Manfred Perlik: Alpenstädte: Zwischen Metropolisation und neuer Eigenständigkeit. Bern 2001 (Geographica Bernensia, Reihe P, Heft 38). 246 S.

Zu den weit verbreiteten Idealisierungen, Klischees und Zerrbildern der Alpen zählt in besonderer Weise das eines überwiegend ländlich geprägten Raumes. Tatsächlich haben sich auch in den Alpen bereits seit langem Städte entwickelt und unterliegen die Alpen insgesamt weit reichenden Prozessen der Urbanisierung, die jedoch selbst seitens der raumwissenschaftlichen Forschung bislang nur von wenigen wahrgenommen, geschweige denn systematisch alpenweit untersucht worden wären. Mit seinen bekannten Forschungsarbeiten zur Typisierung der Alpengemeinden hat Werner Bätzing (Universität Erlangen-Nürnberg) seit den 1990er Jahren dankenswerterweise diese "Wahrnehmungslücke" zu füllen begonnen, ohne allerdings die eigene Rolle der Alpenstädte ausreichend zu thematisieren.

Dieser Aufgabe hat sich der Basler Geograph Manfred Perlik angenommen, dessen Dissertation "Alpenstädte - Zwischen Metropolisation und Eigenständigkeit" bereits vor zwei Jahren an der Universität Bern erfolgreich abgeschlossen wurde und seither auch als Buch vorliegt. Die Erkenntnisse aus Perliks Forschungsarbeiten können berechtigt als überfällig angesehen werden: Überzeugend gelingt es dem Verfasser mit seiner gleichermaßen theoretisch wie empirisch fundiert angelegten Forschungsarbeit die spezifische Rolle der "kleinen Alpenstädte" und der ablaufenden Urbanisierungsprozesse im Alpenraum im Kontext der europäischen Raumentwicklung herauszuarbeiten. Die Entwicklung der Verstädterung ist danach nicht zuletzt aufgrund der ehemals bestimmenden naturräumlichen Faktoren im Alpenraum deutlich verzögert verlaufen und hat lediglich zur Entstehung kleiner und mittlerer Städte mit durchweg weniger als 100.000 Einwohnern geführt, die keinerlei Metropolfunktionen aufweisen. Dagegen sind die Siedlungs- und Strukturwandlungsprozesse denen der außeralpinen Städtesysteme sehr ähnlich: So ist auch in den Alpen ein anhaltendes Bevölkerungswachstum von Urbanisationszonen zu beobachten, das maßgeblich auf das Wachstum periurbaner Gemeinden im Übergangsbereich von Stadt und Land zurückzuführen ist. Diese Prozesse sind gleichermaßen am Alpenrand wie auch innerhalb der Alpen zu beobachten.
Entscheidend für die jüngere Entwicklung der Alpenstädte, so Perlik, ist deren fortschreitende Orientierung auf das nichtalpine Europa: Diese wird sowohl von innen durch eine verstärkte wirtschaftliche und politische Aussenorientierung vieler alpiner Städte und deren Einbindung in verschiedene europäische Netzwerke als auch von aussen durch die Einbeziehung von Städten in den Einflußbereich ausseralpiner Metropolregionen (München, Mailand, Wien) bestimmt. Letztere Entwicklung ist insbesondere auf die immer großräumigere Trennung von Wohn- und Arbeitsort sowie die fortschreitende Ausdehnung des Freizeitradius zurückzuführen - beide Entwicklungstendenzen greifen räumlich immer tiefer in die Alpen und können insofern als eine Art Metropolisierung der davon erfassten Regionen angesehen werden.
Nach Perlik ist insbesondere die zu beobachtende Integration des Alpenrandes in außeralpine Wirtschaftsräume kritisch zu sehen. Zwar profitieren diese vom Zuzug einer kaufkräftigen Bevölkerung, gleichzeitig ist damit jedoch ein Bedeutungsverlust als städtische Zentren verbunden. Zudem entsteht eine Situation, in der dieser dynamische Teil des Alpenraumes tendenziell aus der gemeinsamen Interessenlage des Alpenraumes herausgelöst wird und die inneralpinen Städte und Regionen eine fortschreitende Schwächung erfahren, da nur wenige Städte in der Lage sein werden, aufgrund einer industriellen oder touristischen Spezialisierung in überregionale Netzwerke eingebunden zu werden. Die damit verbundene Verfestigung bestehender oder die Entstehung neuer ökonomischer, sozialer und ökologischer Disparitäten zwischen den Regionen des Alpenraumes steht in krassem Gegensatz zu den Anforderungen an eine nachhaltige Raumentwicklung, wie sie nicht zuletzt auch von europäischer Seite für die großräumige Entwicklung in der EU eingefordert wird.
Gleichwohl sieht Perlik die zukünftige Entwicklung der Alpenstädte nicht durchweg skeptisch oder gar negativ. Im Gegenteil regt er eine Neubewertung der Urbanisierung im Alpenraum an, die der veränderten Situation der Alpenstädte Rechnung trägt. Danach sieht Perlik die Städte des Alpenraumes nicht ausschließlich der Gefahr der metropolitanen Verfügung von außen ausgeliefert, sondern auch an einer Schwelle zu größerer Eigenständigkeit unter dem Vorzeichen von Deregulation und Regionalisierung. Neue Handlungsoptionen könnten den Städten dabei u. a. durch verschiedene Formen gezielter Kooperation erwachsen, die der gegenseitigen Unterstützung bei gemeinsamen Problemen und zur erfolgreichen Interessenvertretung dienen. Der Titel von Perliks Buch ist somit in gewisser Weise Programm: Zwischen Metropolisation und Eigenständigkeit sind die Städte des Alpenraumes aufgefordert zu einer neuen Positionsbestimmung im größer werdenden Europa.
Der interessierte Leser schließt das Buch in der Gewißheit, einen theoretisch wie empirisch überzeugenden Beitrag gelesen zu haben, der nicht nur die jüngere Entwicklung der Alpenstädte, sondern die räumliche Entwicklung des Alpenraumes insgesamt besser zu verstehen hilft. Das Thema erscheint dabei mit der Arbeit von Perlik keineswegs abgeschlossen. Die Arbeit fordert vielmehr zu weiteren, vor allem auch anwendungsorientierten Arbeiten auf, die wichtige Beiträge zur Entwicklung und Ausgestaltung tragfähiger Handlungsperspektiven für Städte und Regionen des Alpenraumes im Spannungsfeld zwischen Globalisierung einerseits und Regionalisierung andererseits leisten könnten.
Autor: Ingo Mose

Quelle: geographische revue, 5. Jahrgang, 2003, Heft 2, S. 81-82

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