Paul L. Knox und Sallie A. Marston: Humangeographie. Hg. von Hans Gebhardt, Peter Meusburger und Doris Wastl-Walter. Heidelberg, Berlin 2001. 682 S.

Das umfassende Werk ist die Übersetzung der zweiten Auflage eines US-amerikanischen Lesebuchs, das ursprünglich von PAUL KNOX, der bereits mehrere weit verbreitete Lehrbücher der Humangeographie geschrieben bzw. herausgegeben hat, und von SALLIE (an anderer Stelle: Sally) MARSTON verfasst worden ist. Es ordnet den Stoff der Humangeographie unter der Perspektive der Globalisierung. Die Autoren wären aber keine Geographen, wenn sie nicht auch gerade die räumlich differenzierte Entwicklung als Teil des Globalisierungsprozesses begreifen würden. Daher kommen auch regionale Strukturen nicht zu kurz.

Das Werk von fast siebenhundert Seiten gliedert sich in zwölf Hauptkapitel. Das erste Kapitel ("Bedeutung und Gegenstände der Geographie") gibt einen Überblick über die Entwicklung des Faches, seine Methoden, seine Basiskonzepte und seine Relevanz im Zeichen des Globalisierungsprozesses. Das zweite Kapitel ("Der Globale Wandel") legt zwar den Akzent auf das zwanzigste Jahrhundert, umspannt aber auch die vormoderne Zeit. Ökonomische, technische, (insbesondere verkehrstechnische), demographische und politische Facetten des Wandels der Erdoberfläche werden betrachtet. Erst mit den nachfolgenden Kapiteln folgt der Aufbau in groben Zügen der Einteilung in gängige Bindestrichgeographien: "Bevölkerungsgeographie" (Kapitel 3), "Natur-Gesellschaft-Technologie" (Kapitel 4) und "Kulturgeographie" (Kapitel 5). Am wenigsten in die gewohnte Aufteilung passt der Abschnitt 6, der "Interpretationen von Ort und Raum" überschrieben ist. Hier spiegelt sich am stärksten der "culturalistic turn" und die dekonstruktivistische Tradition in der angelsächsischen Geographie wider, welche in der deutschen Debatte erst zögerlich Widerhall finden. Punkte wie "Landschaft als Text", "codierte Räume"; "postmoderne Räume" charakterisieren dieses Kapitel.
Die Wirtschaftsgeographie ist in zwei Kapitel aufgeteilt: "Die Geographie der wirtschaftlichen Entwicklung" (Kapitel 7) heißt zurecht nicht Wirtschaftsgeographie, weil klassische theoretische Elemente gegenüber der Darstellung der Entwicklung (im globalen Raum) eine untergeordnete Rolle spielen. Das folgende Kapitel 8 ("Landwirtschaft und Nahrungsmittelsektor") ist ebenfalls nicht mit der klassischen Agrargeographie gleichzusetzen, denn sehr viel stärker als gewohnt wird die Nahrungsproduktion als Industrie - mit entsprechenden ökologischen Effekten - betrachtet. Das neunte Kapitel (Die Geographie politischer Territorien und Grenzen) hätte hingegen mühelos auch "politische Geographie" überschrieben werden können.
Kapitel 10 und 11 durchbrechen das bisherige Schema. In ihnen wird nicht mehr die Sachdimension, sondern die Raumkategorie Stadt in den Mittelpunkt gerückt. Kapitel 10 übernimmt dabei die Aufgabe, den Verstädterungsprozess in der Zeit und in seiner globalen Dimension vorzustellen (einschließlich Zentraler Orte und Global Cities). Kapitel 11 wendet sich den Strukturen innerhalb der Verdichtungsräume zu. Bemerkenswerterweise wird das, was wir in der deutschen Debatte noch am ehesten als Sozialgeographie ansehen würden, nur randlich erwähnt, und taucht noch am stärksten in dem Kapitel "Städtische Strukturen" auf. Segregation und andere soziale Phänomene werden unter der Perspektive Armut und Ungleichheit hier mit behandelt. Das letzte Kapitel "Geographien der Zukunft" thematisiert einige Überlegungen zum weiteren Trend bzw. zur Beschleunigung der Globalisierung, insbesondere in der Technologie, aber auch Gegenbewegungen dazu, wie die Antiglobalisierungskampagnen oder die Nachhaltigkeitsdebatte.
Der besondere Charme des Buches liegt in seiner globalen Ausrichtung, die mehr als nur die Globalisierungsdebatte meint. In einem gewissen Sinn ist es die "Eine Welt", die hier repräsentiert wird, ohne dabei regionale Bezüge und Besonderheiten zu vernachlässigen. Die globale Perspektive drückt sich am augenfälligsten in der häufigen Verwendung einer besonderen Kartenprojektion aus, welche die Kontinente um den Nordpol gruppiert. Kein Kontinent wird dadurch in den Mittelpunkt gerückt. Der amerikanische Titel "Places and Regions in Global Context - Human Geography" gibt die Perspektive des Buches besser wieder als das schlichte "Humangeographie", das auf dem deutschen Buchdeckel steht, weil bei allem Herauszoomen einzelner Regionen die beherrschende Perspektive der Blick auf die Erde insgesamt ist. Nicht immer ist der Prozess der Globalisierung dabei federführend, oftmals sind es einfach auch nur erdräumliche Verbreitungsmuster, die dargestellt werden.
Das Buch ist leicht lesbar, ja sogar spannend geschrieben, im Text wird auf Literaturangaben weitgehend verzichtet. Schlüsselsätze am Anfang und am Ende eines jeden Kapitels lenken den Blick auf das Wesentliche. Fotos, Grafiken, Karten veranschaulichen die behandelten Themen sehr gut. Am Ende eines jeden Kapitels ist weiterführende Literatur angegeben, die jeweils ca. ein Dutzend Hinweise umfasst. Dies ist in der Regel eine hilfreiche Orientierung für den Studienanfänger, wenn man auch vereinzelt über die Relevanz und Repräsentativität der vorgestellten Literatur geteilter Meinung sein mag. So sind zum Beispiel nach dem Kapitel 6 ("Interpretationen von Ort und Raum") neben der Übersetzung eines kurzen Aufsatzes von BOURDIEU drei deutschsprachige Beiträge genannt, die alle von JÜRGEN HASSE stammen.
Pfiffig ist die Idee, das amerikanische Werk, das von Haus aus relativ wenige lehrbuchartige Darstellungen aufweist, mit theoretisch-begrifflich ausgerichteten Artikeln aus dem annähernd zeitgleich und im selben Verlag erschienenen neuen Lexikon der Geographie aufzuladen. Hier entstehen echte Synergieeffekte, weil damit das eher locker und in weiten Teilen eher deskriptiv aufgebaute Studienbuch für Undergraduates in die Richtung gerückt wird, was gemeinhin in Deutschland als Lehrbuch angesehen wird. So entsteht eine ansprechende Dialektik aus fortlaufendem spannendem Text und abgesetzten Leitbegriffen bzw. systematischen Darlegungen. Allerdings spiegeln die Einschübe und Exkurse der deutsch(sprachig)en Herausgeber sowie die Auswahl der Fotos eine Gleichgewichtigkeit vor, die im Text so nicht repräsentiert ist. Apropos Fotos: Von den ersten Fotos des Buches, denen der Autoren (und Herausgeber) sollte man sich nicht irritieren lassen: alle weiteren der zahlreichen Fotos, Grafiken und sonstigen Abbildungen (in der Regel mindestens eine pro Doppelseite) sind von hervorragender Qualität.
Wenn auch in Klammern und Zusätzen sowie in speziellen Boxen immer wieder auf Europa und Deutschland Bezug genommen wird, so ist die Amerikazentrierung doch für den europäischen Leser manchmal ein Ballast, vor allem wenn die historische Dimension ins Spiel kommt: Wenn zum Beispiel im Abschnitt über Kulturökologie lediglich auf Indios Bezug genommen wird; wenn seitenweise Vertreter der amerikanischen Romantik, die hierzulande nur Spezialisten kennen, wiedergegeben werden, aber die europäische Romantik kaum erwähnt wird, dann könnte das Buch selbst schon fast als ein Beitrag zur kulturellen Globalisierung (Amerikanisierung) angesehen werden. Fast schon amüsant ist, wie bei allen postmodernen Versatzstücken für die kulturelle Globalisierung relativ wenig Mühe darauf verwendet wird, die amerikanische Weltsicht zu relativieren. Das, was man "McDonaldisierung" nennt, wird - den Eingangsabschnitt ausgenommen - zum einen auf einer halben Seite, wo es um die Auslandsumsätze Hollywoods geht, abgehandelt. Zum anderen wird in einem weiteren, dreiseitigen Abschnitt über Globalisierung und kulturellen Wandel auf die US-amerikanische kulturelle Hegemonie zwar hingewiesen, aber fast ebenso viel Platz dafür aufgewendet, sie zu bagatellisieren. (Dem Islamismus wird ähnlich viel Raum gewidmet). Gravierender sind freilich kulturelle Wertvorstellungen, die subkutan mittransportiert werden (z. B. über (Auto-) Mobilismus, Solidarität, Gerechtigkeit, Rolle des Staates), die aber von den Autoren kaum durchschaut werden können (aber vielleicht von den Herausgebern?). Doch sollte man die Ansprüche an die politische Korrektheit des Buches nicht übertreiben, schließlich ist es ursprünglich für den amerikanischen Markt geschrieben worden.
Will man eine Gesamtbewertung des Werkes abgeben, so ist eine Bezugnahme auf PETER HAGGETTs "Geographie. Eine moderne Synthese" hilfreich. In der Sprachgestaltung, in der Aufmachung, in der Leserfreundlichkeit und in der Dicke sind die beiden Werke einander recht ähnlich. Aber die deutsche Übersetzung von HAGGETTs Werk greift auf ein schon ziemlich bejahrtes Original zurück, damit sind die aktuellen Entwicklungen nicht mehr angemessen berücksichtigt. Demgegenüber weist das von GEBHARDT, MEUSBURGER und WASTL-WALTER herausgegebene Buch von KNOX und MARSTON einen hochaktuellen Bezug auf: ob Geopolitik, Straßenkultur, Gender-Fragen oder Geographie des Cyberspace, das Buch repräsentiert die in der gegenwärtigen Diskussion gebräuchlichen Fahnenwörter. Das Buch von HAGGETT ist zudem dem raumwissenschaftlichen Paradigma verhaftet und atmet so den Zeitgeist der 70er Jahre. Das Buch von KNOX und MARSTON hat keinen eindeutigen paradigmatischen Referenzrahmen, zumindest ist dieser für mich (heute noch) nicht erkennbar. Die Perspektive ist weitgehend eine globale, aber dies ist kein theoretisches Moment, sondern eines des Maßstabes und des Inhalts.
Mit der Mühe, dieses Lesebuch der Geographie für den deutschen Leser zu erschließen, haben sich die Herausgeber große Verdienste erworben. Damit ist die große Lücke, die durch die Überalterung des Haggettbuches entstanden ist, über weite Strecken geschlossen worden. Aus curricularer Sicht ergänzen sich beide Werke sehr gut und repräsentieren in hohem Maße das humangeographische Basiswissen. Darüber hinaus dürfte das gut gemachte Werk dem Ansehen der Geographie einen positiven Schub geben.     
Autor: Jürgen Pohl

Quelle: Erdkunde, 56. Jahrgang, 2002, Heft 1, S. 104-106

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