Jürgen Friedrichs und Jörg Blasius: Leben in benachteiligten Wohngebieten. Opladen 2000. 212 S.

Diese empirische Studie geht der Frage nach, welche Folgen das Leben in benachteiligten Wohngebieten für die Bewohner hat. Dabei orientiert sie sich an der als "Wilson-Hypothese" bezeichneten Annahme, dass die räumliche Konzentration von ökonomisch marginalisierten und sozial diskriminierten Bewohnern weitere benachteiligende Effekte hat, dass also das Wohnen in einem bestimmten Gebiet ein eigenständiger Faktor sozialer Benachteiligung sei. Diese Hypothese beruht auf zweierlei Annahmen: Zum einen können die Bewohner durch die Einschränkung ihrer sozialen Kontakte weitere materielle Nachteile erleiden, weil diese Kontakte räumlich sehr begrenzt und auf Partner beschränkt sind, die ebenfalls über nur sehr geringe Ressourcen verfügen. Informelle Austauschprozesse in sozial engen Netzwerken bieten nämlich keine Kompensationsmöglichkeiten für eine marginale Stellung in den formellen Systemen, insbesondere des Arbeitsmarktes. Zum anderen kann die räumliche Isolation von Marginalisierten zu einem Milieueffekt führen, der darin besteht, dass abweichende Normen und Verhaltensweisen gelernt bzw. verstärkt werden, weil die Rollenvorbilder für eine "normale" Lebensführung fehlen. Die benachteiligenden Effekte eines Lebens in benachteiligten Quartieren bestehen einerseits also in einer weiteren Verringerung von Ressourcen, andererseits in einem Lerneffekt (Sozialisationshypothese).

Zu diesem Zweck wurden vier kleine Wohnquartiere in drei verschiedenen Kölner Stadtteilen ausgewählt, die insgesamt zu den "armen" Quartieren gerechnet werden können, jedoch einige Differenzen z.B. bei der Ausländerquote und dem Anteil der Sozialhilfeempfänger aufweisen. Anhand eines standardisierten Fragebogens wurden vier große Fragekomplexe abgefragt: Fragen zu den Fertigkeiten der Personen, ihren Lebensstilen und Konsumgewohnheiten ("kulturelles Kapital"), zu Aktionsräumen, sozialen Netzwerken und Normen, sowie zur Wohndauer, Wohnzufriedenheit und demographischen Merkmalen.
Im Ergebnis zeigte sich, dass das Wohngebiet "einen Effekt auf die Bewohner der Gestalt (hat), dass sie zusätzlich benachteiligt werden" (S. 193). Wie aus vielen früheren Versuchen der in der Tradition der sozialökologischen Stadtforschung entstandenen Studien zu ‚Quartierseffekten' bekannt ist, stellt eines der größten methodischen Probleme die Trennung zwischen Individualeffekten und Quartierseffekten dar. Denn wenn in einem Wohngebiet die Sozialstruktur relativ homogen ist (hier: arme Bewohner), dann ist es kaum möglich, zwischen den Effekten, die aus der sozialen Lage der Bewohner, und denen, die als Quartierseffekte (Nachbarschaftseffekte) zu charakterisieren wären, zu unterscheiden. Um dieses methodologische Problem zu lösen, werden in der Studie verschiedene statistische Analyseverfahren angewendet, wobei die sozialen oder demographischen Merkmale möglichst homogen gehalten und dann nach den noch erkennbaren Varianzen gefragt wird. Dabei zeigen sich nach Aussage der Autoren deutliche Gebietseffekte. Der Gebietseffekt liegt vor allem darin, "dass die Handlungsrestriktionen in der Zahl der Netzwerkpersonen liegen sowie ... in der im Wohngebiet verbrachten Zeit und den dort ausgeübten Aktivitäten" (S. 194). Ein Gebietseffekt tritt also auf, wenn die Befragten eine geringe Zahl von Bekannten haben, die meiste Zeit im Wohngebiet verbringen und dort auch den größten Teil ihrer Aktivität ausüben. D.h. auch: Bewohner, deren Horizont und Aktionskreis sich auf das Wohnquartier beschränkt, werden in ihrem Handeln und Denken von den im Wohnquartier vorherrschenden Normen und Verhaltensweisen am stärksten geprägt. Dieser Befund ist zwar kaum überraschend, er wird aber durch die vorliegende Studie statistisch repräsentativ und als signifikant belegt.
Zwei der untersuchten Stadtteile haben Ausländerquoten, die weit über dem Kölner Durchschnitt liegen. Daher wurden auch türkische Bewohner befragt. Ein bemerkenswerter Befund ist, dass sich die türkischen Bewohner hinsichtlich ihrer sozialen Netzwerke und hinsichtlich ihrer Normen deutlich von den inländischen Bewohnern unterscheiden: "Die türkischen Bewohner lehnen abweichendes Verhalten in viel stärkerem und einheitlicherem Maße ab als die deutschen Bewohner. Die türkischen Bewohner können demnach als stabilisierender Faktor in benachteiligten Wohngebieten angesehen werden" (S. 195). Mit dieser Feststellung wird man häufig konfrontiert, wenn man sich mit Experten über benachteiligte Quartiere unterhält. In der Regel prägen die Spannungen zwischen einheimischen "Verlierern der Modernisierung" und Zuwanderern das spezifische Klima von solchen Gebieten. Dabei leben die deutschen Bewohner in größerer sozialer Isolation als die türkischen Mitbewohner, die in enge verwandtschaftliche Netze (noch) eingebunden sind.
Wie es zur sozialräumlichen Ausgrenzung kommt, wird in der Studie nicht thematisiert. Sowohl die Verarmung der schon länger im Gebiet Wohnenden als auch selektive Zu- und Wegzüge können dazu beigetragen haben. Obwohl laut Fragebogen die Wohndauer erfragt wurde, spielte sie bei der Auswertung offenbar keine Rolle.
Die Studie belegt zum ersten Mal mit quantitativen Verfahren Annahmen, die in der stadtsoziologischen Diskussion im Zusammenhang mit dem Thema "soziale Stadt" schon seit geraumer Zeit eine Rolle spielten. Hierin liegt das Verdienst der Studie.
Weniger erfreulich sind die schlampige Redaktion des einleitenden Abschnittes über städtische Armut sowie die extensiven und ermüdenden Darstellungen von Tabellen und statistischen Analysen, die in vielen Fällen dann doch nur zu banalen Aussagen führen oder im Nirgendwo enden. Dies rührt offenbar von dem Charakter eines Forschungsberichts her, den diese Veröffentlichung deutlich hat. Wenig einleuchtend ist auch die Verschränkung der Fragestellung nach den benachteiligenden Effekten mit der Frage, ob es Lebensstil-Variationen zwischen den verschiedenen Vierteln gebe. Diese zweite Fragestellung wird der ersten relativ unverbunden hinzugesellt, sie führt jedoch zu keinem weiterführenden Ergebnis. Bei den Lebensstilen sind - jedenfalls mit den hier verwendeten Methoden - kaum Unterschiede zwischen den Wohngebieten zu erkennen. Eine hoch standardisierte Befragung eignet sich jedoch, das muss hinzugefügt werden, für eine Lebensstil-Analyse nur sehr begrenzt.
Wer sich für statistische Analysen und Methodenfragen interessiert, dürfte an der vorliegenden Veröffentlichung seine Freude haben, weil Korrelationen, Tabellen und methodische Reflexionen einen großen Teil der Darstellung einnehmen. Obwohl die Studie erst im Herbst 2000 veröffentlicht wurde, sind Bezüge auf die stadtsoziologischen Diskussionen über diese Themen, die in den Jahren 1998 und 1999 intensiviert wurden, nicht enthalten. Sind das Anzeichen dafür, dass sich eine "Methodensoziologie" vor allem in ihrem eigenen Referenzrahmen bewegt?
Zusammen mit der kürzlich erschienenen Studie von Andreas Farwick, "Segregierte Armut in den Städten" (ebenfalls bei Leske + Budrich) liegen mit dieser Studie nun empirisch belegte Befunde vor, die zeigen, welche sozialen Gefahren mit dem sozialräumlichen Wandel der großen Städte verbunden sind, dem die wohnungspolitischen Instrumente derzeit wenig entgegenzusetzenhaben.
Autor: Hartmut Häußermann

Quelle: geographische revue, 4. Jahrgang, 2002, Heft 1, S. 85-87

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