Dorothea Wiktorin: Grundeigentum und Stadtentwicklung nach der Wende. Räumliche Wirkungen der Transformation von Grundeigentumsverhältnissen seit 1990 am Beispiel der Innenstadt und Äußeren Neustadt von Dresden. Köln 2000 (Kölner Geographische Arbeiten 7). 151 S.

Mit der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten im Jahr 1990 ist eine Vielzahl von Transformationsprozessen in Ostdeutschland in Gang gekommen, die u.a. auch die Eigentumsverhältnisse an Grund und Boden betreffen. Diese untersucht die Autorin des vorliegenden Buches, das als Dissertation an der Universität Köln entstanden ist, in ihren Wirkungen auf die räumlichen Veränderungsprozesse in einer ostdeutschen Stadt. Am Beispiel ausgewählter Teilräume in der Stadt Dresden werden Zusammenhänge von Grundeigentumsverhältnissen und Stadtgebietsentwicklung betrachtet. Untersuchungszeitraum sind die Jahre zwischen 1990 und 1997. Trotzdem die Analyse und die Veröffentlichung der Ergebnisse bereits einige Jahre zurück liegen, hat das Thema nicht an Aktualität verloren. Im Gegenteil sind im Zusammenhang mit der demographischen Perspektive der Städte in Ost- und Westdeutschland und zunehmenden Wohnungsleerständen die Wirkungen der Grundeigentumsverhältnisse auf den erforderlichen Umbau der Wohnungsbestände in den Städten von wachsendem Interesse. Mit der vorzustellenden Arbeit entstand eine aufschlussreiche Analyse, die dazu beiträgt, die Transparenz der Stadtentwicklungsprozesse in den ostdeutschen Städten nach 1990 zu erhöhen. Sie liefert darüber hinaus methodisch und inhaltlich wertvolle Ansatzpunkte für weitere Untersuchungen.
Das Buch ist stringent gegliedert und erleichtert damit dem Leser das Erfassen der sehr komplexen Inhalte. Nach einer Einführung in die theoretischen Grundlagen und das methodische Konzept im Kapitel A gibt Kapitel B eine themenorientierte Übersicht zu den rechtlichen Rahmenbedingungen für die Transformation der Eigentumsverhältnisse an Grund und Boden in Ostdeutschland, mit der die Autorin allerdings keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Zum einen wird die Situation vor der Wiedervereinigung betrachtet, zum anderen die vermögens- und bodenrechtlichen sowie die planungsrechtlichen Rahmenbedingungen, die zwischen 1990 und 1997 entstanden sind. Damit erhält der Leser einen Einblick in die Komplexität der zum Zeitpunkt der Untersuchung vorherrschenden Gesetzeslage und erfährt Interessantes über die Hintergründe der Entstehung sowie die
Wirkungen wesentlicher Gesetze im Einzelnen. Betrachtet werden u.a. das Vermögensgesetz, das Investitionsvorranggesetz, das Vermögenszuordnungsgesetz und das Altschuldenhilfegesetz. Aktuelle Entwicklungen, die insbesondere im Zusammenhang mit dem "Stadtumbau Ost" von Interesse sind, konnten allerdings noch keine Berücksichtigung finden.
Den umfangreichsten Teil der Arbeit bildet Kapitel C, in dem sehr detailliert ausgewählte Untersuchungsräume in der Stadt Dresden - die Innenstadt und das Sanierungsgebiet Äußere Neustadt - betrachtet werden. Dabei stehen die Transformation der Eigentumsverhältnisse und die teilraumbezogenen städtebaulichen Entwicklungen im Mittelpunkt. Es wird u.a. aufgezeigt, wie in den 90er Jahren die Stadtentwicklung einerseits mit einem hohen Investitionsdruck konfrontiert war und andererseits ungeklärte Eigentumsverhältnisse zum Hindernis wurden. Die Autorin untersucht das Konfliktverhalten verschiedener am Prozess beteiligter Akteure. Das geschieht vor dem Hintergrund, dass Restitutionsansprüche verstärkt im Stadtzentrum und in den innerstädtischen Altbaugebieten aufgetreten sind und dort bis zu ihrer Klärung Investitionen in den Neubau aber auch in die Sanierung verhinderten. Folgen dieser Entwicklungen sind u.a. ein ausweichen des Neubaus an den Stadtrand und ins Umland der Stadt, ein verspäteter Beginn der Altbausanierungen und ein zunehmender Einwohnerverlust in den innerstädtischen Altbaugebieten, der bis 1998 angehalten hat.
Im Ergebnis ihrer Untersuchungen kommt die Autorin u.a. zu dem Schluss, dass es in den betrachteten Gebieten zu einer deutlichen Veränderung der Eigentumsverhältnisse
gekommen ist. Es hat allerdings keine Wiederherstellung früherer Grundeigentümerstrukturen gegeben. Selbst im Falle positiv beschiedener Rückübertragungsansprüche veräußerten überwiegend die Alteigentümer ihre Vermögenswerte. In den Innenstadtgebieten dominieren nicht traditionelle Hauseigentümer mit einer persönlichen Bindung an ihre Immobilie und an die Stadt, sondern renditeorientierte Privatinvestoren und Immobilienunternehmen. Mit den Ergebnissen der Analyse verdeutlicht die Autorin die Gefahren dieser Situation für die Stadtentwicklung, deren Fortschritte in den 90er Jahren häufig von vorherrschenden Verfügungsrechten über Immobilien und Interessen der beteiligten Akteure abhängig waren. Somit leistet die Veröffentlichung einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis kleinräumiger Veränderungsprozesse in den Städten. Angesprochen werden nicht nur Wissenschaftler, sondern durchaus auch Praktiker.
Autorin: Juliane Banse

Quelle: Erdkunde, 58. Jahrgang, 2004, Heft 2, S. 198

Kommentar schreiben