Joachim Weber: Kroatien. Regionalentwicklung und Transformationsprozesse. Stuttgart 2002 (Mitteilungen der Geographischen Gesellschaft in Hamburg, Band 92). 319 S.

Ziel der Arbeit ist es, den "regionalen Wandel in Kroatien und die Spezifität seiner Transformationsprozesse" (S. 2) zu erklären. Dieses Ziel soll durch eine phänomenologisch-hermeneutische bzw. hermeneutisch-interpretative Arbeitsweise "in Verbindung mit empirisch-analytisch ermittelten realweltlichen Tatbeständen" (S. 7) verwirklicht werden. Der Autor stützt sich dabei auf die Auswertung von Literatur, schriftlichen unveröffentlichten Quellen, Statistiken und Expertengesprächen.

Das Ziel der Arbeit möchte der Verfasser mit folgenden Schritten umsetzen:
1. Die Regionalentwicklung Kroatiens soll sowohl im historischen Kontext als auch vor dem Hintergrund ihrer Voraussetzungen gesehen werden. Zu diesen Voraussetzungen gehören - so der Autor - in erster Linie die naturräumlichen Einflussgrößen. Diese werden deshalb gleich nach der Einführung in die Arbeit im Abschnitt II behandelt.
2. Im Abschnitt III soll unter der Überschrift "Historisch-geographische Entwicklungsvorgänge" die Geschichte des Landes dargestellt werden, wobei die sog. persistenten Strukturen ermittelt werden sollen, d. h. die kulturlandschaftlichen Strukturen, die die bewegten Phasen der Geschichte überdauerten bzw. die bis heute Merkmale aus verschiedenen Phasen zeigen.
3. Die Ausführungen im Abschnitt IV betreffen die Republik Kroatien, die im Zuge des Zerfalls des sozialistischen Jugoslawiens entstanden ist. Dabei werden das Staatsgebiet und seine Grenzen, die territoriale Staatsorganisation sowie aktuelle bevölkerungs- und siedlungsgeographische Entwicklungen berücksichtigt.
4. Gegenstand des Abschnitts V sind die gesellschaftlichen Transformationsprozesse Kroatiens. Ausgehend von einer Auseinandersetzung mit theoretischen Bezügen geographischer Transformationsforschung werden politische und makro-ökonomische Voraussetzungen der Transformation dargestellt, wobei exogene und endogene Probleme für die Transformation besonders beachtet werden. Als ökonomische Fallbeispiele werden zwei hoffnungsvolle Wirtschaftsbranchen behandelt, nämlich der (Ausländer-)Tourismus und der Schiffbau.
5. Der Abschnitt VI geht auf raumstrukturelle Veränderungen ein, die sich im Laufe des Transformationsprozesses abzeichnen: auf die zunehmende Kluft zwischen Stadt und Land; auf industrielle Problemregionen; auf die Frage, ob die westlichen Gebiete wegen der Nachbarschaft zu weit entwickelten marktwirtschaftlichen Staaten Entwicklungsvorteile gegenüber den östlichen Gebieten aufweisen; auf Gebiete, die vom Krieg in den 90er Jahren zerstört wurden. Der Verfasser kommt in diesem Abschnitt zu dem Zwischenergebnis, dass die Transformation Kroatiens eine Transformation sui generis sei.
6. Im Abschnitt VII diskutiert der Verfasser Regionalisierungsmöglichkeiten des Landes. Für eine möglichst effiziente Regionalpolitik ist ein bestimmter regionaler Ordnungsrahmen erforderlich. Es müssen also Regionen geschaffen werden, die auch zu den Voraussetzungen für einen möglichen zukünftigen Beitritt des Landes zur EU gehören. Der Autor stellt drei Varianten von Regionalisierungsmöglichkeiten vor und bringt einen eigenen Vorschlag ein, der eine kulturgeographische Gliederung des Landes darstellt. Nach seiner Auffassung sollte eine sinnvolle Regionalisierung offenbar möglichst homogene Regionen ausgliedern, die "funktional stark geschlossen" (S. 240) sind.
7. Im Abschnitt VIII geht es um die Frage, wie die verschiedenen Landesteile zu einem funktionierenden Ganzen verknüpft werden können. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Verkehrsplanung.
8. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse dieser Abschnitte sowie eine knappe Darstellung der Entwicklungen seit dem Jahr 2000 und ein Ausblick schließen die Arbeit ab. Zur weiteren Charakterisierung der Arbeit soll auf die folgenden drei Punkte eingegangen werden: 1. auf den theoretischen Anspruch, 2. auf die Ausführungen über die Regionalisierung und 3. auf die Betonung der Besonderheiten des Landes.
Ad 1.: Es ist anzuerkennen, dass der Verfasser eine dezidiert theoriegeleitete Untersuchung anstrebt. Jedoch basieren seine theoretischen Ausführungen zur räumlichen Entwicklung in Transformationsländern auf einer schmalen Literaturbasis, überwiegend nur auf einigen geographischen Abhandlungen. Wichtige Literatur anderer Disziplinen fehlt, etwa zur Debatte über Transformation und Transition. Außerdem ist eine eigene konsistente Position hinsichtlich der Anwendung theoretischer Herangegehensweisen und Erklärungsansätze nicht erkennbar, es sei denn diejenige, die davon ausgeht, dass jeder Ansatz verfolgt werden kann, soweit mit ihm "raumrelevante" Sachverhalte betrachtet werden können. Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob die wesentlichen empirischen Ausführungen des Autors nicht auch ohne die vorangestellten theoretischen Überlegungen hätten geschrieben werden können. Wofür stehen eigentlich seine theoretischen Überlegungen in der Einleitung? Wozu und wem nützen sie? Darüber hinaus wird der Begriff der Raumrelevanz zu wenig präzisiert im Hinblick auf die Phänomene, um die es in der Arbeit geht. Das allerdings wäre notwendig, weil er im Verlauf der Arbeit immer wieder auftaucht und damit eine zentrale Rolle einnimmt.
Der Vorzug der Arbeit liegt summa summarum nicht in der Theorie, sondern in der Zusammenstellung von Informationen über Kroatien, über den Naturraum, die Geschichte sowie aktuelle ökonomische, politische und soziale Sachverhalte und über Probleme der Regionalentwicklung des Landes. Diese Informationen werden mit zahlreichen Karten, Abbildungen und Tabellen leserfreundlich veranschaulicht. Insgesamt handelt es sich mehr um eine Art von Landeskunde für ein akademisches, insbesondere geographisches, Publikum als um eine theoriegeleitete empirische Fallstudie zur Transformation und Regionalentwicklung. Dabei hätten aber einige Abschnitte etwas kürzer gefaßt werden können, vor allem solche, die bereits publiziertes Wissen wiedergeben. Einige andere hätten vertieft werden können, z. B. die Beschäftigung mit den raumstrukturellen Veränderungen in Transformationsländern, die nur auf einer kleinen Auswahl geographischer Literatur beruht. So ist das Blickfeld des Verfassers nicht weit genug, um über andere mögliche Differenzierungen als die bekannten Verschärfungen zwischen Stadt und Land, Agglomerationen und Peripherien, deindustrialisierten Problemräumen und relativen Gunsträumen u. a. nachzudenken. Allerdings lassen die vorhandenen, nur spärlichen statistischen Materialien eine statistische Überprüfung anderer Möglichkeiten wohl kaum zu.
Ad 2.: Bei der Darstellung und Bewertung der drei weitest verbreiteten Regionalisierungsvarianten für Kroatien ist dem Autor anscheinend nicht bewußt, dass es keine Regionalisierung für ein Land gibt, die als die einzig richtige gelten kann. Vielmehr sollen Regionalisierungen bestimmten Zwecken dienen, die sehr unterschiedlich sein können. Diesem Umstand sollte Rechnung getragen werden. Deshalb sollte die Kritik des Verfassers am aktuellen staatlichen Raumplan oder Raumordnungsplan nicht von der Frage ausgehen, ob der Plan in hinreichender Weise kulturgeographischen oder naturräumlichen Gliederungen folgt. Vielmehr müsste der Raumordnungsplan darauf hin betrachtet werden, ob er für das Erreichen der Ziele der Regionalentwicklung geeignet ist oder nicht.
Ad 3.: Der Verfasser stellt oft die Besonderheiten Kroatiens heraus, d. h. z. B. die besonderen Bedingungen für die Transformationsprozesse und besondere Probleme der Regionalentwicklung. Dieses Vorgehen ist zweifellos richtig. Die Informationen über den Untersuchungsgegenstand werden dadurch besser vermittelt. Es stellt sich aber die Frage, ob nicht jedes post-sozialistische Land viele Besonderheiten aufweist. Oder gibt es Länder, die mehr als andere Besonderheiten aufweisen? Die Nachfolgestaaten des sozialistischen Jugoslawiens könnten dazu gehören, vor allem wegen der besonderen Art des Sozialismus, wegen der inneren Kriege, die das Auseinanderbrechen Jugoslawiens bewirkten, wegen der besonders vielfältigen politischen und kulturellen Einflüsse im Laufe der Geschichte seit dem Zerfall des Imperium Romanum. Was aber in der Arbeit fehlt, das ist eine explizite, übersichtliche Sortierung der allgemeinen und besonderen Sachverhalte von Regionalentwicklung und Transformationsprozessen, die um so mehr erwartet wird, wenn der Verfasser immer wieder auf Besonderheiten hinweist.
Trotz der hier vorgebrachten Einwände hat die Arbeit ihren Stellenwert in der regionalgeographischen Literatur, der zu schätzen ist. Denn die empirischen Teile und die dort enthaltenen Informationen machen das Buch zu einer insgesamt inhaltsreichen und nützlichen Landeskunde über Kroatien.
Autor: Wilfried Heller

Quelle: geographische revue, 5. Jahrgang, 2003, Heft 1, S. 88-90

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