Conrad Schetter: Ethnizität und ethnische Konflikte in Afghanistan. Berlin 2003. 641 S.

Die vorliegende Dissertation hat sich zu einem Zeitpunkt mit Fragen ethnischer Gruppen in Afghanistan befasst, als noch nicht abzusehen war, dass die Ereignisse um den 11. September das internationale Augenmerk in solch hohem Maße wieder dorthin lenken würden. Es ist das Verdienst von CONRAD SCHETTER, sich mit großer Akribie und Sichtung zahlreicher Dokumente und Studien diesem Thema erneut angenommen zu haben. Ein Alleinstellungsmerkmal - wie häufig in der Arbeit betont - hat diese Thematik jedoch nicht. Afghanistan hat im 20. Jahrhundert immer wieder Forscher aus aller Welt angezogen, die sich mit Fragen der Ethnizität, Stammesorganisation, Nationenbildung und daraus erwachsenden Konfliktkonstellationen befasst haben. Daher besteht das umfangreiche, hier anzuzeigende Werk im ersten Hauptkapitel auch aus der Sichtung und Rezeption des weit gespannten Konvoluts im Umfeld dieser Debatte, die noch um die Positionierung ethno-politischer Fragestellungen innerhalb der Geographie erweitert wird. So ist es kaum verwunderlich, dass der Autor als Ergebnis seiner Recherche feststellt, dass "es weder im wissenschaftlichen Sprachgebrauch noch in der alltagsweltlichen Kommunikation einen Konsens darüber gibt, was genau unter "ethnischer Gruppe" und "Ethnizität" verstanden werden kann" (S. 34): So gestellt war als Ergebnis der Frage auch keine andere Antwort zu erwarten. Das erste Kapitel bedient somit den Anspruch einer Übersicht über Diskussions- und Wahrnehmungsstränge innerhalb der Sozialwissenschaften. Im zweiten Hauptkapitel folgt die Länderstudie zu Afghanistan. Gestützt auf die Auswertung der umfangreichen historischen, geographischen und ethnologischen Literatur gelingt es CONRAD SCHETTER nicht nur eine Periodisierung von der afghanischen Staatswerdung bis hin zur Saur-Revolution aus dem Blickwinkel der ethnisch-kategoriell gefärbten Brille nachzuzeichnen, sondern das Hauptverdienst liegt in der intensiven Auseinandersetzung mit den Herrschaftsansprüchen und Durchsetzungen im letzten Vierteljahrhundert. Dabei basiert die Interpretation vorwiegend auf verschriftlichten Quellen. Die unterschiedliche Verwendung von ethnischen Kategorisierungen erschweren es dem Autor, vor allem im Kapitel zu ethnischen Strukturen in der afghanischen Gesellschaft, die anderen vorgeworfene mangelnde Trennschärfe zu erhöhen. Ein Changieren zwischen einem den situativen "Konstruktcharakter" von Ethnizität betonenden Ansatz und einer kategorisch auf "ethnische Momente der Gruppenbildung" fokussierten Sichtweise erzeugt ein opakes Bild. Klarer und deutlicher werden die unterschiedlichen Interessen der beteiligten Kriegsparteien und die sich verändernden Ziele. Hiermit hat CONRAD SCHETTER einen wichtigen Beitrag zur Systematisierung der Interessen und Gegensätze im afghanischen Konfliktfeld geliefert. Manche dem an Afghanistan interessierten Leser wohlvertraute Darstellung - beispielsweise basieren die Karten 2 und 3 auf Louis Dupree und Entwürfen anderer, Karte 4 auf dem TAVO - hätte einen Verweis auf die Ursprungsquelle für die Umsetzung verdient gehabt. Insgesamt ist es CONRAD SCHETTER gelungen, einen weit gespannten Bogen der Ethnizitätsdebatte aufzufächern und am Beispiel Afghanistans in einen aktuellen Diskussionszusammenhang zu stellen.    
Autor: Hermann Kreutzmann

Quelle: Erdkunde, 58. Jahrgang, 2004, Heft 3

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