Heike Roggenthin (Hg.): Stadt - der Lebensraum der Zukunft? Gegenwärtige raumbezogene Prozesse in Verdichtungsräumen der Erde. Mainz 2001 (Mainzer Kontaktstudium Geographie, Bd. 7). 108 S.

Ein Text muss seinen Leser finden. Je klarer Autoren sich hierüber sind und mit Adressatenbezug schreiben, umso mehr steigen die Chancen auf ein gutes Buch - zumindest in dem Sinne, dass es brauchbar ist und befriedigend für die Bedürfnisse einer bestimmten Leserschaft. Der vorliegende Sammelband ist ein auf diese Weise gutes Buches, weil es um seine Leserschaft weiß. Die Herausgeberin hat konsequent darauf geachtet, dass alle Beiträge eine Zielvorgabe einhalten: nämlich der Lehrerschaft knapp und verständlich Wesentliches zum Themenfeld "Stadt - Zukunft - Globalisierung" zu vermitteln.

Die meisten Beiträge haben einen hohen didaktischen Wert. Didaktische Brillanz wird gleich im ersten Aufsatz von Hermann Schrand nicht nur als Anspruch artikuliert, sondern auch als Leistung vollbracht. In seinem Beitrag über "Die Globalisierung der Lebensbezüge als neue Herausforderung für den Geographieunterricht" gelingt es Hermann Schrand beispielhaft, ein großes Thema gekonnt aufzubereiten, prägnant den Diskussionsstand zu skizzieren und denkerisch anregend Fragen aufzuwerfen, die sich, weil sie schon im ersten Zugriff so spannend sind, hervorragend zum Einsatz im Unterricht eignen. Der Grundton des Buches, vom Autor des ersten Beitrags in großer Meisterschaft angestimmt, lässt sich auch bei den anderen Aufsätzen des Sammelbands immer wieder und mindestens im Ansatz heraushören. Stets geht es den Autoren und Autorinnen darum, das Thema "Stadt als Lebensraum" auf wenigen Seiten prägnant zu präsentieren. Mit der Lehrerschaft als Zielgruppe vor Augen sind so Texte entstanden, die durch ihre Lesbarkeit überzeugen. Der didaktische Einfallsreichtum der Verfasser ist hoch. Der gesamte Band vermittelt thematische Eingängigkeit, tagespolitische Spannung und gedankliche Orientierung. Alle Beiträge bemühen sich um Alltagsnähe, Aktualität und Anwendungsbezug. Auf diese Weise gelingt es, dem Sammelband eine gedankliche Einheitlichkeit zu geben. Es ist immer die gleiche Latte, über die die einzelnen Beiträge springen, nämlich dem Leser stadtgeographisches Wissen ohne viel Zeit- und Motivationsverlust in gut verdaulichen Portionen zu vermitteln. Das angesprochene Themenspektrum ist ebenso global wie es der Untertitel verspricht. "Gegenwärtige raumbezogene Prozesse in Verdichtungsräumen der Erde": Unter dieser breiten Hutkrempe reichen die regionalen Beiträge von Frankfurt/M. (Ruth Bördlein) über Damaskus und Marrakesch (Anton Escher) bis hin zur Weltkonferenz Urban 21 (Jamill Sabbagh und Fabian Dosch). Thematisch wird der Bogen gespannt von Gated Communities (Georg Glasze), neuen Kooperationsformen in der Stadtplanung (Tilman Rhode-Jüchtern) bis zu Frauen in der sozialen Stadt (Martina Köbberich).
Würde es sich um eine übliche fachwissenschaftliche Publikation handeln, so wäre eine kritische Betrachtung des breiten inhaltlichen Spektrums in meinen Augen angezeigt. Zumal auch das Vorwort von Heike Roggenthin nicht dezidiert einen klaren roten Faden durch das Buch legt. "Lebensraum der Zukunft", das ist ein weit gestecktes Feld. Und die Tatsache, dass die Mehrzahl der Menschen nun in Städten lebt und letztere wachsen, bietet noch keinen pointierten Anlass für die Versammlung von Beiträgen um eine gemeinsame Themenstellung.
Doch es geht in dieser Publikation weniger um das Einbringen neuer Perspektiven in den fachwissenschaftlichen Diskurs. Nicht die Originalität der präsentierten theoretischen Einsichten oder die Innovativität der dargestellten empirischen Befunde steht bei den vorliegenden Beiträgen zur Entwicklung von Verdichtungsräumen zur Diskussion (und damit hier zur Rezension). Sondern es bemisst sich der Gütegrad der vorgelegten Texte am Gehalt und an der Reife der didaktischen Vermittlung. In dieser Hinsicht möchte ich die Herausgeberin und die Autoren beglückwünschen. Sie haben beim Schreiben an ihre Leser gedacht. Deshalb findet dieses Buch sicherlich zurecht viele Anhänger - in seiner Zielgruppe, der (Hochschul)Lehrerschaft.
Autorin: Ilse Helbrecht

Quelle: geographische revue, 4. Jahrgang, 2002, Heft 2, S. 76-78

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