Roland Günter: Im Tal der Könige. Ein Handbuch für Reisen zu Emscher, Rhein und Ruhr. Mit Fotos von Roland Göhre, Günter Mowe und Hilmar Pabel. 4. völlig überarbeitete und erweiterte Aufl. Essen 2000. 560 S.

In der nunmehr vierten Auflage liegt das "Handbuch für Reisen zu Emscher, Rhein und Ruhr" von Roland Günter vor. "Im Tal der Könige" - so der zunächst mysteriös klingende Haupttitel - hat sich als wahrer Verkaufsschlager seit seiner ersten Auflage im April 1994 erwiesen. Mittlerweile fanden 17.000 Exemplare ihre Käuferinnen und Käufer. Das zu Ende gegangene Jahrzehnt der Internationalen Bauausstellung (IBA) Emscher Park hat mit dem Finale 1999 den Autor veranlasst, eine völlige neubearbeitete und um die IBA und ihre Projekte erweiterte Fassung vorzulegen. Das in den vorherigen Auflagen am Anfang stehende Kapitel zur vorindustriellen Entwicklung im Ruhrgebiet wurde demgegenüber herausgenommen und soll demnächst Bestandteil einer eigenständigen Publikation werden.
Roland Günter, seit 1971 Professor für Kunst und Kulturgeschichte in Bielefeld, lebt seit 1974 in der Siedlung Eisenheim in Oberhausen. Auf seine eingangs gestellte Frage nach den Königen im "Tal der Könige", dem "Dreistromland" an Emscher, Rhein und Ruhr, gibt sein Gegenüber am Tresen die kurze und klare Antwort: "Die Könige? Das sind wir!" (13) - die Menschen im Ruhrgebiet. Und diesen Menschen widmet der Autor einen besonderen Platz. An hervorgehobener Stelle des Buches, im Vorsatz und auf der Innenseite des Rückendeckels, erscheinen eine Reihe von Portraitfotos, quasi als Reverenz an die Menschen im Ruhrgebiet. Für die Öffentlichkeit unbekannte Menschen, z. B. der Ex-Bergmann Günter Schröder aus Gelsenkirchen oder Friedhelm Gillen aus Essen bei seiner täglichen Arbeit des Plakatierens, finden sich neben Prominenten wie dem ehemaligen Krupp-Manager Bertold Beitz oder der streitbaren Professorin für Theologie, Uta Ranke-Heinemann. Das Reisehandbuch ist ein Buch über die Menschen an Emscher, Rhein und Ruhr und darüber, wie sie ihr "Tal der Könige" gestaltet haben und gestalten: "Hier stehen die Pyramiden nicht in der Wüste, sondern mitten unter dem Volk" (12). Daß dem Autor darüber hinaus die Menschen seiner Siedlung Eisenheim besonders wichtig sind, zeigt sich nicht zuletzt auf der Doppelseite 464/465. Auf 16 Fotos wird das Alltagsleben
und das Zusammenleben in Eisenheim detailreich und liebevoll dokumentiert, wenn auch durch die Auswahl vielleicht ein wenig idyllisch verklärt.
Wie der jetzige Bundespräsident Johannes Rau, damals in seiner Funktion als Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, in seinem Vorwort schreibt, macht Roland Günter es den Lesenden nicht immer leicht: "Keine Arbeitersiedlung, keine Kirche, kein industrielles Bauwerk wird präsentiert ohne den Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Entwicklungen über die Jahrhunderte hinweg" (10). Aber gerade damit gelingt es Roland Günter, über die Darstellung der Tätigkeit der Menschen zu allen Zeiten das Werden dieser heute hochkomplexen Industrielandschaft eindrucksvoll zu dokumentieren und dies für touristische Zwecke nutzbar zu machen. Dabei richtet sich das Buch sowohl an vielseitig Interessierte, die das Ruhrgebiet unter fachkundiger Anleitung "auf eigene Faust" erkunden wollen, als auch an "Kenner" des Ruhrgebietes, denen das Buch einen fundierten Abriß zu den vergangenen 150 Jahren Industriegeschichte liefert. Der Autor geht weitgehend chronologisch vor. Er spannt den Bogen von den "Industriedörfern" und dem industriell bestimmten Ausbau der Städte bis hin zur IBA Emscher Park in jüngster Zeit.
In den zwanzig Kapiteln werden alle für den Industrialisierungsprozeß wichtigen Einschnitte, Ereignisse und Einflüsse dargestellt: Wandel der Städte um die Jahrhundertwende, Arbeitersiedlungen, Gartenstädte, Veränderungen im Bauwesen, Öffentliche Bauten, Reformversuche der Weimarer Republik, Industriearchitektur, NS-Zeit und Weltkrieg, Nachkriegsjahre, Bürgerinitiativen, industrielles Verbundsystem, Infrastruktur, Industriekultur, Umweltsituation, Alltagsleben, Bildung, Theater und Museen. Die meisten der Kapitel sind gleich aufgebaut. Der einführende Text stellt das Thema in den historischen Zusammenhang und benennt kritisch die gesellschaftlichen Implikationen. Wo immer möglich, bemüht sich der Autor um Authentizität: Zeitzeugen beschreiben in wörtlicher Rede ihre Sicht der Dinge, z. B. über die Lebensverhältnisse und die öffentlichen Auseinandersetzungen während der Zeit der Weimarer Republik (162-165). Oder aber es werden Hintergrundinformationen geliefert, etwa zum beruflichen Werdegang des ehemaligen IBA-Chefs Karl Ganser in der "Biographie des Dirigenten" (403). In einem z. T. sehr ungezwungenen und unkonventionellen Stil erfährt der Leser viele Details, so z. B., auf das Nötigste reduziert und sehr vereinfacht, zur komplizierten geologischen Struktur des Raumes: "Dadurch engen sie (die Kontinente, F. S.-D.) den Ozean ein: er hebt ächzend seinen Boden und legt ihn in Falten - so entsteht das Rheinische Schiefergebirge" (433). "Orts-Hinweise" benennen hierzu zahlreiche Standorte im gesamten Ruhrgebiet, soweit vorhanden unter Angabe des Straßennamens und der Hausnummer. Zur Ästhetik der Industrie der 20er Jahre wird für den Bereich Elektrizität und Licht z. B. genannt: "Ventilatoren-Haus (1925 von Fritz Schupp/ Martin Kremmer) in der Zeche Holland in Gelsenkirchen-Ückendorf (Ückendorfer Str. um 219)" (170). Daneben werden dem Leser in umfangreicheren Textabschnitten vertiefende Informationen zu einzelnen Standorten geboten, z. B. "Schau-Platz: Fritz Schupp und Martin Kremmer entwerfen Zollverein XII in Essen-Katernberg, ..." (176). Neben Angaben zur Biographie der beiden Architekten liefert der Text Hintergrundinformationen zur architektonischen und technischen Konzeption der Anlage und schließt mit "Orts-Hinweisen" zu weiteren industriellen Zweckbauten im Ruhrgebiet, die von Schupp und Kremmer geschaffen wurden.
Losgelöst von den vorgenannten Abschnitten zu den Entwicklungsphasen im Ruhrgebiet wird der Leser und Reisende in einem abschließenden Kapitel exemplarisch zu einer Reihe von "Schau-Plätzen" geführt. Diese stellen wichtige Meilensteine in der Nachkriegsentwicklung dar. Hierzu zählen etwa Oberhausen-Eisenheim und der lange Kampf um den Erhalt der Siedlung, der - was der Autor bescheiden nicht erwähnt - von ihm und der Bewohnerschaft initiiert, engagiert begleitet und letztlich mit Erfolg beendet worden ist. Am Schluß des Buches bietet zudem ein umfangreicher Anmerkungsapparat je Kapitel zahlreiche Hinweise auf weiterführende Literatur.
Mag der/die Lesende anfänglich noch bei der Schreibweise des Wortes "Garten-Stadt" an einen Fehler im Trennprogramm der elektronischen Textverarbeitung glauben, so wird doch sehr schnell deutlich, daß es ein durchgängiges Prinzip des Autors ist, zusammengesetzte Substantive mit Bindestrich zu schreiben. So wie immer von "Schau-Plätzen" oder "Orts-Hinweisen" die Rede ist, so findet sich beispielsweise auf den Seiten 12/13 die folgende Schreibweise zusammengesetzter Substantive: Stufen-Pyramide, Bus-Halte, Arbeits-Pause, Mittelmeer-Küste, Industrie-Epoche, Struktur-Wandel, Trink-Halle, Hochhaus-Bunker, Wasser-Turm, Arbeits-Landschaft, Lebens-Möglichkeiten, Kohle-Barone, Schlot-Barone, Kanonen-König. In der 2. Auflage von 1995 heißt es hierzu auf der Seite des Impressums : "Der Autor schreibt zusammengesetzte Worte absichtsvoll mit Binde-Strich. Er hält dies für leichter lesbar und sieht es als einen Impuls an zum Nachdenken über Wort-Bedeutungen. Auch Sprache ist gestaltbar". Ein entsprechender Hinweis auch in der vorliegenden Auflage wäre sicherlich hilfreich gewesen und hätte im Vorfeld mögliche Irritationen beim Lesen ausräumen können. Die ungewöhnliche Schreibweise als eingesetztes Stilmittel hat in der Tat beim Rezensenten zum Nachdenken über manche Wortbedeutungen geführt: auch Sprache ist gestaltbar, so wie die Region gestaltbar ist - zu allen Zeiten durch den Menschen. Ob der Text durch die besondere Schreibweise, die nicht ganz konsequent durchgehalten worden ist, leichter lesbar ist, bleibt aber dem Urteil eines jeden Einzelnen überlassen.
Stärker gewöhnungsbedürftig ist hingegen der über große Passagen stakkatoartige Schreibstil durch Aneinanderreihung von einzelnen Wörtern oder Satzteilen: "Im Denk-Mal werden Zusammenhänge in symbolischer Form dargestellt. Das Denk-Mal drückt Wirtschafts-Geschichte (aus, F. S.-D.). Sozial-Geschichte. Kultur-Geschichte. Städtebauliche Bezüge. Dabei können wir feststellen, daß dies alles miteinander zusammenhängt. Wirtschaft ist immer eine soziale und kulturelle Form - des Umgangs mit Menschen. Nicht nur mit Arbeitern, sondern ebenso mit Angestellten und Managern" (323).
Drucktechnisch sind einige Abbildungen zu klein und nur noch mit Mühe zu erkennen: z. B. das Panorama und der entsprechende Kartenausschnitt der Gutehoffnungshütte in Sterkrade (273), die Zeichnung Bruno Tauts zur Stadtkrone (133) sowie etwa die Karte der Dortmunder Nordstadt (64), bei der zudem ein Hinweis auf die fehlende Einnordung angebracht wäre.
Insgesamt besticht das vorliegende Werk durch seine ideenreiche Konzeption, seine Inhaltsvielfalt sowie durch seinen Detailreichtum. Dem selbstgesetzten Anspruch, ein Handbuch für Reisen zu sein, wird es, von den genannten Einschränkungen abgesehen, voll gerecht. Es ist ein Buch, das fasziniert und zum Lesen, Erleben der Landschaft und zum Kennenlernen der Menschen reizt. Den "... Querschnitt (gemeint ist das Arbeitsfeld Ruhrgebiet im Industriezeitalter, F. S.-D.), in dem alles nebeneinander steht - und in Spannung zueinander gerät" (12) für den Leser und Besucher fassbar und verständlich gemacht zu haben, ist das Verdienst Roland Günters. Selbstkritisch fragt der Autor in seiner Einleitung: "Idealisiere ich? Manchmal scheint's mir so. Aber wenn ich von meinen vielen Reisen zurückkomme, sehe ich mit frischem Blick: Es stimmt!" (13). Roland Günter ist stolz auf die Region und die Leistungen ihrer Menschen: "Für mich ist dies das interessanteste Terrain der Erde" (11).
Der Blick auf die Leistungen und Schicksale Einzelner sorgt für eine liebenswerte und gleichzeitig engagierte Darstellung der Region, die nicht nur die "große Politik" im Auge hat: ein anregendes und gleichzeitig informatives Handbuch, ein umfangreiches Kompendium, das Reisen im Ruhrgebiet in einen vielschichtigen Wissens-, Erfahrungs- und Erlebniszusammenhang stellt.
Autor: Friedrich Schulte-Derne

Quelle: geographische revue, 3. Jahrgang, 2001, Heft 1, S. 63-66

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