Georg Glasze: Die fragmentierte Stadt. Ursachen und Folgen bewachter Wohnkomplexe im Libanon. Opladen 2003 (Stadtforschung aktuell, Bd. 89). 294 S.

Die Debatte um die gated communities ist, wie der Begriff selbst zeigt, lange Zeit von den Untersuchungen im angelsächsischen Kontext dominiert worden. Mit der "fragmentierten Stadt" von Georg Glasze liegt nun eine Arbeit vor, die dieses Phänomen in der komplexen Konstellation des Nahen Ostens untersucht. Der Autor geht dabei sowohl den Ursachen wie auch den sozialen und politischen Folgen der bewachten Wohnkomplexe im Libanon nach. Nach dem Verwerfen der makro- und mikrotheoretischen Erklärungsansätze versucht Glasze, die Genese als "Konsequenz eines regional und historisch spezifischen Zusammenspiels von individuellen und kollektiven Akteuren"(S. 51) zu verstehen.

Die Folgen davon werden zum einen in Hinblick auf die individuellen Lebenschancen der Bewohner der bewachten Wohnkomplexe untersucht, zum anderen sollen die Wirkungen der Privatisierung der territorialen Organisation für die Idee und Verwirklichung eines demokratischen und sozialen gerechten Gemeinwesens geprüft werden. Methodologisch benutzt der Autor das Konzept der urban governance. Neben den Untersuchungsinstrumenten der Kartierung und Kartographie baut die empirische Arbeit auf einer Kombination von qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden auf. Das 4. Kapitel über die Ursachen der bewachten Wohnkomplexe ist historisch in zwei Zeitabschnitte während und nach dem Bürgerkrieg (1975-1990) gegliedert. Dabei werden auf der Basis verschiedener Informationsquellen die Faktoren sowie die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen dargestellt, die zur Entstehung dieser Wohnform während des Krieges geführt haben. Hier hätte man sich zusätzliche Informationen über die beteiligten Kriegsparteien und Machtverhältnisse gewünscht, um auf diese Weise z.B. besser verstehen zu können, warum es im so genannten christlichen Kanton mehr Sicherheit gab als in den anderen Regionen.
 Die sozialen und die politischen Folgen werden im 5. und vorletzten Kapitel dargestellt. Die gesellschaftliche Perspektive bezieht sich dabei auf die soziale Differenzierung, die Sozialisation und das soziale Kapital der Bewohner der bewachten Wohnkomplexe. Mit den politischen Folgen werden knapp die Formen der Selbstverwaltung und das Verhältnis zwischen den Wohnkomplexen und den Gemeinden präsentiert. Zum Schluß und nach einer kurzen Zusammenfassung erweitert der Autor die Perspektive und präsentiert ein Erklärungsmodell für die Verbreitung bewachter Wohnkomplexe, das die Konzepte der "Club-Ökonomie", der "Globalisierung" und der "regionalen governance-Muster" integriert.
 Insgesamt ist das Buch sehr anschaulich mit zahlreichen Abbildungen, Karten und Skizzen der Wohnkomplexe, die einen guten Eindruck über die materielle Realität dieser Wohnform geben. Beeindruckend bei dieser Arbeit ist die Zahl der verwendeten Quellen und der Umfang an empirischem Material. Trotz der in der Natur des Forschungsobjekts liegenden Schwierigkeit, in einem solchen Umfeld zu forschen, ist es dem Autor gelungen, die Motivationen und Entscheidungen der Akteure zu rekonstruieren. Aufschlußreich sind dabei nicht nur die Sichtweisen der Unternehmer und Architekten. Außerordentlich interessant sind die durch zahlreiche Interviews und Beobachtungen gewonnenen Einblicke in die Biographien und Lebenswelten dieser sozialen Oberschichten.
 Bedauerlich ist dabei jedoch die Verwendung der Interviews. Zum einen ist man etwas enttäuscht, daß bestimmte Zitate nicht weiter interpretiert werden. Es werden Abschnitte und gar ein ganzes Unterkapitel mit einem Interviewausschnitt abgeschlossen (S. 186), ohne daß sich eine Interpretation anschließt. So wird dem Leser die Analyse überlassen, ohne daß er über den ganzen Text, noch den Kontext des Interviews verfügt. Aus den Interviews hätte der Autor die Analyse weitaus mehr vertiefen können, auch ohne gleich die Methode der extensiven objektiven Hermeneutik zu verwenden. So entsteht der Eindruck, daß der Autor sich hinter den "wahren" Informationen verbirgt, d.h. die interviewten Personen an seiner Stelle sprechen läßt und den im Gespräch aktualisierten Realitätsbezug nicht mehr hinterfragt und analysiert. Neben dieser interpretatorischen Schwäche möchte ich noch zwei grundsätzliche Kritikpunkte ansprechen. Die erste Kritik betrifft die Verwendung des Konzepts der governance. Von den vielen Möglichkeiten hätte eine schärfere Definition als jene von K. König ausgewählt werden können. Als "Muster ... in einem sozio-politischen System als Ergebnis interagierender und intervenierender Kräfte aller beteiligten Akteure" (S. 47) bezeichnet, schließt der Begriff der governance nicht viel der libanesischen Realität aus, und verbleibt damit auf einer sehr allgemeinen Ebene. Eine auf das Forschungsobjekt zugeschnittene Definition, die das sozio-politische System benennt bzw. eingrenzt, aber vor allem die Form der Interaktionen und die Art der Beziehungen innerhalb dieses Systems erfaßt, hätte vielleicht zu einer tieferen Analyse verhelfen können. Auch ist die Anwendung dieses Konzepts zur Beschreibung der Situation während des Bürgerkriegs nur schwer nachvollziehbar, waren die Interaktionen und Interventionen doch sehr einseitig. Während der Staat eben durch die "Libanisierung" in Auflösung begriffen war, hatten die Bauherren und Milizen freie Hand und das Recht des militärisch bzw. politisch Stärkeren dominierte.
 Das Konzept verbirgt eher, als daß es zum besseren Verständnis der Komplexität der sozialen und politischen Beziehungen im Nachkriegslibanon beiträgt. Angesprochen ist hier die Rolle von Machtverhältnissen zwischen den Bauherren und Investoren, Ministerien, Kommunen, den konfessionellen und sozialen Gruppen. Die wenigen Beschreibungen der Machtbeziehungen beschränken sich auf die Verhältnisse zwischen den Milizen und den Bauherren während des Bürgerkriegs (S. 76 und 97), sowie auf die Konkurrenz zwischen den bewachten Wohnkomplexen und den Kommunen (S. 243 ff.). Diese Seiten zählen zu den interessantesten des Buches und deuten darauf hin, daß eine systematische Analyse dieser Verhältnisse die Ursachen und Folgen, vor allem aber die territorialen Implikationen von bestimmten Wohnkomplexen im Libanon vielleicht hätte besser erklären können als durch die Fokussierung auf die Akteure. Die zweite Kritik bezieht sich auf die Darstellung der fragmentierten Stadt, die durch das Prisma der bewachten Wohnkomplexe nur sehr sporadisch und vage zum Vorschein kommt. Die Einblicke in manche Strand- bzw. Berg-Resorts läßt z.B. nur schwer die Beziehungen zur Stadt erkennen. Zwar werden die Kontakte der Bewohner zu anderen bewachten Wohnkomplexen und Country Clubs dargestellt, doch selbst wenn diese intensiv sind, schließt es nicht zwingend Kontakte zur restlichen "offenen" Stadt aus. Auch wird die doppelte Funktion dieser Wohnkomplexe als Haupt- und Zweitwohnsitz nicht genug thematisiert, und dies obwohl die Ursachen wie auch die Folgen weder für die Bevölkerung noch für die Stadt die gleichen sein können, wie die Unterschiede in den Zuzugsmotivationen zeigen (S. 183/185). Interessant wäre hier zu sehen, in welchem Verhältnis die beiden Gruppen in den einzelnen Wohnkomplexen stehen, selbst wenn es nur näherungsweise sein kann. Dazu gibt es nur Angaben über zwei Kondominien, die auf erhebliche Nutzungsunterschiede zwischen den bewachten Wohnkomplexen hinweisen (S. 212/214). Die hohe Zahl der Befragten, die diese Wohnform insgesamt als Zweitwohnsitz nutzen, deutet zumindest auf eine starke Präsenz dieser Gruppe. Wenn diese Wohnform als Zweitwohnsitz gewiß als urban bezeichnet werden kann, stellt sich die Frage, ob alle untersuchten Wohnkomplexe dieser Art auch geographisch, funktional oder kognitiv als Teile der Stadt erfaßt werden können. Ohne eine Charakterisierung des Verhältnisses zwischen diesen territorialen Einheiten und der Stadt selbst, ist somit die Darstellung und Schlußargumentation über die fragmentierte Stadt nicht ganz überzeugend. So bleibt dieses Buch vor allem für jene empfehlenswert, die sich für gated communities und allgemein für die bewachten Wohnkomplexe interessieren.
Autor: Olivier Graefe  

Quelle: Geographische Zeitschrift, 92. Jahrgang, 2004, Heft 4, Seite 247-249

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