Günter Mertins und Helmut Nuhn (Hg.): Kubas Weg aus der Krise. Neuorganisation der Produktion von Gütern und Dienstleistungen für den Export. Marburg/Lahn 2001 (Marburger Geographische Schriften 138). 288 S.

Jüngste Nachrichten von Repressalien gegen Andersdenkende und ein Strom von Augenzeugenberichten über die Spaltung der Gesellschaft in Dollarbesitzende und Arme machen seit einiger Zeit wieder auf Kuba aufmerksam. Doch nicht nur deswegen ist das Land interessant. Die Insel ist ein historischer Sonderfall, an dem sich Theorien der Entwicklung prüfen lassen. Allerdings gibt es nur wenige belastbare wissenschaftliche Veröffentlichungen mit empirischem Gehalt. Diese Lücke zu schließen, dazu kann der von GÜNTER MERTINS und HELMUT NUHN herausgegebene Sammelband "Kubas Weg aus der Krise" beitragen. Er enthält viele, relativ rezente Daten über die Wirtschaftslage des Landes, was wohl auch dadurch ermöglicht wurde, dass hier Ergebnisse eines offiziell vereinbarten deutsch-kubanischen Forschungsprojekts veröffentlicht wurden.
Kubas Wirtschaft wurde, vereinfacht gesagt, bis zum Ende der UdSSR durch Subventionen am Leben gehalten. Nicht zuletzt die Eingliederung der kubanischen Ökonomie in den politisch motivierten Subventionszusammenhang des "Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe" (RGW, im westlichen Sprachgebrauch COMECON genannt), verhinderte es, dass Kuba an den lateinamerikanischen Lernprozessen teilnehmen und neue Entwicklungsstrategien ergreifen konnte. Dies wird in dem sehr lesenswerten Beitrag "Reorientierung des kubanischen Außenhandels nach dem Zerfall des COMECON" (NUHN) eindrucksvoll beschrieben. Bei der Lektüre drängt sich der Gedanke auf, dies sei gewissermaßen eine "zweite Blockade" der Insel gewesen. Ihr Ergebnis ist nicht zuletzt, wie NUHN schreibt, das mangelnde Qualitätsbewusstsein und die Unzuverlässigkeit kubanischer Handelspartner und Dienstleister. NUHNs Beitrag ist ein Plädoyer für marktwirtschaftliche Reformen, für Deregulierung und Bürokratieabbau.
Die Einleitung der beiden deutschen Herausgeber verschweigt die Probleme nicht, die es bei der Arbeit an diesem Buch gab. So wurde es ihnen offenbar verwehrt, die Krisenfaktoren an der betrieblichen Basis zu untersuchen. Um so beeindruckender ist daher JAIME SPERBERGs Analyse der Reformverzögerungen durch die Zuckerbürokratie ("Der Zuckersektor in Kuba zwischen Reform und Stillstand"). Der Zuckersektor ist mit seinen rund 500.000 Beschäftigten noch immer die politisch und ökonomisch wichtigste Industrie des Landes. Sie ist, vor allem an der Spitze, politisch straff organisiert und erwies sich bisher nicht nur als reformresistent sondern auch als gesamtgesellschaftlich konservativ wirkendes Machtzentrum.
Den Leser erwarten außerdem Beiträge über "Die Bewertung des kubanischen Außenwirtschaftssektors" (MARQUETTI), "Die Außenverschuldung, Zahlungsbilanzprobleme und Grenzen des Wachstums in Kuba" (CARRANZA), "Das Entwicklungspotential für einen alternativen Zuckerrohranbau in Kuba" (RODRIGUEZ), "Nichttraditionelle Agrarexporte in Kuba" (GARCIA), "Die Fischereiwirtschaft in Kuba und ihr Exportpotenzial" (RODRIGUEZ und SPERBERG). Den "Transformationsprozess im kubanischen Agrarsektor der 1990er Jahre" beschreibt WEBER, die "Auswirkungen der Dritten Agrarreform auf den Tabakanbau" ARLT. Von HERRERA findet sich der Aufsatz "Die Entwicklung der Agrarkooperation des privaten Sektors in Kuba". Etwas aus dem Kontext fällt der letzte Beitrag über "Bevorzugte Zielregionen der kubanischen Binnenwanderung in den 1990er Jahren" von KLOPFER und MERTINS.
Von neuen Waren und Dienstleistungen berichten MARQUETTI und SPERBERG in ihrem Text "Der Fremdenverkehr in Kuba unter besonderer Berücksichtung des Gesundheitstourismus" sowie NUHN in seinem Bericht über "Biotechnologie als Entwicklungsstrategie in Kuba - der Aufbau eines medizinisch-pharmazeutischen Produktionskomplexes und seine außenwirtschaftliche Bedeutung". Danach scheint Kuba im Prinzip eine interessante Perspektive als pharmaproduzierendes Land zu haben, zumindest für den Export in ärmere Weltregionen. Doch die gelegentlichen Erfolge der kubanischen Pharmabranche haben nicht nur in dem vergleichsweise guten Bildungssystem ihre Gründe sondern auch darin, dass klinische Tests auf Kuba nur sehr sparsam reguliert sind. Es mag verständlich sein, dass in diesem Land geringere Anforderungen an den Schutz von Versuchspersonen gestellt werden, langfristig könnte dies aber dazu führen, dass kubanische Medikamente ins Abseits geraten. Es trägt auch nicht zum Vertrauen bei, dass, wie NUHN schreibt, die Pharmaproduktion strikt gegen jede Qualitätsprüfung von außen abgeschirmt wird.
Die Beiträge thematisieren die politischen Faktoren der kubanischen Krise nur indirekt. Schlüsse zu ziehen, bleibt weitgehend dem Leser überlassen. Eine zusammenfassende Darstellung und Bewertung von politischen Strategien für "Kubas Weg aus der Krise" fehlt. Sie hätte vermutlich den politischen Rahmen dieses Projekts gesprengt.
Autorin: Beate M. W. Ratter

Quelle: Erdkunde, 57. Jahrgang, 2003, Heft 4, S. 331

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