Werner Breitung: Hongkong und der Integrationsprozess. Räumliche Strukturen und planerische Konzepte. Basel 2001 (Basler Beiträge zur Geographie 48). 206 S.

Die Anfang 2001 abgeschlossene Dissertation verfolgt eine dreifache Zielsetzung: Es sollen erstens die sozialräumlichen, wirtschaftsräumlichen und siedlungsstrukturellen Veränderungen Hongkongs im Untersuchungszeitraum 1991-97 erfaßt und dokumentiert werden. Es geht zweitens um die Erklärung dieser raumstrukturellen Veränderungen auf lokaler Ebene durch supralokale Entwicklungsprozesse wie Globalisierung, Entkolonialisierung und gesellschaftlichen Wandel. Und es gilt drittens, die lokalen planerischen Steuerungsmöglichkeiten zu erfassen und zu erklären, die eine Modifizierung der supralokal bedingten stadtstrukturellen Entwicklungen erlauben.
Der Autor sieht eine Relevanz seiner Studie für gleich vier Forschungsfelder. So sind Hongkong und seine Verflechtungen mit der chinesischen Provinz Guangdong vor allem seit der Einrichtung der Sonderwirtschaftszone Shenzhen 1979 und dem Abschluß des Vertrags über die Rückgabe Hongkongs an China 1984 unter Einrichtung einer Special Administrative Region (SAR) ab 1997 zu einem besonders ertragreichen Forschungsfeld der internationalen Grenzraumforschung geworden. Ohne die spezifische Selektivität der Durchlässigkeit dieser Grenze zwischen Hongkong und Shenzhen und die Ausnutzung der jeweiligen komparativen Standortvorteile beiderseits der Grenze sind z.B. die aktuellen ökonomischen, demographischen und siedlungsstrukturellen Entwicklungen Hongkongs nicht zu erklären. Zugleich ist die Analyse der stadtstrukturellen Entwicklungsprozesse Hongkongs von Relevanz für die Stadtforschung, geht es doch um Fragen der Entwicklung grenzübergreifender Agglomerationen, der Suburbanisierung sowie der Herausbildung von Global- und Megastädten. Im Bereich der Regionalen Geographie will die Studie insbesondere mit ihrem integrativen, systemaren Ansatz einen innovativen Beitrag leisten. Dieser Anspruch wird schließlich auch für das Forschungsfeld Planungstheorie und Planungspraxis erhoben.
Auch wenn der Autor zu Beginn darauf verweist, seine Studie basiere auf der Anwendung sowohl quantitativer als auch qualitativer Methoden, ist doch eine Dominanz quantitativer Methoden unübersehbar (Auswertung von Zensusdaten, Betriebsstättenzählungen, von Daten zum grenzüberschreitenden Personen- und Warenverkehr, zu Telekommunikationsströmen usw.). Ein Mehr an qualitativer Forschung insbesondere bei der Auseinandersetzung mit Fragen der Steuerung von Stadtentwicklungsprozessen, der involvierten Akteure, ihrer Machtpotenziale, Beziehungsgeflechte und institutionellen Einbettung hätte hier nach Auffassung der Rezensentin zu tiefgründigeren Erkenntnissen führen können.
Der Aufbau der Arbeit gliedert sich in einen Dreischritt: allgemeiner Teil (Kap. 2-4), empirischer Teil (Kap. 5-8), Synthese (Kap. 9). In dem mit "Hintergrund: Stadt- und Grenzräume im Wandel" überschriebenen Kapitel 2 sollen die theoretischen Grundlagen für die übergeordneten Entwicklungsprozesse Globalisierung, Entkolonialisierung und gesellschaftlicher Wandel sowie für die Themenfelder Grenzräume, Suburbanisierung, Globalstädte, Megastädte sowie Stadt- und Regionalplanung gelegt werden. Hier wird deutlich, daß der Autor in dem Bestreben, der Komplexität der Thematik gerecht zu werden, viele Aspekte gleichzeitig in den Blick genommen hat, denen er aber auf gerade einmal 16 Seiten nicht gerecht werden kann. Die Ausführungen bleiben so notgedrungen oberflächlich, und die herangezogene Sekundärliteratur erweckt den Eindruck einer recht willkürlichen Auswahl. Dies trifft vor allem auf das Kapitel zur Suburbanisierung zu. Es ist nicht nachvollziehbar, warum in der Arbeit immer wieder auf US-amerikanische Varianten der Stadtentwicklung Bezug genommen wird, ein Vergleich mit Prozessen und Strukturen z.B. der Suburbanisierung in anderen ostoder südostasiatischen Städten - und insbesondere in den boomenden Städten Chinas - aber völlig fehlt. Gerade ein solcher Vergleich wäre mit Blick auf die zukünftige Stadt- und Regionalentwicklung in der Perlflußregion und die Chancen der Institutionalisierung einer grenzüberschreitenden Regionalplanung wissenschaftlich höchst reizvoll. Auf die Schilderung von Suburbanisierungskennzeichen in Deutschland (vgl. S. 27) hätte dagegen ohne weiteres verzichtet werden können. Dies gilt auch für die sehr allgemein gehaltenen Ausführungen zu Konzepten der Regionalplanung (S. 31f.). Kapitel 3 "Hongkong: Koloniale, globale, regionale Stadt" gibt einen kurz gefaßten Überblick über die historische Entwicklung Hongkongs, gefolgt von einer Einschätzung der Stellung Hongkongs als Globalstadt anhand der Indikatoren Hafenumschlag, Flugverbindungen, internationale Telefonate, Bedeutung als Finanz- und Dienstleistungszentrum, Zahl und Herkunft regionaler Hauptverwaltungen und Tourismus. Die funktionale Integration Hongkongs in die Perlflußregion der VR China wird danach anhand der Verlagerung von Produktionsstätten aus Hongkong in die Nachbarregion (Deindustrialisierung Hongkongs durch "outward processing"), der Intensivierung der grenzüberschreitenden Warenströme, der Kooperation bei Ver- und Entsorgung, der zunehmenden finanziellen Verflechtungen und grenzüberschreitenden Verkehrsströme (Geschäftsreisen, Einkaufs- und Freizeitfahrten, Berufs- und Ausbildungspendeln) sowie des Erwerbs von Wohneigentum durch Hongkonger Bürger jenseits der Grenze und der Zunahme persönlicher Kontakte z.B. in Form von Eheschließungen aufgezeigt.
Kapitel 4 gibt auf 20 Seiten einen stark komprimierten Überblick über die "Strukturen und Konzepte der Stadtplanung" in Hongkong. Dabei wird das Thema Planungskultur ohne Begriffsdefinition auf einer Seite abgehandelt. Hier wäre eine intensive Auseinandersetzung mit den auf Hongkong bezogenen Beiträgen in internationalen Fachzeitschriften der Planungswissenschaften angezeigt gewesen (z.B. Mee Kam Ng 1999). Der empirische Teil der Studie beginnt in Kapitel 5 mit einer Analyse der Bevölkerungs- und Sozialstruktur (Datengrundlage: Mikrozensus von 1996 und zum Vergleich Volkszählung von 1991), deren Ergebnisse in GIS-Karten und Diagrammen präsentiert werden. Daran schließt sich in Kapitel 6 die Analyse der wirtschaftsräumlichen Veränderungen an, wobei die Auswirkungen auf den Central Business District auf Hongkong Island und auf Cheung Sha Wan, ein von der Deindustrialisierung vor allem im Bereich der Bekleidungsindustrie besonders stark betroffenes Industriegebiet Kowloons, gesondert herausgearbeitet werden. Der im Fazit der Kapitel jeweils unternommene Versuch, die Ergebnisse auf die im Untersuchungsdesign angelegten Themenfelder grenzübergreifende Agglomeration, Suburbanisierung, Globalstadt und Megastadt zu fokussieren, kann nicht überzeugen. Vielmehr erweist sich hier das Untersuchungsdesign eher als eine Art Zwangskorsett. Die quantitativen Analysen sind umfangreich und solide, vermögen jedoch wegen der fehlenden Verknüpfung mit qualitativen Methoden keine neuen Forschungsfronten zu eröffnen. Tiefgründig sind die Analysen von zwei Raumnutzungskonflikten in den nordwestlichen New Territories (Kapitel 7) und in Wanchai im CBD-Bereich auf Hongkong Island (Kapitel 8). Im ersten Fall handelt es sich um einen Konflikt zwischen ökologischen Interessen und dem Wohnungsbau im Bereich der Mai Po Marshes, des größten natürlichen Flachlandbereichs Hongkongs. Neben dem Bau von zwei Gated Communities - Fairview Park in den 70er und Palm Springs in den 90er Jahren - werden die Konflikte um die Realisierung des "Sunnyville"-Projekts in Nam Sang Wai geschildert, einer Neubausiedlung, die nach den Plänen von 1999 auf einer Fläche von 9,3 ha 1.900 WE überwiegend in Form von Einzel- und Doppelhäusern für ca. 6.000 Einwohner umfassen soll. Hintergrund des Konflikts ist der zunehmende Siedlungsdruck auf ehemals periphere Gebiete der New Territories, die im Zuge der Intensivierung der funktionalen Verflechtungen innerhalb des Grenzraums eine Neubewertung ihres Lagepotenzials erfahren. Die langen rechtlichen Auseinandersetzungen zwischen dem Developer und dem Town Planning Board mit dem Ergebnis der Aushandlung einer Linkage-Maßnahme zwischen Wohnungsbau und Ökologie werden umfassend dargestellt. Die geführten qualitativen Interviews eröffnen an dieser Stelle tiefer gehende Einblicke in das Planungssystem und die Strukturen von Urban Governance in Hongkong.
Im zweiten Fallbeispiel Wanchai geht es um die Konflikte im Zusammenhang mit den Planungen einer City-Erweiterung durch Neulandgewinnung im Bereich Victoria Harbour vor dem Hintergrund des Bestrebens der Stadtplanung, Expansionsflächen für die Globalstadtfunktionen Hongkongs zur Verfügung zu stellen. Verlauf und Ergebnis der Auseinandersetzung sind als Indikatoren eines Wandels in der Planungs- und Governancekultur zu werten, als Signal für eine wachsende Bedeutung der Bürgerbeteiligung in der Stadtplanung. Dabei fanden die Bürgerproteste gegen die Landgewinnung unerwartete Unterstützung von Seiten großer Immobilien- und Bauträgergesellschaften und Immobilienbesitzer in Küstenlage. Fürchteten Erstere einen Wertverlust ihrer Landreserven durch zusätzliche Flächenangebote, bangten Letztere um ihren Standort "in der ersten Reihe" an der Waterfront. In der Synthese (Kapitel 9) werden zehn ökonomische, demographische und gesellschaftliche Trends herausgestellt, die derzeit in Hongkong eine besondere Raumwirksamkeit entfalten: stärkere wirtschaftliche Verflechtungen auf globaler Ebene, Zunahme des tertiären Sektors, Auslagerung des sekundären Sektors nach Südchina, grenzübergreifende Kontakte und Familien, mehr Immigration, Abmilderung der extremen Dichteunterschiede in der Bevölkerungsverteilung und Nordverlagerung des Bevölkerungsschwerpunkts, Zuspitzung von Dichteunterschieden in der Arbeitsplatzverteilung und Südverlagerung des Beschäftigungsschwerpunkts, Verschärfung sozialräumlicher und sozialer Disparitäten bei gleichzeitiger Wohlstandssteigerung, Überalterung der einheimischen Bevölkerung und Auflösung traditioneller Familienstrukturen. Im Anschluß werden zur Erklärung der raumwirksamen Prozesse nochmals die vier Konzepte Suburbanisierung, grenzübergreifende Metropolregion, Globalstadt und Megastadt aufgegriffen und als überlokale Ursachen der Entwicklungen die Globalisierung, die Entkolonialisierung und der gesellschaftliche Wandel in ihren Folgewirkungen auf das ökonomische, politische und gesellschaftliche Umfeld thematisiert. Es werden Konsequenzen für die Planung und insbesondere für die Regionalplanung aufgezeigt, wobei hier ein Vergleich der Planungs- und Steuerungssysteme Hongkongs und der VR China hinsichtlich ihrer Vereinbarkeit sinnvoll gewesen wäre. Doch bleibt es bei der sehr allgemein gehaltenen Feststellung: "Im Planungsrecht unterscheiden sich Zuständigkeiten, Verfahren, Planmaßstäbe und Verbindlichkeiten" (S. 186). Beizupflichten ist dem Autor, wenn er abschließend auf die Bedeutung der Grenzraumforschung in Metropolitanregionen, auf den Wert von räumlichen Mehrebenenanalysen und auf die Notwendigkeit von Akteursnetzwerkanalysen verweist. Für die Metropole Hongkong hat die Studie hierzu ein Fundament gelegt, doch bedarf die regionale Ebene noch einer eingehenderen Analyse. Auch besteht weiterer Forschungsbedarf im Hinblick auf stärker politisch-ökonomisch ausgerichtete sowie akteursund institutionentheoretisch verankerte Studien des Transformationsprozesses unter intensiver Einbindung qualitativer Methoden. Gleiches gilt für eine Fortführung der Analyse über das Jahr 1997 hinaus.
Literatur
Mee Kam Ng (1999): Political Economy and Urban Planning: a Comparative Study of Hong Kong, Singapore and Taiwan. Progress in Planning 51, S. 1-90.   
Autorin: Uta Hohn

Quelle: Geographische Zeitschrift, 91. Jahrgang, 2003, Heft 3 u. 4, Seite 240-242

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