Rainer Lukhaup: Zur Theorie und Praxis der Einzelhandelszentralität in der Geographie - mit Beispielen aus Südwestdeutschland. Mannheim 2001 (Mannheimer Geographische Arbeiten, Sonderveröffentlichung). 232 S.

Die Diskussion der Messung von Einzelhandelszentralität gilt gegenwärtig vom wissenschaftlichen Anspruch her häufig als "alter Hut". Zwar fehlt das Theoriemodell Christallers in keiner Grundlagenveranstaltung der Humangeographie und ist die Darstellung von zentralen Orten unterschiedlicher Hierarchiestufen tägliches Brot der Regionalplanung, aber aktuelle räumlich differenziert verlaufende Prozesse von Wachstum, Stagnation und Schrumpfung konsumentenorientierter Dienstleistungen können die Ansätze nur teilweise erklären. Insofern ist die Auseinandersetzung mit diesem Themenfeld - wie es diese Arbeit beabsichtigt - einerseits mutig und andererseits besteht aber durchaus auch ein Bedarf, "Bausteine zur Verbesserung von Messverfahren zentralörtlicher Phänomene" (S. 2) zu entwickeln.

Das genannte Spannungsfeld greift der Bearbeiter in der Einleitung (S. 1-3) auf, irgendwie bleibt aber die wissenschaftliche Intention der Arbeit unklar. Kapitel 1 (S. 5-35) beschäftigt sich dann mit verschiedenen Theorieansätzen zu wirtschaftsräumlichen Strukturen, Entwicklungen und raumwirtschaftspolitischen Zielen. Diese überwiegend einem verbreiteten Lehrbuch zur Wirtschaftsgeographie entnommenen Ansätze werden zwar übersichtlich in verkürzter Form wiedergegeben, der Bezug zu dem Thema und Ansatz der Arbeit bleibt aber unklar. Das folgende Kapitel (S. 37-110) geht dann unmittelbar auf die Theorie Christallers und zahlreiche damit verknüpfte Studien ein und greift auch aktuelle Weiterentwicklungen (z. B. Städtenetze) auf. Relativ überraschend und plötzlich erfolgt dann eine auf HGZ-Daten (1979, 1985, 1993) beruhende Dokumentation der Versorgungssituation in der Pfalz. Dem folgt eine kurze Übersicht (Kap. 3, S. 111-126) der Raumgliederung und der Entwicklung der Agglomerationsräume in Deutschland. Zurück geht es zu allgemeinen Ansätzen (Kap. 4, S. 127-159), insbesondere hinsichtlich des Betriebsformenwandels im Einzelhandel, um dann erneut (Kap. 5 u. 6, S. 161-184) empirisch anhand von Kennziffern und Kaufkraftströmen für die Fallbeispielregion die zentralörtlichen Strukturen zu dokumentieren. Mit einem kurzen Fazit (S. 185-186), in welchem noch einmal auf die Notwendigkeit der Einführung alternativer Messparameter hingewiesen wird, schließt die Arbeit.
Zweifellos ist der Versuch verdienstvoll, in einer Art von eklektischem Ansatz vorhandene Kenntnisse zur Zentralitätsforschung zum Erkenntnisgewinn zusammenzuführen. So könnten der Zentralitätsdiskussion neue Perspektiven eröffnet werden. Dies ist auch wegen der weiten Verbreitung der Zentralitätsdarstellung in der Raumplanung und der dynamischen Entwicklung bei konsumentenorientierten Dienstleistungen angebracht. Leider verheddert sich der Autor in der Studie in der Vielzahl der unterschiedlichen Ansätze; es gelingt nur teilweise, daraus eine analytische Konzeption von Fragestellung, Methode und Ergebnis zu entwickeln und diese zielorientiert empirisch umzusetzen. Insofern ist die Studie als eine weitere zentralörtliche Untersuchung interessant und wertvoll; einen wirklichen weiterführenden Erkenntnisgewinn eröffnet sie jedoch nur in Ansätzen.
Autor: Elmar Kulke

Quelle: Erdkunde, 57. Jahrgang, 2003, Heft 1, S. 75

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