Ute Lanzendorf: Die Gestaltende Region. Fallstudien zum Handlungsfeld berufliche Bildung in Spanien und Großbritannien. Baden-Baden 2003 (Gesellschaft und Bildung 15). 456 S.

Was ist Geographie? Ist das Geographie? Vielen Vertretern der Disziplin, akademischen zumal, sind diese lapidar-elementaren, scheinbar so einfach zu beantwortenden Fragen sehr vertraut. Es läßt sich vermuten, daß auch Ute Lanzendorf mit Fragen wie diesen nicht nur einmal konfrontiert wurde. Tatsächlich beschreitet sie in ihrer Doktorarbeit seltener begangene Wege mit einer Reihe interessanter Verzweigungen und läßt dabei viele altbackene Vorstellungen darüber, was das Fach Geographie zu leisten habe und wo es besser nicht verortet werden solle, weit hinter sich zurück.

Um es gleich zu Anfang deutlich zu machen: Wo immer einem Projekt, einem Forschungsvorhaben, einer wissenschaftlichen Arbeit mit der existenziell und apodiktisch formulierten "Ist das Geographie?"-Frage begegnet wird, dokumentiert sich nichts anderes als ein vorgefaßtes, konventionelles Verständnis von Geographie. Doch als argumentatives Totschlaginstrument taugt die Frage nicht; im Gegenteil, so meint jedenfalls der Rezensent, verkehrt sich diese vermeintliche Waffe sehr oft in ein Qualitätsprädikat, in ein Gütesiegel, das nicht jeder wissenschaftlichen Arbeit in der Geographie zuteil wird. Wer analysiert, welche Autoren mit welchen Texten das Fach in den vergangenen ein, zwei Jahrzehnten aufzurütteln verstanden haben, wird schnell ebenfalls zur Auffassung gelangen, daß wir eine Reihe von theoretischen und selbstreflexiven Debatten unserer Disziplin gerade den "Ist das Geographie?"- Themen zu verdanken haben. Ute Lanzendorfs unkonventioneller Aufgriff, an der Schnittstelle von drei, vier, ja vielleicht sogar fünf Disziplinen (Politologie, Pädagogik, Soziologie, Raumordnung und auch Geographie), verdient schon in diesem Zusammenhang Beachtung. Die Arbeit nimmt sich mit dem Segment der Berufsbildung ein Themenfeld vor, das die Bildungsgeographie bisher weithin zu übersehen haben scheint, und verbindet dieses Feld mit der planungsrelevanten Frage der Konstitution von Regionen und regionalen Identitäten im alltagsweltlichen Kontext. Regionen werden als "Handlungsträger" konzipiert, auf denen sich Akteure mit unterschiedlichen Intentionen, aber im gemeinsamen Tätigkeitsfeld "Berufsbildung", treffen. Eine Region kann nach Lanzendorfs Konzeption entweder "von unten", also durch ein dezentral gesteuertes, zielgerichtetes Kollektiv, aufgespannt oder "von oben", durch Verlagerung von Gestaltungsspielraum, delegiert werden. Als vermittelndes Element zwischen System ("oben") und Lebenswelt ("unten") besitzt die Region konkrete praktische Bedeutung mit einem Potenzial zur Lösung von Problemen. Im Mittelpunkt der Untersuchung Lanzendorfs steht die Frage, wie sich eine solcherart "Gestaltende Region" etablieren und manifestieren kann. Dies wird exemplarisch anhand des Berufsbildungssystems in zwei europäischen Staaten, Großbritannien und Spanien, analysiert. In methodischer Hinsicht operiert Lanzendorf auf mehreren Ebenen, und die Werkzeuge reichen von einem hermeneutisch-interpretativen Ansatz auf der Makroebene bis zu leitfadengestützten Interviews auf der Mikroebene der beteiligten Akteure. Zum Inhalt: Die Arbeit gliedert sich in vier Schwerpunkte. Zunächst wird der theoretisch-konzeptionelle Weg bereitet, berufliche Bildung in den Stand der Forschung eingeordnet und eine methodische Skizze entworfen. In der ausführlichen Auseinandersetzung mit dem Begriff der Region, der bei Lanzendorf allerdings der kulturelle Aspekt ein wenig abhanden gekommen zu sein scheint, erfolgt die zentrale analytische Unterscheidung zwischen zentral gelenkter Regionalisierung "von oben" und Regionalismus als Formierung eines "diffusen Handlungsspielraums im Schatten des Systems" "von unten". Dieser institutionell-systemtheoretische Dualismus kondensiert gleichsam an einer Schnittstelle im Grenzbereich zwischen System und Lebenswelt; genau hier verankert Lanzendorf die "Gestaltende Region". Dem durchaus engagierten Versuch, diese Diskrepanz Habermas' kritischer Gesellschafts-, Giddens' Strukturations- und Werlens Handlungstheorie unterzuordnen, haftet allerdings beinahe zwangsläufig ein leichter Beigeschmack von Eklektizismus an; der Rekurs auf Habermas und Giddens, weniger auf Werlen wirkt etwas aufgesetzt und vermag denkbare Anknüpfungspunkte, an denen die zentralen Fragestellungen theoretisch verankert werden können, nicht deutlich genug zu fassen. Der zweite Hauptteil der Arbeit widmet sich der Fallstudie Großbritannien und dem exemplarischen Untersuchungsgebiet Südwales (Glamorgan). Lanzendorf legt überzeugend dar, wie das Feld der Berufsbildung in Großbritannien staatlicherseits instrumentalisiert und zum Zweck einer Regionalisierung in die Entscheidungs- und Gestaltungskompetenz einer mittleren Ebene, der "Gestaltenden Region", transferiert wird. Eine ausführliche Dokumentation der berufsbildungspolitischen Zielsetzungen und Prozesse sowie ihrer Akteure in diesem regionalen Kontext illustriert eine Facette des Neoliberalismus seit der Regierung Thatcher, der man gemeinhin - zumal aus internationaler Perspektive - bisher nur relativ wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat. Einen Kontrapunkt dazu setzt der dritte Abschnitt, der auf das Fallbeispiel Spanien und die Region Navarra fokussiert. Hier konstituiert sich die "Gestaltende Region" auf einem gegenläufigen Mechanismus "von unten nach oben", in einem traditionsreichen Aushandlungsprozeß unterschiedlicher Interessen, die zwischen Zentrum und lokalem Umfeld divergieren. Lanzendorf klammert die politischen Umwälzungen in Spanien während der letzten Jahrzehnte und die Transformation zur Demokratie nicht aus der Untersuchung aus und verbindet damit einen wichtigen Bestandteil regionalistischer Artikulation. Den vierten Teil der Untersuchung schließlich bildet das Fazit, indem es die zentralen Elemente des zweiten und dritten Hauptkapitels summarisch wiederholt. In Wiederholungen, Fazits, Zwischenfazits, Abschlußfazits wie diesen liegt eine der Hauptbürden, die der Leser tragen muß, wenn er nach dem Zusammenklappen der Buchdeckel feststellt, daß sich Lanzendorfs Ausführungen durchaus noch etwas mehr hätten kondensieren lassen. Eine gewisse Langatmigkeit des Textes läßt sich nicht abstreiten, und das Lektorat oder die Herausgeber wären gut beraten gewesen, abschnittsweise auf eine Straffung der Darstellung zu drängen. Immer wieder erscheinen zudem Satzungetüme, die nicht unbedingt zu einer Zerstreuung dieser Bedenken beitragen ("Da der theoretisch-konzeptionelle und der empirische Teil des hier auszuwertenden Forschungsvorhabens weitgehend parallel bearbeitet wurden, ist die heuristische Zusammenschau der in der Literatur unterschiedlicher Abstraktionsniveaus vorhandenen Hinweise auf charakteristische Dimensionen einer Gestaltenden Region maßgeblich durch die vergleichende Reflektion von Befunden beeinflußt worden, die aus der Feldarbeit herrührten" (S. 35)). Auch eine in einzelnen Passagen technokratisch anmutende Verquickung aus sprödem "Amtsdeutsch" und sperrigem "Wissenschaftsdeutsch", die nun wirklich nicht als Beleg für Spracheleganz dienen kann, stellt sich der Lesbarkeit entgegen ("Über strukturelle Inkompatibilitäten zwischen administrativ-politischen Strukturen und gesellschaftlichen Handlungsbedarfen (sic!) hinaus schränken auch kontinuierlich rückläufige finanzielle Ressourcen den Spielraum der öffentlichen Hand sukzessive weiter ein" (S. 50f.)). Dennoch: Diese formalen Defizite sollten nicht überbewertet werden. Sie werden von den Stärken der Arbeit mehr als kompensiert: ein ungewöhnlicher, auch mutiger Ansatz, der dem Fach und der bildungsgeographischen Teildisziplin neue Impulse verleihen kann, eine exzellente Einbindung in den Stand der Forschung, auch was die kaum mehr überschaubare Literaturlage der Nachbarwissenschaften anlangt, eine fächerübergreifende Synthese, die anderswo praktizierte innerdisziplinäre Engstirnigkeit klein und armselig aussehen läßt, und schließlich auch Ute Lanzendorfs aufrichtiges Ringen um eine ausgewogene Darstellung eines vielschichtigen Prozesses, wie er sich auf dem Niveau einer "Gestaltenden Region" im Aktionsfeld "Berufsbildung" manifestiert.
Autor: Werner Gamerith

Quelle: Geographische Zeitschrift, 92. Jahrgang, 2004, Heft 3, Seite 190-191

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