planung, diese wiederum bestimmter Organisationsformen und Arbeitsweisen. Ob und wie diese unter bestimmten Zielsetzungen zu verändern seien und einer neuen "Planungskultur" bedürfen, diskutiert Klaus Selle. Selbstbausiedlungen als Formen und Orte sozialen Wohnens stellt Henry Beierlorzer am Beispiel mehrerer einschlägiger IBA-Projekte vor.
Unter dem Obertitel "Wohnkultur" geht es um Nachbarschaft, die in alten Arbeitersiedlungen aufgrund prägender sozioökonomischer Gemeinsamkeiten angenommen wird, die bei den neuen Mietergemeinschaften in den Neu- und Weiterbauten unterstellt wird und von der behauptet wird, dass man sie durch Wohnarchitektur steuern/fördern können. Beatrix Novy setzt diesen zum Teil übertriebenen Annahmen ihren Beitrag mit dem Titel "Euphorie und Normalität nachbarschaftlicher Gemeinschaftsprojekte" entgegen, wobei sich zeigt, dass nachbarschaftliche Normalität möglicherweise vor allem auf einer "mittleren Distanz" stattfindet. Der letzte Teil des Buches stellt schließlich die 21 IBA-Siedlungsprojekte auf jeweils einer Doppelseite vor.
Insgesamt ist dieses Buch als eine anregende, weil facettenreiche bilanzierende Dokumentation des IBA-Planungszieles "Wohnen im Park" zu empfehlen.
Autor: Hans-Werner Wehling

Quelle: geographische revue, 3. Jahrgang, 2001, Heft 1, S. 61-62

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