Andreas Pott: Ethnizität und Raum im Aufstiegsprozeß. Eine Untersuchung zum Bildungsaufstieg in der zweiten türkischen Migrantengeneration. Opladen 2002. 447 S.

Wohl kaum eine andere wissenschaftliche Disziplin profitiert so sehr wie die Geographie von den Forschungen wissenschaftlicher Grenzgänger. Daher ist zu hoffen, dass die Dissertation "Ethnizität und Raum im Aufstiegsprozeß", die der Geograph und Soziologe ANDREAS POTT vorlegte, eine starke Rezeption in der Geographie findet und zu einem differenzierteren Vorgehen in der geographischen Migrationsforschung beiträgt.

Im Blickpunkt POTTs Arbeit stehen die Themen "Raum" und "Ethnizität" - beides Forschungsfelder, die in der vergangenen Dekade zunehmend das wissenschaftliche Interesse in den Sozialwissenschaften weckten. Die wesentliche Leistung POTTs Arbeit ist die Verschmelzung soziologischer und geographischer Ansätze zu einem theoretischen Konzept, das auch der empirischen Überprüfung standhält. Auf der einen Seite baut POTT auf dem systemtheoretischen Ansatz der Differenzierung in funktionale Teilsysteme auf; auf der anderen Seite verbindet POTT das kommunikationstheoretische Raummodell Klüters mit dem handlungstheoretischen Raummodell Werlens. POTT versteht demnach Ethnizität und Raum als "soziale Handlungs- und Kommunikationskategorien", die Individuen entsprechend der verschiedenen funktionalen Teilsysteme, an denen sie teilnehmen, unterschiedlich einsetzen.
Von dieser Annahme ausgehend unterzieht POTT zunächst die klassischen soziologischen Ansätze der Migrations- und Ethnizitätsforschung von Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny, Friedrich Heckmann und Hartmut Esser einer kritischen Überprüfung. Seine Kritik an allen drei Ansätzen lautet, dass zum einen Ethnizität im Rahmen von Migration immer nur als Problem aufgefasst und als eine Barriere im Bildungsaufstieg verstanden wird, zum anderen, dass alle genannten Ansätze von einer Deckungsgleichheit von Raum und Ethnizität ausgehen. Besonders der von Esser geprägte Begriff der "ethnischen Kolonie" gerät in das Visier POTTs Analyse. Wesentlicher Kritikpunkt ist, dass die Bedeutung, die die Bezüge Ethnizität und Raum für die Handlungsweisen der betroffenen Individuen einnehmen, nicht berücksichtigt werden und beiden Referenzen eine das Individuum determinierende Bedeutung zugeschrieben wird: Das Individuum wird "nur" über seine Ethnizität definiert, und die Kolonie bestimmt allein das alltägliche Handeln der Individuen. Im Grunde wird der Raum als ein unumstößlicher "Behälter" definiert und nicht als sozial unterschiedlich interpretierbare Größe verstanden. Ein immer wieder aufflackernder Vorwurf POTTs lautet, dass die meisten Migrationsforscher nicht genügend differenzieren und einen zu generalistischen Ansatz verfolgen. Mit dieser Pauschalkritik macht sich POTT jedoch selbst angreifbar, da in verschiedenen Themenfeldern auch eine stärkere Differenzierung wünschenswert gewesen wäre. So reflektiert er etwa Grundbegriffe wie Raum und "Ort"/"Territorium" nicht weiter und verwendet sie synonym. Die in der Systemtheorie verwendete Dichotomie in "segmentäre" und "moderne Gesellschaften" ist für seine Untersuchung wenig hilfreich.
Den oben skizzierten Migrationstheorien stellt POTT ein Modell entgegen, das die individuellen Handlungsweisen untersucht, wie "Raum" und "Ethnizität" von Bildungsaufsteigern als Ressourcen genutzt werden. Anhand von acht Fallbeispielen stellt POTT in Sequenzanalysen dar, wie einzelne Gymnasiasten mit türkischem Migrantenhintergrund im Prozess des Bildungsaufstiegs auf völlig unterschiedliche Weise räumliche und ethnische Bezüge verwenden. Der "Kosmopolit" fügt sich noch am ehesten in die herrschenden Modelle: Der Bildungsaufsteiger, der seine Karriere im Kopf hat, seine ethnische Herkunft ausblendet und bewusst der ethnischen Kolonie den Rücken kehrt. Dem "verletzten Aufsteiger" dagegen gelingt der Bildungsaufstieg, jedoch zieht er sich in sein ethnisches Wohnviertel zurück, da er soziale Ausschlusserfahrungen allein mit der gesellschaftlichen Diskriminierung erklärt. Der "lokale Identitätspolitiker" nutzt Ethnizität im Bildungsaufstieg für sich, indem er über seinen ethnischen Bezug zum Fürsprecher für den Bau einer Moschee, zum Hauptansprechpartner der Kommune und zu einer Person des öffentlichen Interesses wird. Für andere Migrantenkinder wiederum ist entweder nur der ethnische oder nur der räumliche Bezug von Belang: So etwa die "rücksichtsvolle" Medizinstudentin, für die Ethnizität keine, aber der räumliche Bezug eine enorme Rolle spielt. Im genauen Gegensatz steht das Beispiel des "Autoethnologe", der seine alevitische Identität in den Mittelpunkt rückt, für den aber räumliche Bezüge unbedeutend sind. POTT gelingt es, in einer sehr anschaulichen Weise deutlich zu machen, dass Raum und Ethnizität für das Individuum recht häufig keine kongruenten Größen darstellen und in ganz unterschiedlicher Weise eine Bedeutung im individuellen Gebrauch gewinnen. Wenngleich POTT mit seiner Auswahl von Bildungsaufsteigern nur ein gewisses Segment von Migrantenkindern untersucht, stellen die aufgeführten Fälle keineswegs Ausnahmen dar, sondern sind eher Teil des "mainstream", dem wir tagtäglich begegnen, der jedoch in der Forschung stark vernachlässigt wurde.
Obgleich POTT seine Studie in das übergeordnete bundesdeutsche Bildungssystem einpasst, wäre es wünschenswert gewesen, wenn er noch stärker auf die Bedeutung der gesamtgesellschaftlichen Verfasstheit und die (national)staatlichen Rahmenbedingungen eingegangen wäre. Denn es sind die Vorstellungen und Ideologien von Gesellschaft und Staat, die die Handlungsmöglichkeiten bestimmen, die Ethnizität und räumliche Bezüge einnehmen können. Die individuellen Handlungsweisen, die POTT in seinem Untersuchungsort Dortmund ans Licht förderte, dürften daher andere sein als in Marseille, Johannesburg oder Los Angeles - eine These, die der Autor freilich kaum bezweifeln würde.
POTTs Arbeit ist ein wissenschaftlich fundierter Appell, mit den Begriffen "Raum" und "Ethnizität" vorsichtiger umzugehen und vor Verallgemeinerungen zurückzuweichen. Das Hauptverdienst der Arbeit ist es, verdeutlicht zu haben, dass die wissenschaftliche Annahme einer Verklammerung von "Raum" und "Ethnizität" nicht nur ein Trugschluss ist, sondern einer wissenschaftlichen Analyse im Wege steht und zu pauschalen, und mitunter falschen Schlüssen verleitet.
Autor: Conrad Schetter

Quelle: Erdkunde, 57. Jahrgang, 2003, Heft 4, S. 347-348

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