Klaus Brake, Jens S. Dangschat, Günter Herfert (Hg.): Suburbanisierung in Deutschland. Aktuelle Tendenzen. - Opladen 2001. 284 S.

Die Veränderung der Stadträume in Deutschland ist in den vergangenen Jahren immer wieder unter neuen populären Stichworten abgehandelt worden, so wurde die "Zwischenstadt" entdeckt, "Postsuburbia" beschworen oder gar das "Verschwinden der Stadt" postuliert. Zwar gelang es damit, die Aufmerksamkeit auf die stadtregionalen Prozesse zu lenken, doch kamen die meisten Ansätze über eine Beschreibung von Einzelphänomenen und Teilaspekten des Ausbreitens der Städte in ihr Umland nicht hinaus. Ein aktueller und zugleich umfassender Überblick über die verschiedenen funktionalen Aspekte des Suburbanisierungsprozesses und eine Berücksichtigung unterschiedlicher räumlicher wie politischer Grundvoraussetzungen für die Suburbanisierung in Deutschland nach der Wiedervereinigung fehlte dagegen bislang. Diesem Missstand rückt nun das hier vorzustellende Buch - und um das Urteil vorwegzunehmen: fundiert - zu Leibe.

Die Hauptteile des Bandes befassen sich ausgehend von theoretischen Fragestellungen mit den wichtigsten funktionalen Aspekten der Suburbanisierung (Wohnen, Handel, Gewerbe, Freizeit, Verkehr, Kommunalfinanzen), mit regionalen Beispielen verschiedener Stadträume (Berlin, Leipzig, München, Rhein-Main, Stuttgart, Thüringer Städtereihe) und abschließend mit der Frage der politischen Steuerung der Stadtregion. Auf die instruktiven regionalen Beispiele sei hier nicht eingegangen, stattdessen werden die grundlegenden theoretischen und politischen Beiträge kurz besprochen.
Einleitend finden sich zwei Aufsätze zur Theorie der Suburbanisierung. Brake bringt zunächst einen Überblick über die wichtigsten Diskussionsstränge zur aktuellen Suburbanisierungsdebatte und diskutiert die grundlegende Frage, ob es sich in der fortgesetzten Urbanisierungsphase mit ihren zunehmenden teilräumlichen Spezialisierungstendenzen um Kontinuitäten oder neue Qualitäten des Prozesses handelt. Die Fragmentierung des Siedlungsraums, die Eigenständigkeit der Teilräume und der Funktionswandel der Kernstadt verlangen - so Brake - nach einer Restrukturierung des Aktionsraums Stadtregion, was einen strategische Übereinkunft in Form eines "Stadtregions-Vertrages" erfordere. Zum "Wie?" finden sich allerdings keine Ausführungen. Zumindest macht schon dieser Eingangsbeitrag klar, dass eine spezifisch europäische Suburbanisierungsvariante gemeint ist. Dies vertieft der zweite Beitrag, der die Übertragung nordamerikanischer Suburbanisierungsmuster auf Deutschland verwirft.
Die funktionalen Aspekte der Suburbanisierung werden von einschlägigen Autoren mit neuesten Materialien versehen dargestellt. Hier ist ein Fundus für Wissenschaftler, Publizisten und Lehrer, der zudem ergänzt wird durch farbige Tafeln in der Mitte des Bandes. Aring und Herfert befassen sich mit "neuen Mustern" der Wohnsuburbanisierung und heben dabei insbesondere die Sonderbedingungen in den neuen Bundesländern als wichtigen Motor der dynamischen Wohnsuburbanisierung in der ersten Hälfte der 90er Jahre heraus: Wohnungsmängel in der Kernstadt, fehlende regionalplanerische Steuerung und "überzogene" Förderpolitik. Im Ausblick weisen die Autoren auf den Rückgang der Dynamik hin, der zudem durch demographische Entwicklungen neue Verteilungskämpfe erwarten lässt.
Die Veränderung der Einzelhandelslandschaften differenziert Kulke ebenfalls nach alten und neuen Bundesländern, deren sekundäres Einzelhandelsnetz im Stadtumland einen deutlich höheren Umsatzanteil erzielt als das Stadtumland der alten Länder. Unter Berücksichtigung der treibenden Faktoren Nachfrage, Angebotsentwicklungen und Planungsverfahren belegt Kulke das wachsende Überangebot und erwartet eine Marktbereinigung und -spezialisierung gerade auch im Umland.
Der Beitrag zur Gewerbesuburbanisierung (Karsten/Usbeck) stellt auf die Tertiärisierung der suburbanen Standorte ab und benennt ihre Push- und Pullfaktoren. Thematisiert wird insbesondere die funktionale "Anreicherung" der suburbanen Gewerbegebiete durch Dienstleistungen, wobei die Autoren die Frage eines eigenständigen Prozesses oder eines Überschwappeffektes aus den Zentren nur anreißen. Nach den Themen Wohnen, Einzelhandel und Gewerbe lässt sich auch bei den Freizeitorientierung eine wachsende Suburbanisierung beobachten. Hatzfeld beschränkt seine Analyse dieses Themenfeldes leider unter mehreren Aspekten: Zum einen betrachtet er nur Freizeitgroßeinrichtungen (von Freizeitparks über Multiplexkinos bis zu Urban-Entertainment-Centern), lässt aber Ferienzentren und themenbezogene Naherholungsangebote außerhalb der Betrachtung. Noch gravierender ist die Beschränkung auf die Betrachtung von Tendenzen in Nordrhein-Westfalen, welches der Autor als "Land der Markteinführung" behauptet. Dennoch ist auch dieser Beitrag mit empirischem Datenmaterial unterlegt, so dass der Leser dieses Themenfeld im Hinblick auf Suburbanisierungstendenzen, die der Autor mit dem Hinweis auf die Ambivalenz der Standortfaktoren unbeantwortet lässt, selbst weiter auswerten kann.
Neben den Einzellogiken der Teilsysteme Wohnen, Arbeiten, Versorgen und Freizeit ist ein zentraler treibender Faktor der Suburbanisierung die Entwicklung von Mobilität und Verkehr, die Hesse in seinem grundlegenden Beitrag theoretisch analysiert und mit empirischen Belegen untermauert. Die von ihm vorgeschlagenen Instrumente zum stadtregionalen Verkehrsmanagement erfordern eine geeignete stadtregionale Raumplanung. In diese Richtung zielt auch die von Mäding geführte hochaktuelle Diskussion des Zusammenhangs zwischen Suburbanisierung und kommunalen Finanzen. Mäding zeigt die Verteilungseffekte und fiskalischen Asymmetrien der kommunalen Finanzausstattung bei fortgesetzter Suburbanisierung auf, welche nicht nur die Kernstadt, sondern sogar die fiskalische Gesamtausstattung der Region beeinflussen.
Schließlich sei noch der Schlussteil des Sammelbandes erwähnt, der "Gestaltung und Struktur" von "Suburbia und Stadtregion" überschrieben ist. Eingangs stellt Kunzmann für die Zukunft von Suburbia verschiedenste funktionale Differenzierungen, gebildet durch Leitfunktionen, zur Diskussion. Ein wenig aus dem Mainstream von Geographie und Stadtplanung fällt der Beitrag von A. Hahn, der sich mittels kultursoziologischer Betrachtung der suburbanen Lebenswelt dem Phänomen des "Wohnens am Rand" nähert. Planungsorientiert und politisch fallen dagegen die anderen Beiträge dieses Teils aus: Sieverts stellt Forderungen "jenseits von Zwischenstadt", nämlich das Unbehagen mit der suburbanen Stadtlandschaft als Anlass für eine gestaltende Regionalplanung zu nehmen und mit den beteiligten Akteuren und Disziplinen ein Leitbild zu erarbeiten, welche eine Transformation hin zu einer eigenen lebenswerten Ästhetik des Landschaftsraumes in interkommunaler Zusammenarbeit anstrebt. Stehen bei Sieverts eher landschaftsgestalterische Aspekte im Vordergrund, so fordert Bose den Einsatz von raumstrukturellen Leitbildern für den gesamten Planungsprozess ein. Bose plädiert dabei für ortsspezifische und fortschreibbare Konzepte, bleibt aber die Antwort nach Instrumenten zur Durchsetzung des Bündelungs- und Schwerpunktprinzips schuldig. So bleibt es dem Beitrag von Danielzyk und Priebs vorbehalten, die Handlungsfelder und Instrumente interkommunaler Kooperation in der Region dazulegen und auf die ersten Praxisbeispiele (Stuttgart, Hannover) zu verweisen.
Insgesamt überzeugt der Band durch Themenspektrum, Einschlägigkeit der Autoren, präsentierte Beispiele und die Diskussion unterschiedlicher Handlungsempfehlungen und kann als Kompendium für den aktuellen Stand der Suburbanisierungsdebatte in Deutschland nur empfohlen werden.
Autor: Ulf Hahne

Quelle: geographische revue, 4. Jahrgang, 2002, Heft 2, S. 82-84

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