Joachim Weber: Kroatien. Regionalentwicklung und Transformationsprozesse. Stuttgart 2002 (Mitteilungen der Geographischen Gesellschaft in Hamburg 92). 319 S.

Wenn heute eine geographische Arbeit über das komplexe räumliche Wirkungsgefüge eines Staates erscheint, so nennt sie sich keinesfalls "Länderkunde", vielleicht noch "Länderprofil", am besten aber wehrt sie sich gegen den Verdacht, "nur" regionale Geographie zu betreiben mit der Vorgabe, eine Untersuchung spezifischer Probleme und Entwicklungsprozesse zu sein. So bezeichnet der Hamburger Geograph JOACHIM WEBER, betreut von GERHARD OBERBECK, seine im Rahmen einer Dissertation durchgeführte Studie Kroatiens als "Untersuchung der Regionalentwicklung Kroatiens im historischen Kontext". Als Forschungsmethoden wählt er das "Erklären" im Sinne eines rationalen Begründens und das "Verstehen" im Sinne ganzheitlicher Deutung, einer "Logik der Interpretation" und sieht diese nicht als Gegensätze. Landesspezifische Aussagen sind stets in themenspezifische Theorien eingebettet. Reflexion über Theorien, Forschungsmethoden und über das jeweils eigene Herangehen an den Forschungsgegenstand nehmen breiten Raum ein.

Ein weiteres Merkmal dieser Untersuchung ist der ausgeprägt historisch-genetische Ansatz. WEBER erklärt die Raumstrukturen des heutigen Kroatiens außer aus den naturräumlichen Bedingungen vor allem aus der Geschichte. Die unterschiedlichen kulturräumlichen Prägungen der Adriaküste und des Binnenlands von der Römer- bis in die Neuzeit werden als grundlegend für die heutigen kultur- und sozialräumlichen Strukturen, die Verschränkung dieser beiden Teilgebiete als ein Hauptproblem kroatischer Staatlichkeit erkannt. Es erstaunt dabei, dass dieser historisch-genetische Erklärungsansatz das 19. Jahrhundert fast ausblendet - eine Epoche, die wie für viele andere Teile Europas auch für das Gebiet des heutigen Kroatiens sehr bestimmend war. Dies nicht nur wegen des Aufkommens neuer Produktionsformen (Industrie) und Verkehrsmittel (Eisenbahn, Dampfschifffahrt), wodurch viele ältere Raumstrukturen zumindest modifiziert wurden, sondern auch wegen des politischen Wirksamwerdens der nationalen Idee, ohne die ein politisches Gebilde wie das heutige Kroatien wahrscheinlich gar nicht angestrebt worden wäre. Mit dieser einen Ausnahme wird aber kein für das heutige Kroatien wesentlicher Faktor übersehen. Der Autor erfasst tatsächlich das Wesen Kroatiens, aus der nicht nachteiligen Distanz des von auswärts Kommenden, aber auch mit der für eine solche Arbeit unerlässlichen Sympathie zum Forschungsobjekt.
Zentrale Themen bei der Darstellung der heutigen Situation, die bis Ende 1999 verfolgt wird, sind der Transformationsprozess mit seinen regionalen Auswirkungen, Raumordnung und Regionalentwicklung, Verkehr und - ein Höhepunkt des Buchs - ein verkehrsgeographischer Vergleich des kroatischen Haupthafens Rijeka mit seinen unmittelbaren Konkurrenten Triest und Koper. Der Transformationsprozess in Kroatien erweist sich im Vergleich mit den anderen post-kommunistischen Ländern als sehr spezifisch, weil er von den jugoslawischen Zerfallskriegen und den dadurch ausgelösten endogenen Entwicklungen stark behindert wurde. Auch der in anderen Transformationsländern oft idealtypisch ausgebildete West-Ost-Gradient der Regionalentwicklung wird in Kroatien nur sehr teilweise vorgefunden. Der Abschnitt über die Regionalisierung Kroatiens leidet etwas unter dem Missverständnis, sozio-ökonomisch homogene Strukturregionen wie die Hochkarstregion oder "Hochkroatien" (Gorski kotar und Lika) könnten oder sollten zugleich funktionale Regionen sein. Eben diese strukturelle Homogenität (dünn besiedelte ländliche Region ohne größere Zentren) lässt die Hochkarstregion funktional in Verbindung mit Rijeka, z. T. auch mit Split treten und würde wohl auch eine entsprechende administrative Zuordnung rechtfertigen. Des weiteren wird übersehen, dass die 1993 eingeführte adminis-trative Gliederung Kroatiens in ?Zupanjen nach dem Ende des Krieges in Kroatien (1996 und v. a. 1997) noch deutlich modifiziert wurde.
Die Arbeit beruht auf umfangreichen eigenen Feldstudien seit 1996 und auf zahlreichen Gesprächen mit kroatischen und ausländischen Experten. Sie rezipiert in weitgehender Vollständigkeit die internationale und in westlichen Sprachen zugängliche kroatische Literatur. Die mangelnde Vertrautheit des Autors mit der Landessprache äußert sich jedoch nicht nur in der nicht immer korrekten Schreibung von Ortsnamen und in der Verwendung des falschen grammatischen Geschlechts bei manchen geographischen Namen und anderen kroatischen Wörtern (u. a. die statt richtig der Velebit, das statt richtig der Gorski kotar, die statt das Polje, der statt die Kuna, der statt das Konavle), sondern auch in einem Übergehen nur in kroatischer Sprache zugänglicher wichtiger Literatur wie z. B. des grundlegenden Werks von IVICA NEJA?SMI´C über die demographische Entwicklung in Kroatien (Depopulacija u Hrvatskoj - Entvölkerung in Kroatien, Zagreb 1991). Der Wert einer den jungen Staat Kroatien erklärenden und zu seinem Verstehen führenden Monographie, gut lesbar und trotz der mittlerweile eingetretenen politischen Veränderungen immer noch aktuell, wird dadurch jedoch nicht entscheidend geschmälert.    
Autor: Peter Jordan

Quelle: Erdkunde, 57. Jahrgang, 2003, Heft 2, S. 155-156

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