Inge Strüder: Altsein in Deutschland. Ein Beitrag zur raumbezogenen Handlungssteuerung. Opladen 1999. 389 S.

Mit ihrer am Geographischen Institut Münster entstandenen Dissertation beabsichtigt I. Strüder, das Altsein in Deutschland als soziales Konstrukt zu analysieren. Da die Kategorie Geschlecht bisher nur vereinzelt in wissenschaftlichen Arbeiten berücksichtigt wurde und zudem unter älteren Menschen Frauen überproportional vertreten sind, ist die Arbeit vorrangig auf ältere Frauen ausgerichtet.

Angeregt durch jüngere theoretische Ansätze in den Sozialwissenschaften und hier insbesondere durch die Strukturationstheorie von Giddens hat Strüder für ihre Arbeit eine handlungstheoretische Perspektive gewählt. Die von ihr als Konzeptstudie eingeordnete Arbeit beinhaltet drei zentrale Zielbereiche: Erstens die Erarbeitung eines theoretischen Konzeptes sowie eines Kategoriensystems zur Analyse der Lebenssituation und der Handlungsbedingungen, zweitens eine detailreiche Beschreibung von Handlungsbedingungen (Außenperspektive) und Handlungsformen (Innenperspektive) der Alltagsgestaltung älterer Frauen und drittens die Erarbeitung von Planungshinweisen zur Verbesserung lokaler Handlungsbedingungen. Als Untersuchungsstädte aus West- bzw. Ostdeutschland wurden Münster und Erfurt ausgewählt, eine nähere Begründung hierfür erfolgt nicht. Im Rahmen der empirischen Untersuchung hat Strüder eine nicht genau genannte Anzahl narrativer Interviews mit älteren alleinstehenden Frauen geführt ("in jeder Stadt mehr als 20 Frauen", S. 232), Schlüsselpersonen themenbezogen interviewt sowie als Beobachterin an seniorenspezifischen Aktivitäten in den Untersuchungsstädten teilgenommen (u.a. kommunale Veranstaltungen für Senioren, Treffen von Kirchengemeinden, Stammtisch für ältere Frauen, Hausbesuche von Pflegepersonal).
Das Buch umfaßt rund 360 Textseiten. Gegliedert sind diese in VII Teile, die jeweils mehrere Unterkapitel enthalten. In zahlreichen Abschnitten wird breit gefächert eine Vielzahl von Aspekten angesprochen, die nicht immer klare Bezüge zum an sich schon weit gefaßten Thema erkennen lassen. Zusammen mit direkten Wiederholungen und dem Aufgreifen einiger Aspekte an unterschiedlichen Stellen im Buch wird hierdurch die Lesbarkeit beeinträchtigt. Verstärkt wird dies durch das stete Bemühen, Alltagsstrukturen und -prozesse "theoriegeleitet" sprachlich zu umschreiben (S.163: "Die konkret auffindbaren materiellen und immateriellen Bedingungen stellen Materialisierungen oder Objektivationen dieser Strukturierungsprozesse dar" - gemeint sind die realen Wohnverhältnisse).
Der rd. 40 Seiten umfassende Teil I enthält einen Überblick über gegenwärtige theoretische Ansätze zum Altsein, den Forschungsstand und einige allgemeine demographische Leitlinien in Deutschland. Angesprochen werden auch großräumige Unterschiede des Anteils älterer Menschen in Deutschland, die allerdings nicht durch die beigefügte Karte belegt sind. Weiter folgen kursorische Kurzcharakteristiken von Münster und Erfurt und generelle Hinweise auf sozialpolitische Ansätze für ältere Menschen. Anstelle von Verweisen auf farbige Radwege, das IGA-Gelände oder die Theateranzahl wären themenbezogene Darstellungen sinnvoll gewesen, beispielsweise die stadträumlichen Unterschiede im Anteil älterer Menschen in Kartenform oder auch die zeitlichen Veränderungen im Altersaufbau der Untersuchungsstädte. Um den "Beitrag der Politik zur Organisation von Aktivitäten für die Lebensphase Alter" (S. 21) zu verdeutlichen, wären vergleichende kritische Würdigungen der Maßnahmen auf den verschiedenen Raumplanungsebenen angebracht gewesen und nicht nur - wie beispielsweise bei Besprechung der Landesebene - Verweise auf Landesaltenpläne, illustriert durch ein Inhaltsverzeichnis des Landesaltenprogramms von Thüringen.
Teil II, knapp 70 Seiten umfassend, ist den theoretischen und methodischen Grundlagen gewidmet. Nach einem Überblick über Leitlinien von Giddens Theorie der Strukturierung werden Ansätze der Geschlechterforschung und grundsätzliche Aspekte qualitativer Sozialforschung sowie Konzepte und Begriffe thematisiert (u.a. Raum, Ort, Alltagswelt, Lebenswelt). Weiterhin wird der gewählte Untersuchungsansatz sehr ausführlich erläutert. Hierzu gehören Prämissen über soziale Wirklichkeit (z.B. "Gesellschaft ist ein soziales Konstrukt", "Menschen handeln unter Bedingungen, die sie sich nicht immer vollständig ausgesucht haben", S.91) und auch die Vorstellung der von Strüder als zentral für das Altsein bewerteten Kategorien Geschlecht, Alter, Klasse (nicht definiert), Zeit, Raum, Macht, Einkommen, Wissen. Thematisiert werden zudem die methodischen Ansätze der empirischen Untersuchung und die Vorgehensweise, sowie 13 "sogenannte Beobachtungshypothesen" (S. 127), von denen einige durchaus zu hinterfragen sind ("jeder ältere Mensch weiß genau, aus welchem Grund er Handlungen ausführt oder unterlässt"; "Die Dinge, die für einen Menschen wichtig sind, werden von ihm im Verlauf eines freien Gesprächs offenbart", S. 128). Teil II zeigt, daß Strüder sich intensiv mit jüngeren theoretischen Ansätzen in den Sozialwissenschaften bzw. der Sozialgeographie auseinandergesetzt hat. Anstelle des längeren Referierens einzelner Arbeiten wären gleichwohl straffere zusammenfassende Ausführungen, die sich konkreter auf das Altsein beziehen, wünschenswert gewesen.
Teil III (rund 20 Seiten) ist mit "Strukturierung ausgewählter Aspekte gesellschaftlicher Wirklichkeit" überschrieben. Vorrangig dargestellt werden verschiedene Altersbilder, die vom Disengagementansatz bis zum aktiven Altsein reichen. Weiterhin thematisiert wird der Problembereich Wohnumfeld, wobei sich die Autorin weitgehend auf das Forschungsfeld des experimentellen Wohnungs- und Städtebaus  über "Ältere Menschen und ihr Wohnquartier" beschränkt. Nicht klar wird, warum Strüder den von der Politik aufgegriffenen Wunsch älterer Menschen nach Verbleib in der Wohnumgebung als "Überbetonung" bewertet und dagegen  hervorhebt, daß die materielle Sicherheit und die sozialen Kontakte wichtiger für ältere Menschen seien. Denn gerade die alltäglichen sozialen Kontakte weisen einen deutlichen Territorialbezug im Wohnungsnahbereich auf, was durch Studien zu Wohnwünschen und zum Wohnstandortverhalten älterer Menschen und auch durch Strüders eigene Ergebnisse  belegt wird (vgl. Teil V).
In Teil IV (rund 70 Seiten) werden aus der Außenperspektive mittels Sekundärdaten und Literatur Handlungsbedingungen älterer Menschen betrachtet. Schwerpunktmäßig wird hierbei auf Aspekte des Wohnens, soziale Beziehungen sowie auf Einkommen und Aktivitäten eingegangen. Wünschenswert gewesen wären hier eine stärkere Systematisierung und bessere Veranschaulichung der dargestellten Sachverhalte (z.B. Tabellen S. 211). Zur Darstellung der Innenperspektive erfolgt in Teil V (70 Seiten) die Präsentation der narrativen Interviews in Form von Selbstbeschreibungen und systematisierenden Interpretationen. Hieraus abgeleitet werden Verallgemeinerungen zu sozialen Beziehungen, Zeit- und Raumerfahrungen und Zeitverwendungsstilen. Weiterhin wird die Bedeutung symbolischer Raumbezüge älterer Frauen thematisiert. Insgesamt können durchaus interessante Aspekte zum Alltagshandeln älterer Frauen aus den narrativen Interviews entnommen werden. Allerdings ist zu hinterfragen, ob damit die Absicht von Strüder, durch die Innenperspektive noch "weitestgehend unbekannte Sachverhalte" herauszustellen (S. 232), verwirklicht werden konnte. Als zentrales Ergebnis hebt Strüder hervor, daß - wie auch in ihrem Untersuchungsansatz postuliert - die Analyse des Alltagshandelns älterer Frauen gezeigt habe, daß hierfür Macht, Wissen und Einkommen die wichtigsten Ressourcen sind. Leider unterbleibt der Rückbezug zur Außenperspektive der Handlungsbedingungen. Auch wird nicht herausgestellt, ob und welche Unterschiede im Alltagshandeln zwischen Frauen in Erfurt und Münster vorhanden sind, obwohl wie Strüder anfangs formuliert, "es zwei Seinsweisen älterer Menschen, abhängig vom Lebensort alte bzw. neue Bundesländer, gibt" (S. 23).
Die knapp 50 Seiten von Teil VI enthalten neben generellen Ausführungen zur Planung (z.B. zum Konzept Nachhaltigkeit) auch die Vorstellung von Planungsansätzen im Bereich Wohnen für ältere Menschen oder auch von konkreten Projektansätzen zu sozialen Netzwerken. Hierin sind auch einige bedenkenswerte Anregungen für die konkrete Planungsebene enthalten. Die Arbeit schließt mit Schlußfolgerungen zu Methodik, Methodologie, möglichen weiteren Forschungsfragen sowie einer kurzen Zusammenfassung (Teil VII).
Insgesamt hat Strüder mit ihrer Arbeit ein Problemfeld aufgegriffen, das wegen des Alterungsprozesses der Gesellschaft und dessen Konsequenzen in Politik, Gesellschaft und Wissenschaft zunehmend an Bedeutung gewinnt. Zur Untersuchung der sozialen Realität älterer Frauen in Alltagssituationen ist die hermeneutische Herangehensweise im Grundsatz völlig gerechtfertigt. Um in stärkerem Maße zu argumentativen Verallgemeinerungen kommen zu können, wären konkretere Forschungsleitfragen notwendig gewesen. Diese hätten auch zur Vermeidung der zahlreichen nicht direkt auf das Altsein fokussierten Exkurse und der Wiederholungen und damit letztlich zur Straffung beitragen können.
Autorin: Ulrike Sailer

Quelle: Geographische Zeitschrift, 89. Jahrgang, 2001, Heft 2 u. 3, Seite 184-185

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