Ronald Hill: Southeast Asia. People, Land and Economy. Crows Nest, Australia 2002.

Aufgrund seiner inzwischen über vierzigjährigen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Südostasien gehört der australische Autor, langjähriger Professor für Geographie, zu den weltweit wohl besten Kennern der Region. Vor Jahren hatte er selbst bezweifelt, dass es einem Einzelnen noch möglich sein könnte, eine zufriedenstellende Gesamtsicht eines so ausgedehnten und differenzierten Raumes zu verfassen. Mit der vorliegenden Publikation unternimmt Ron Hill den Versuch, sich selbst zu widerlegen. Seit längerem ist damit wieder eine aktuelle, zusammenfassende länderkundliche Darstellung Südostasiens aus geographischer Sicht verfügbar.

"Does Southeast Asia really exist?" - die Antwort auf diese einleitende Frage umreißt zugleich ein Leitmotiv des Buches: Trotz erheblicher Diversität in Zeit und Raum lassen sich vor allem gesellschaftlich-kulturelle und ökonomische Strukturen und Prozesse ausmachen, die über die bloße geographische Konstruktion hinaus einen inneren Zusammenhang der Region konstituieren. In einer bewundernswerten Tour d`Horizon werden nach einem einleitenden Überblick in vier Kapiteln durchweg problembezogen und kompetent demographische, naturräumliche, klimatische und biogeographische Aspekte der regionalen Entwicklung vorgestellt. Der folgenden Behandlung des rasanten ökonomischen Wandels in den Ländern Südostasiens wird - der Sache angemessen - mit drei Kapiteln ein größerer Raum gewidmet (Globalisierung, Verteilung von Armut und Reichtum, Entwicklung der einzelnen Wirtschaftssektoren). Daran schließt sich ein Überblick über die nicht minder dynamische Urbanisierung an. In diesem Kapitel werden aber auch die Schwächen der von Hill gewählten Darstellungsform besonders deutlich: Wichtige Themen wie Primacy, Metropolisierung, innere und äußere Stadtstruktur, aber auch die oft fragwürdige statistische Datenbasis, werden - illustriert durch eher kursorische Beispiele aus verschiedenen Ländern - angerissen, aber nicht weiter vertieft (z.B. wird die Frage nach den Ursachen der markanten Primacy Bangkoks zwar gestellt, aber nicht wirklich überzeugend beantwortet). Eine ausgewogenere Mischung aus zusammenfassendem Überblick und vertiefender, auch kleinräumlich differenzierter Darstellung am exemplarischen Beispiel hätte die zweifellos schwierige Aufgabe leichter lösbar gemacht, eine Gesamtschau des heterogenen Raumes zu bieten, ohne seine Komplexität unangemessen zu reduzieren.
Enttäuschend für eine geographische Publikation ist die sehr spärliche Ausstattung mit (ausschließlich schwarz-weißem) Kartenmaterial, Detailkarten aktueller Raumentwicklungen fehlen ebenso wie Bildmaterial vollständig. Der im anglophonen Sprachraum stärker verbreitete essayistische Stil erleichtert dem interessierten Leser zweifellos den Zugang, erschwert aber durch den Verzicht auf Quellenhinweise im Text den wissenschaftlichen Nachvollzug, was durch die zweigeteilte Auswahlbibliographie ("serious works" und "lighter reading") am Schluss des Bandes nicht wettgemacht wird. Aber auch wenn einige Wünsche offen bleiben: Ron Hill hat eine ausgesprochen kenntnisreiche, auf langjährigen Forschungen, Consultanterfahrungen und eigenem Erleben basierende, zeitnahe geographische Gesamtdarstellung Südostasiens vorgelegt, die Interessierten einen ersten Zugang zu dem faszinierenden, hochdynamischen und in seiner Heterogenität gleichwohl auch als Einheit erfahrbaren Raum bietet.
Autor: Helmut Schneider

Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie, Jg. 47 (2003) Heft 2, S. 134

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