Westermanns Weltatlas: Reprint der Originalausgabe von 1928. 137 Haupt- und 118 Nebenkarten auf 109 Kartenblättern mit erläuterndem Text und einem alphabetischen Namensverzeichnis. Bearb. von ADOLF LIEBERS. Braunschweig 2003. 234 S.

Es gibt Publikationen, die - aus kunsthistorischen, geistesgeschichtlichen, wissenschaftspolitischen oder anderen Gründen - nach gewisser Zeit eine Faksimile-Reproduktion verdienen und rechtfertigen. Ob der hier angezeigte "Westermann Weltatlas" dazugehört, bleibe dahingestellt. Ein disziplin- und zeitgeschichtlich interessanter Reprint ist das 1921 erstmals erschienene und bis 1928 in 27 immer wieder aktualisierten Ausgaben aufgelegte Atlaswerk auf jeden Fall! Es gewährt Einblick in das kartographische Know-how des frühen 20. Jahrhunderts, nimmt den enzyklopädischen und auf Aktualität bedachten Charakter gegenwärtiger Jahresalmanache vorweg und besticht durch eine gelungene Kombination historischer, geographischer wie auch politischer und wirtschaftsstatistischer "facts and figures".

Der Westermann Weltatlas des Jahres 1921/1928 setzt sich aus einem Karten- und jeweils den Karteninhalten zugeordneten Text- und Statistikteilen zusammen. Die durchweg farbigen Karten widmen sich in einer kürzeren Einführung dem Thema "Weltgeschichte", gefolgt von ausführlichen Darstellungen der "Weltgeographie" und der "Weltwirtschaft". Überwiegen im historischen Kontext und seiner gängigen Periodisierung in Altertum-Mittelalter-Neuzeit (ab 1492 bis 1919) ausschließlich erklärende Textpassagen, so sind die vom Volumen her dominierenden Karten und Textinformationen zur "Weltgeographie" und mehr noch zur "Weltwirtschaft" durch statistische Übersichten in Form von Tabellen, Diagrammen und Kartogrammen geprägt. Der Informationsgehalt des Kartenwerks und der auf circa 230 eng bedruckten Spalten verteilte Text sind extrem vielseitig und detailliert. Insgesamt: Ein eindrucksvolles Zeugnis der Informationsbedürfnisse einer wohl als Bildungsbürgertum zu bezeichnenden Klientel sowie des kartographisch-geographischen Selbstverständnisses und der technischen Leis-tungsfähigkeiten eines großen Verlagshauses zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Was die Kartographie anbelangt, so zeigen die historischen wie geographischen Karten neben einer - aus heutiger Sicht - sehr massiven Farbgebung (die vor allem bei großmaßstäblichen Gebirgsdarstellungen durch eine intensive Braunfärbung andere Inhalte erdrücken!) eine Überfülle aufdringlicher Liniensignaturen (Verkehrswege!) und an Beschriftungen, die manche Darstellung kaum lesbar machen. Bei den wirtschaftsgeographischen Karten dominieren in Farbe und Größe variierende Quadrat-Buchstabensignaturen, die zu oftmals skurrilen Darstellungen und Legenden führen (z.B. Karte 108). Um so informativer sind die begleitenden Texte und Materialien: Sie sind Dokument eines um 1920 noch überwiegend produktenkundlich und statistisch geprägten Geographieverständnisses, dessen Denken in vernetzten und interdependenten Zusammenhängen allenfalls in Ansätzen spürbar wird. Für den Rezensenten besonders eindrucksvoll sind die vergleichsweise umfangreichen Ausführungen zum Weltkrieg und seinen Folgen. Auf insgesamt zehn dicht beschriebenen Seiten werden sehr detailliert die Bestimmungen und Konsequenzen des Friedensvertrags von Versailles aufgelistet und kommentiert - und dieses in einer Sprache, die die Betroffenheit der Verfasser ebenso wie die Befindlichkeiten einer breiten Öffentlichkeit (27 Auflagen in 7 Jahren!!!) Rechnung zu tragen scheint. - Ein 90-seitiges (à 7 Spalten!) Namensverzeichnis mit schätzungsweise 45.000 Namensnennungen und ihren Lokalisierungen belegt die Detailbesessenheit, Genauigkeit und Akkuratesse der Verfasser dieses eindrucksvollen Atlas.
Der besondere Wert dieser Publikation ist der eines Zeitdokuments. Es ist ein Zeugnis nicht nur des Entwicklungsstandes von Kartographie und Geographie in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, sondern auch des fachlichen Wissenschaftsverständnisses und der Interessenlage einer offensichtlich breiten Bildungsbürgerschicht, die dieses Produkt nachfragte. Ob die dem Rezensenten in einem Exemplar der limitierten und nummerierten Auflage von 2.000 Exemplaren vorliegende Edition mit einem Preis von 178 Euro eine breite Käuferschicht wird anziehen können, mag man bezweifeln. Eigentlich schade, denn der Blick in den Atlas und die Lektüre der historisch interessanten Texte und Tabellen vermittelt ein umfassendes Bild der Welt vor etwa 80 Jahren, wie man ihn ansonsten in dieser geballten Form nicht präsentiert bekommt.    
Autor: Eckart Ehlers

Quelle: Erdkunde, 58. Jahrgang, 2004, Heft 1

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