Georgij M. Lappo und Fritz W. Hönsch: Urbanisierung Rußlands. Berlin, Stuttgart 2000 (Urbanisierung der Erde, Bd. 9). 215 S.

66 Millionen Einwohner oder 44,9% der russischen Bevölkerung wohnen heute in Großstädten. 1926 waren es erst 7,3 und 1959 27,6% gewesen. Damit hat sich die russische Großstadtbevölkerung in den letzten 75 Jahren beinahe verzehnfacht. Dieser überwältigende Urbanisierungsprozeß hat die Geographen in Ost und West von jeher fasziniert. Das ist auch nach dem Zerfall der Sowjetunion so geblieben.

  I. Brade, F.-D. Grimm und D. S. Piterski haben einiges dazu veröffentlicht.
Der Moskauer Stadtgeograph G. M. Lappo und der Leipziger Rußland-Spezialist F. Hönsch haben mit ihrem Buch eine Gesamtschau der Problematik vorgelegt. Sie folgen dabei in weiten Teilen der 1997 von Lappo verfaßten "Stadtgeographie" (Geografija gorodov), die Hönsch übersetzt hat. Leider fehlt in der deutschen Ausgabe der theoretische Teil vollständig, so daß hier manchmal nicht klar ist, welchen Zielen die Darstellung folgt. Andrerseits hat Hönsch die Studie mit Fotos und Satellitenbildern illustriert und sie ausführlich kommentiert. In diesen und den teilweise äußerst detailliert geführten Stadtbeschreibungen  hebt sich das Buch positiv von bisherigen Arbeiten ab.
Die Gesamtproblematik wird in neun Kapiteln aufgearbeitet. Einem einführenden Resümee über "Merkmale und Resultate des Urbanisierungsprozesses" folgt eine Darstellung der Entstehung des russischen Städtenetzes, wobei die vormongolische Zeit, die Periode der Gouvernementsreformen im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts unter Katharina II., die Zeit der Vorkriegsfünfjahrespläne 1928 - 1941, der Wiederaufbau und die anschließende Entwicklungsphase 1945 - 1985 als die produktivsten Stadtgründungsphasen herausgearbeitet werden. Zur Gegenwart wird angemerkt: "Das Ergebnis zeigt eine deutliche Dominanz des Moskauer Handels- und Bankkapitals und der Regionen mit einer Roh- und Brennstofforientierung über dem stagnierenden Industriegürtel und dem agrarisch geprägten Süden" (S. 46). Leider wird diese sehr wichtige Einsicht in den folgenden Abschnitten über Siedlungsstruktur, Bevölkerungsdynamik, Stadtökologie und Städtetypologie nicht untersetzt. Stattdessen folgt eine Beschreibung der überwiegend von sowjetischen Industrialisierungsidealen getragenen Entwicklung bis etwa 1985. Auch die anschließenden Kapitel über regionale Städtenetze, Stadtvergleiche und das Schlußkapitel über geographische Grundlagen der städtischen Siedlungspolitik argumentieren in Kategorien des starken Staates und einer von der Realität abgehobenen Zielstruktur. Die großen sowjetischen Erschließungsprojekte in Sibirien und dem Hohen Norden werden unhinterfragt übernommen und auf den Seiten 50 ff., 114 ff. und 166 ff. überdimensioniert dargestellt. Es wird nicht gesagt,  wie ein Land mit dem Bruttoinlandsprodukt Spaniens so etwas finanzieren soll. Da die Ressourcen nicht einmal ausreichen, die bestehende Verkehrsinfrastruktur aufrechtzuerhalten, ist die Anwendung des Begriffs "Städtenetz" höchstens in Bezug auf die Hauptstadtregion (S. 135-148) zu rechtfertigen. Die von den Autoren behauptete Netzstruktur im Norden (S. 124-134), in der Wolga-Region (S. 148-160) und in Sibirien (S. 161-176) ist äußerst fragwürdig. Von dem Luftverkehrsnetz, das vor 15 Jahren nahezu jede sibirische Großstadt erreichte, ist nichts mehr vorhanden. Es gibt nur noch einige wenige Verbindungen zwischen den sehr großen Städten und Moskau. Von einer sibirischen Stadt zur andern zu fliegen, ist heute unmöglich.   Die Kapazität der Transsibirischen Eisenbahn, die zu Sowjetzeiten seit den sechziger Jahren immer chronisch überlastet war, wird heute nur noch zu einem Drittel genutzt.
Mehrfach wird als ein Netzkriterium auf die "überraschende räumliche Rhythmik" (S. 48, 132 f.) entlang der Eisenbahnlinien verwiesen. In Wirklichkeit kann das niemanden überraschen, denn es handelt sich um Versorgungsstationen, deren Abstände seinerzeit durch die Reichweite der Dampflokomotiven technisch vorgegeben waren. Statt mit realen Wirtschafts- und Infrastrukturdaten zu arbeiten, wird in der Darstellung immer wieder auf Bevölkerungszahlen zurückgegriffen. Mit ihrer Hilfe wird klassifiziert, typisiert und bewertet. Dabei kommt es zu krassen Fehleinschätzungen. So etwa wird von Nowosibirsk, der östlichsten und ärmsten unter den russischen Millionenstädten, behauptet: "Die Führungsrolle von Nowosibirsk für die sibirischen Regionen und vor allem für den sibirischen Norden kommt insbesondere auf den Gebieten der Wissenschaft, von Projektierungen, der Hochschulbildung und Kultur zum Tragen. Andere Städte, wie Tjumen, Omsk und Tomsk dienen eher als Operationsbasen für Erschließungsaufgaben, während Nowosibirsk die allgemeinen Führungsaufgaben verblieben" (S. 172). Die Spitzenkräfte der Nowosibirsker Wissenschaft arbeiten längst in den USA, in Europa oder in Moskau. Das berühmte Akademgorodok verkommt zur Geisterstadt. Was weitere "Führungsaufgaben" sein sollen, wird bei Lappo/Hönsch nicht gesagt. In der Realität haben Tjumen, Omsk, Tomsk und Kemerowo als eigenständige  Oblast´-Hauptorte und Handelszentren Nowosibirsk längst ein- oder sogar überholt.
Die stark historisierende Darstellungsweise enthält viele Wiederholungen und Ungenauigkeiten. Auf S. 136 wird beispielsweise die Hauptstadtregion als "Ursprungsland Rußlands" bezeichnet, von der in "allen historischen Etappen Impulse für entscheidende Umgestaltungen ausgingen." Gerade in Hinblick auf Stadtentwicklung ist das zweifelhaft, denn die "Mutter der russischen Städte" und mittelalterliche Metropole war Kiew, die heutige Hauptstadt der Ukraine. Auf die innere Struktur und die normierende Funktion von Kiew für den altrussischen Städtebau wird mit keinem Wort eingegangen. Kiew ist nach wie vor Standort der wichtigsten und ältesten Heiligtümer der russisch-orthodoxen Kirche.  Auf den Seiten 129 und 179 wird einiges zur städtischen Kultur in Rußland geschrieben, doch bezieht sich dies nur auf St. Petersburg, Moskau und die Provinz. Odessa, die dritte bedeutende Kulturstadt, wird mit keinem Wort erwähnt. Odessa war nicht nur die "Hauptstadt des russischen Humors", sondern auch Keimzelle des modernen Journalismus, der Kurzgeschichte und des Films.  Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß es politisch heute zur Ukraine gehört.
Das Buch enthält einige  Karten, die sowohl das ganze Land, als auch einige Regionen abbilden. Hinter der Detailliertheit des Textes bleiben sie allerdings weit zurück. Nur einen Bruchteil der dort erwähnten Kleinstädte kann man auf den Karten finden. Man benötigt einen russischen bzw. sehr guten internationalen Atlas und ein großes Vorwissen, um das Buch zu verstehen.
Die Literaturliste ist sehr ausführlich.  Allerdings fehlt mit der reich illustrierten, mehrbändigen Gosstroj-Ausgabe von N. F. Guljanickij zur russischen Städtebaukunst (Russkoe gradostroitel'noe iskusstvo) eines der Standardwerke zur Stadtentwicklung. Im Text wird sie auch nicht erwähnt.
So vermittelt das Buch von G. Lappo und F. Hönsch zwar ein breites, aber unvollständiges Bild der Urbanisierung in Rußland. Den ausführlichen und teilweise sehr interessanten Ortsbeschreibungen stehen erhebliche Lücken in der wirtschafts- und sozialgeographischen  Grundlegung  gegenüber.
Autor: Helmut Klüter

Quelle: Geographische Zeitschrift, 89. Jahrgang, 2001, Heft 2 u. 3, Seite 192-193

Kommentar schreiben