Ute Luig und Hans-Dietrich Schultz (Hg.): Natur in der Moderne. Interdisziplinäre Ansichten. Berlin 2002 (Berliner Geographische Arbeiten 93). 274 S.

So wie man in seriösen Zeitungen die bunten und überraschenden Meldungen oft auf den letzten Seiten findet, so empfiehlt es sich, diesen Sammelband von hinten zu lesen. Dort trifft man auf einen Artikel über den um 1690 auf Mauritius ausgestorbenen Dodo, einen "Ekelvogel", der heute als "hochverdichtetes, naturschützerisches Symbol" gilt (G. MENTING u. G. HARD), auf eine Abhandlung zum Naturverständnis nomadischer Viehzüchter in der Mongolei (A. WEILER) oder auf einen Beitrag zur "Anthropomorphisierung" von Vulkanen auf dem indonesischen Flores (U. U. FRÖMMING). Diese Fallstudien tragen zur ewigen Diskussion des Naturschutzes, wer was wie schützt, sehr Erhellendes bei, da der Blick auch auf nichteuropäische Blickweisen gerichtet wird.

Noch deutlicher wird die kulturelle Gebundenheit von naturschützerischen Interessen in den Aufsätzen über die Umsetzung einer "umweltbezogenen Gerechtigkeit" in Westindien vor dem Hintergrund der Globalisierung im Widerstreit von Weltbank, Staat und Nichtregierungsorganisationen (S. RANDERIA) sowie über die "touristische Eroberung" der Viktoriafälle (U. LUIG). Diese Exempel werden im vorderen Teil des Bandes durch ausführliche und grundlegende Darstellungen von Fachdiskussionen zum jeweiligen Verständnis von Natur aus einer historischen Perspektive untermauert, und zwar in der Astronomie (G. HOEPPE) und den Naturwissenschaften insgesamt (R. HANSEN), in der Ökologie (K. JAX) und der Geographie (G. HARD, H.-D. SCHULTZ) sowie in den Geschichts- und Literaturwissenschaften (U. DEGNER). Als Regelfall erscheinen, wie es in der Einleitung treffend heißt, Prozesse der Verwissenschaftlichung und stetigen Entmoralisierung von Natur. Gegenläufig lief dagegen die Entwicklung in Teilen der Geographie, in der sich ein normativ gefärbter Naturbegriff durchsetzen konnte. Der Aufsatz von G. FRÖMMING "Vom Heimatschutz zum Rassenwahn" zeigt Irrwege eines darin fußenden Naturschutzes, ohne dessen prinzipielle Notwendigkeit damit in Frage zu stellen. Die vorzügliche Einleitung von U. LUIG bildet eine unbedingt notwendige Klammer, um die auf den ersten Blick disparaten Beiträge in größere Zusammenhänge zu stellen, und wie man die Qualität einer Zeitung nicht an einem einzelnen Artikel festmachen sollte, so wenig angemessen erscheint es, einen Beitrag aus dem inhaltlich sehr dichten - und in Teilen sehr eng gesetzten! - Band besonders hervorzuheben. Der Band ist vielmehr als längst überfällige Information über sehr unterschiedliche Fachparadigma und Zugangsweisen zu Natur und Naturschutz zu verstehen; dafür sei den Herausgebern gedankt. Dabei besteht die Hoffnung darin, dass eine breitere Kenntnis um die unterschiedlichen Verständnisse von Natur helfen möge, in interdisziplinären Diskussionen die Lösungspotentiale zu einem schonenderen Umgang mit Natur stärker als bisher auszuschöpfen.    
Autor: Winfried Schenk

Quelle: Erdkunde, 57. Jahrgang, 2003, Heft 1, S. 76




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