Markus Wissen: Die Peripherie in der Metropole. Zur Regulation sozialräumlicher Polarisierung in Nordrhein- Westfalen. Münster 2000. 293 S.

Markus Wissen legt eine bemerkenswert solide, aktuelle und vor allem kritische Studie zum Entstehungs-, Begründungs-, und Verwertungszusammenhang der struktur- und regionalpolitischen Programme in Nordrhein-Westfalen vor. Dieses ist - um es vorwegzunehmen - ein außerordentlicher Verdienst und macht das Buch trotz, stellenweise auch wegen seiner expliziten Werthaltung im Lager der "materialistischen Staatstheorie" (S. 37), der man zustimmen mag oder nicht, zu einer Arbeitsplattform mit Lehrbuch-Charakter.

Einige nicht unerhebliche Defizite lassen es allerdings (leider) nur für "Fortgeschrittene" im Bereich der politisch orientierten Regionalwissenschaften bzw. regional interessierten Politikwissenschaften geeignet erscheinen.
Das Buch bemüht sich im Kern um Wandel und Bestand der politischen Gestaltungschancen angesichts der ökonomischen Globalisierung. Der Verfasser geht der Frage nach, "wie sich strukturpolitische Intervention auf regionalstaatlicher Ebene verändert, um die zunehmenden sozialräumlichen Widersprüche prozessierbar zu machen, um also zu verhindern, daß die Widersprüche sich in einer Weise entfalten können, die eine Bedrohung für die soziale Stabilität" (S. 13) bedeuten.
Dazu werden zunächst die Debatten über neuere politikwissenschaftliche Konzepte des Staates aufgearbeitet (Kap. 2, S. 27-39), dem eine eingehende kritische Entwicklungsanalyse der sozialdemokratischen Strukturpolitik in Nordrhein-Westfalen folgt (Kap. 3, S. 4-100) und am Fallbeispiel der Emscher-Lippe-Region für die 90er Jahre vertieft wird (Kap. 4, S. 101- 207). Das kürzere - zu kurze - Kapitel 5 (S. 208-232) versucht, Schlußfolgerungen zur Thematik der Regulation der sozialräumlichen Polarisierung zu skizzieren.
Markus Wissen leistet einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der staatlichen Intervention, ihrer Strategien und Programme sowie der ihr zugrunde liegenden Machtverhältnisse. Wo die gesellschaftlichen Akteure um die Durchsetzung ihrer Interessen ringen, bleibt im neuen Kapitalismus, deren "liberaldemokratische Institutionen" nach Meinung des Verfassers (S. 230) schon in die Krise gekommen seien, die solidarische Gestaltung menschlichen Zusammenlebens auf der Strecke. Es ist das Verdienst des Verfassers, diese neue Realität selbst wieder zum Gegenstand der Analyse gemacht zu haben. Hierzu erweist sich der Ansatz der kritischen Theorie durchaus als befruchtend und wertvoll, zumal sich vergleichbare Positionen in der Region seit einer halben Generation mit wenigen Ausnahmen (z. B. Böhmer, Rommelspacher) kaum mehr zu Wort gemeldet haben.
Die Analyse sozialdemokratischer Strukturpolitik unter den Strukturzwängen der Diversifizierung, Modernisierung, Neoindustrialisierung (Kap. 3) und schließlich Globalisierung (Kap. 4 anhand der Fallstudie Emscher-Lippe-Region) belegt eindrücklich einen (krisengetriebenen) Entwicklungspfad, der die Schlußfolgerungen des Verfassers stützt: Der Staat erscheint strukturell unfähig, der sozialräumlichen Polarisierung mit problemadäquaten strukturpolitischen Konzeptionen zu begegnen. Vielmehr erweisen sich die strukturpolitischen Programme - zumindestens am Beispiel der Emscher-Lippe-Region nachvollziehbar - trotz mancher (bescheidener) Erfolge eher als "Formen symbolischer Problembearbeitung", die zum einen durchaus zum Erhalt der sozialen Stabilität, zum anderen aber auch, da wahlkampftaktisch immer auch geschickt plaziert, zum Überleben der Regierungspartei beitragen. Zu diesem Befund steht das Ergebnis in gewissem Widerspruch, das eine "strukturelle Unfähigkeit" des Staates bescheinigt, einer sozialräumlichen Polarisierung mit strukturpolitischen Konzepten zu begenen (S. 223).
Die Wahl der Emscher-Lippe-Region als Fallstudie erweist sich als überzeugend. Macht sie doch deutlich, daß diese Region aufgrund des regionsspezifischen Entwicklungsgangs "zu spät" kommt, um die Vorzüge einer sozialverträglich abfedernden Strukturpolitik des Landes (und der dazu erforderlichen EU-Mittel), zunächst angesichts der Vereinigung und dann im Hinblick auf die Osterweiterung der Europäischen Union, genießen zu können. Dagegen dürften deregulierte und dezentrale Strategien der "endogenen Potentialentwicklung" für diese Teilregion ein Szenario wahrscheinlich machen, das in erster Linie auf dem durch Preiswettbewerb geprägten Markt für wenig anspruchsvolle Produktion und Dienstleistungen mitzuhalten versucht (S. 207). Die Bemühungen um die gute alte, aber weitgehend erfolglose Ansiedlungspolitik von Betrieben, die die Gründungs- und Profilierungprogramme ergänzen muß, weisen ebenso in diese Richtung wie die in absehbarer Zukunft weiterhin knapper werdenden Mittel des Landes und der EU.
Leider muß betont werden, daß der Titel der Arbeit zu erheblichen Mißverständnissen verleitet: Wer eine auch nur in Ansätzen empirische Primär- oder Sekundär- Analyse, vielleicht auch nur eine Bestandsaufnahme und Prozessbeschreibung der sozialräumlichen Polarisierung erwartet, wird enttäuscht. Hier rächt sich, daß zwar wichtige Begriffe wie "Strukturpolitik" und "Intervention" geklärt werden, nicht aber die titelgebenden Kernkonzepte Peripherie/ Metropole und "sozialräumliche Polarisierung". Vielmehr scheint sich das (ungeklärte) Konzept der "sozialäumlichen Polarisierung" chamäleonhaft zu wandeln zur "sozialräumlichen Differenzierung" (S. 207) oder zur "sozialökonomischen Dynamisierung" (S. 209). Selbst ein einfacher Beleg z. B. zur regional differenzierten Entfaltung der Arbeitslosigkeit fehlt.
Auch scheint die Methode in gewissem Widerspruch zur angestrebten Ergebnisstruktur zu stehen. Können oder sollen die 17 Experteninterviews - aus "sytemimmanenter" Perspektive gegeben - wirklich das steuerungspolitische Versagen des Staates belegen? Es steht zu vermuten, da über den Umgang mit diesem "Material" keine Auskünfte oder methodischen Hinweise gegeben werden, daß es sich bei den entsprechenden Ergebnissen vielmehr um die Interpretation im Lichte vorgefaßter theorie- immanent gesetzer - nicht belegter - Tatsachenbehauptungen über die Existenz einer sozialräumlichen Polarisation bzw. entsprechender Prozesse handelt. Eine derartige "Setzung" wird zwar durch eine Reihe empirischer Analysen anderer Autoren (z. B. zu den problematischen "A-Gruppen": Arme, Ausländer, Alleinerziehende und Alte fortlaufend im Zentrum für interdisziplinäre Ruhrgebietsforschung/ZEFIR an der Ruhr-Universität Bochum) belegt. Diese Analyse-Ebene bleibt aber im Interessens- Horizont des Verfassers unerwarteter- und unverständlicherweise ausgeblendet. Konsequent wird eine "Brücke", ein Verbindungsglied zwischen dem zweifellos vorhandenen und prinzipiell mit nur wenig Mehraufwand herstellbaren Erklärungsgehalt der Ergebnisse des Verfassers und der (thematisch ja versprochenen) empirischen Sachverhalte nicht gesucht und nicht angeboten.
Warum der Verfasser der Internationalen Bauausstellung "IBA Emscherpark" - einem überaus wichtigen landespolitischen Experiment im Rahmen der regionalisierten Strukturpolitik - mit nur 5 Seiten ein Mauerblümchendasein bescheidet, bleibt unverständlich.
Empfehlungen seitens des Verfassers, in welche Richtung nun die "emanzipatorische Politikformulierung" denken sollte und könnte, wären durchaus konkreter formulierbar gewesen als das in den wichtigen und abschließenden Fragen zum Ausdruck kommt: "Warum entfernt sich die Gesellschaft (...) in rasendem Tempo von einem Zustand, in dem demokratischere und sozialere Verhältnisse bestimmend sein könnten? Wo schließlich ließen sich Ansatzpunkte finden, um diese für viele Menschen schon heute zerstörerischen Entwicklungen aufzuhalten?" (S. 231)
Implizit gelingt es dem Verfasser ohne Zweifel, einen wichtigen Beitrag zur emanzipatorischen politischen Praxis zu leisten (S. 9). Die Verkürzungen und Defizite sind störend und bedauernswert, lassen sie doch ein wichtiges Potential der Arbeit ungenutzt. Trotz der recht bitteren Wermutstropfen bleibt Markus Wissens Werk eine wichtige und dennoch wohltuende und ausgesprochen lesenswerte Bereicherung der akademischen Lehre und wohl auch der ihrer kritisch reflexiven Verantwortung noch nicht entsagenden emanzipatorischen planungspolitischen Praxis.
Autor: Bernhard Butzin

Quelle: geographische revue, 3. Jahrgang, 2001, Heft 2, S. 97-99

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