Heiko Schmid: Der Wiederaufbau des Beiruter Stadtzentrums. Ein Beitrag zur handlungsorientierten politisch-geographischen Konfliktforschung. Heidelberg 2002 (Heidelberger Geographische Arbeiten 114). 284 S.

Der große Einfluss, den private Investoren auf die Bebauung des als "Potsdamer Platz" bezeichneten Areals im Berlin der 1990er Jahre hatten, wurde vielfach als Indiz für eine "Privatisierung der Stadtentwicklung" interpretiert und kontrovers diskutiert. In Beirut wurde fast zeitgleich der Wiederaufbau des gesamten historischen Stadtzentrums auf eine private Aktiengesellschaft übertragen. Der Vergleich mit dem "Potsdamer Platz"-Areal, das immerhin zeitweilig die größte privatwirtschaftliche Baustelle in Europa war, veranschaulicht die Dimensionen des Beiruter Wiederaufbaus: Während am Potsdamer Platz ca. 10 ha im Rahmen eines public-private-partnerships neu entwickelt und bebaut wurden, wurde in Beirut das Eigentum der gesamten historischen Altstadt - zusammen mit einigen Aufschüttungen fast 180 ha - an die Aktiengesellschaft SOLIDERE übertragen.

Das von dem saudisch-libanesischen Bauunternehmer und zeitweiligen Ministerpräsidenten des Nachkriegslibanon, Rafiq Hariri, begründete Unternehmen entwickelt seit 1994 den Wiederaufbau des Gebietes, das bis zum Bürgerkrieg (1975-1990) die meisten innerstädtischen Funktionen beherbergte und als Zentrum der Hauptstadt eine hohe symbolische Bedeutung hatte und hat. Angesichts dieser symbolischen Bedeutung und der Dimension des Projektes verwundert es nicht, dass die Etablierung und die Arbeit der SOLIDERE sich vielfältigen Widerständen stellen musste.
Im Rahmen seiner am Geographischen Institut Heidelberg entstandenen Dissertation arbeitet Schmid die Konflikte um den Wiederaufbau des Beiruter Stadtzentrums auf. In der Einleitung formuliert er drei zentrale Fragenkomplexe:
- Wer sind die Akteure im Konflikt um den Wiederaufbau und welche Ziele und Motive besitzen sie?
- Welche Rollen spielen die unterschiedlichen Machtressourcen und inwiefern wirken gesellschaftliche Regeln auf die Akteure?
- Welche Strategien, strategischen Leitbilder und Planungsentwürfe werden für den Wiederaufbau instrumentalisiert?
Schmid bettet seine Arbeit in eine "handlungsorientierte politisch-geographische Konfliktforschung" ein. Dazu setzt er sich im zweiten Kapitel zunächst mit theoretischen Ansätzen der Handlungs- und Strukturationstheorie auseinander, wie sie v. a. von Werlen in die deutschsprachige Humangeographie getragen wurden. Gut informiert entwirft Schmid einen Überblick über einige Schwerpunkte der aktuellen sozialgeographischen Diskussion, wobei allerdings für die Publikation der Arbeit einige Kürzungen möglich gewesen wären. Anschließend entwickelt er aus verschiedenen Ansätzen des Konstruktivismus und in Anlehnung an Gregorys "geographical imaginations" sowie Reubers "strategische Raumbilder" das Konzept der "strategischen Wirklichkeitsentwürfe".
In überzeugender Weise leitet Schmid aus dieser so konzipierten "konstruktivistisch geprägten Handlungstheorie" die Leitlinien für die Konfliktanalyse in Beirut ab und entwirft im dritten Kapitel ein Forschungsdesign, das der konzeptionellen Verortung in der Handlungstheorie entspricht: Interviews mit Vertreterinnen und Vertretern der wichtigsten Akteursgruppen bilden die Basis eine Re- und Dekonstruktion der Konflikte um den Wiederaufbau, die durch die Auswertung von Presseberichten und grauer Literatur ergänzt wird. Darüber hinaus fließen eine standardisierte Befragung von 400 Beirutis auf Basis einer Flächenstichprobe in den zentralen Stadtteilen sowie geowissenschaftliche Untersuchungen in die Analyse ein (insbesondere die Auswertung von Luftbildern verschiedener Zeitpunkte).
Im vierten Kapitel schildert Schmid die Ausgangssituation für den Wiederaufbau: die Zerstörungen im Beiruter Stadtzentrum während des Bürgerkrieges, aber auch die Pläne zum Wiederaufbau, die in längeren ruhigen Phasen entwickelt wurden. Diese Darstellung setzt sich dann im Kapitel 5 fort; hier zeigt der Autor, wie bereits in den ersten Monaten nach dem Ende der Kämpfe die legislativen Weichen für das Wiederaufbauprojekt gestellt wurden und die Aktiengesellschaft 1992 gegründet werden konnte.
Kapitel 6 ist das "Herzstück" der Arbeit: Außer dem Hauptinitiator des Wiederaufbauprojektes, Rafiq Hariri, und einigen ihm direkt zugeordneten Institutionen identifiziert Schmid zunächst ein "Netz der [oppositionellen] Akteure": christliche und muslimische Stiftungen, schiitische Bürgerkriegsflüchtlinge im Stadtzentrum, Mieter und Eigentümer, die Denkmalschutzorganisation APSAD sowie eine lose verbundene Gruppe von Wissenschaftlern und Künstlern. Anschließend re- und dekonstruiert Schmid den Verlauf von fünf Teilkonflikten zwischen Rafiq Hariri bzw. der SOLIDERE und einer oppositionellen Gruppe. In einem gesonderten Abschnitt setzt er sich mit dem "Kampf um die strategischen Leitbilder" in den Medien auseinander. Hier fließen die Ergebnisse der standardisierten Befragung zur Akzeptanz von SOLIDERE in der Beiruter Bevölkerung sinnvoll in die Analyse ein. Hinter die Darstellung der Teilkonflikte stellt Schmid jeweils einen Abschnitt, in dem er die Handlungsstrategien der jeweils beteiligten Akteure kurz zusammenfasst, die jeweilige Forschungssituation transparent macht und seine Darstellung vor diesem Hintergrund reflektiert. So kann der Leser nicht nur "hinter die Kulissen" der didaktisch geschickt differenzierten Teilkonflikte schauen, sondern erfährt auch etwas darüber, auf welche Weise und inwieweit die jeweiligen Konflikte im Forschungsprozess re- und dekonstruiert werden konnten.
Als Zwischenergebnis präsentiert Schmid in Kapitel 7 ein Schema der Akteure und ihrer Interaktionen in der ersten Phase des Wiederaufbaus, welches die zentrale Rolle Rafiq Hariris veranschaulicht.
Folgerichtig diskutiert Schmid daher, inwieweit der zeitweilige Verlust des Ministerpräsidentenamts (1998-2000) das Projekt Rafiq Hariris gefährdete. Das Ergebnis der Konflikte beurteilt Schmid aber trotz einiger Probleme in dieser Phase unzweideutig: "Die Auseinandersetzungen um den Wiederaufbau (...) konnte Hariri eindeutig für sich entscheiden." (S. 266) Der Erfolg des Gesamtprojektes ist allerdings nicht zuletzt auch von der wirtschaftlichen Entwicklung im Nahen Osten und im Libanon abhängig sowie von der Rolle, die der Standort Beirut dabei spielen wird. Daher ergänzt Schmid im achten Kapitel die Analyse der Konflikte durch eine Darstellung der Verkaufs- und Gewinnentwicklung sowie der Aktienkurse der SOLIDERE und diskutiert die Perspektiven des Wirtschaftsstandorts Beirut.
Die Arbeit von Schmid ist im internationalen Kontext nicht die einzige wissenschaftliche Publikation, die sich mit dem Wiederaufbau des Beiruter Stadtzentrums beschäftigt. Am französischen Forschungszentrum CERMOC in Beirut war in den 1990er Jahren sogar eigens eine kleine Abteilung geschaffen worden, die sich mit der Stadtentwicklung und insbesondere dem Wiederaufbau beschäftigt. Die Dissertation hebt sich aber in mehrfacher Hinsicht von vielen dieser Publikationen ab: Schmid präsentiert auf der Basis seiner umfangreichen empirischen Arbeiten vor Ort ein vielschichtiges Detailwissen, das sich angenehm von vielen weitgehend essayistischen Veröffentlichungen abhebt. Der Qualität der Arbeit kommt dabei zu gute, dass sich Schmid schon seit 1995 zunächst im Rahmen einer Diplomarbeit mit dem Wiederaufbau des Beiruter Stadtzentrums beschäftigt und so die Entwicklung über mehrere Jahre begleiten konnte. Die Dissertation ist handwerklich hervorragend gemacht und sinnvoll mit Luftbildern, Plänen und eigenen Karten illustriert. Zudem liest sich die Arbeit gut - insbesondere die Konfliktanalysen sind über weite Strecken "spannend". Nicht zuletzt sind die empirischen Arbeiten überzeugend in ein theoretischkonzeptionelles Gerüst eingebaut.
Man muss schon sehr genau schauen, um überhaupt Kritik an der Arbeit äußern zu können - diese sei daher hier auch eher als zwei Vorschläge dargestellt:
Im Gegensatz zu einigen anderen handlungstheoretisch konzipierten Arbeiten, differenziert Schmid zwischen individuellen Akteuren und kollektiven Akteuren. Im Theorieteil schreibt er: "Hinsichtlich der unterschiedlichen Zielebenen und Handlungsstrategien spielt die Konstitution kollektiver Akteure eine besondere Rolle". Vor allem aus didaktischen Gründen könnte es reizvoll sein, in der Darstellung der Teilkonflikte verschiedene "Konstitutionstypen" kollektiver Akteure zu unterscheiden. So mag der geringe Erfolg der Gruppe der "oppositionellen Wissenschaftler und Künstler" nicht zuletzt auch damit zusammenhängen, dass sie als "aggregierte Akteure" anzusprechen sind, die individuell handeln, weitgehend individuell über Ressourcen verfügen und deren individuell unterschiedlichen Ziele sich nur teilweise decken. Erfolgreichere Oppositionsgruppen wie die "schiitischen Flüchtlinge" profitierten hingegen davon, dass die schiitischen Parteien Amal und Hizballah "korporative Akteure" sind, die als Organisation hierarchische Entscheidungen treffen können, d. h. als Organisation Ziele definieren und verfolgen.
Wie die Analyse von Schmid eindrucksvoll zeigt, sind die Konflikte um den Wiederaufbau des Beiruter Stadtzentrums nur dann nachvollziehbar, wenn man sich intensiv mit dem spezifischen Akteuren und ihren Interaktionen auseinandersetzt. Nach Ansicht des Rezensenten wäre es aber dennoch interessant, den Wiederaufbau des Beiruter Stadtzentrums auch vor dem Hintergrund übergeordneter Entwicklungen zu beurteilen. So ist ja die Verbreitung privatwirtschaftlicher Organisationsformen zur Entwicklung und Regulierung städtischer Räume ein Schwerpunkt aktueller Stadtforschung. Eine Beurteilung des Wiederaufbaus in Beirut vor dem Hintergrund der Diskussion um neue Formen der urban governance könnte die Anschlussfähigkeit der Forschungsergebnisse daher weiter erhöhen.
Fazit: Die Dissertation hinterlässt einen hervorragenden Eindruck. Schmid zeigt eindrucksvoll das Potential einer konstruktivistisch orientierten, handlungstheoretischen Konfliktforschung. Seine Arbeit ist damit für einen Leserkreis zu empfehlen, der weit über diejenigen hinausreicht, die sich mit dem Libanon beschäftigen.
Autor: Georg Glasze

Quelle: geographische revue, 6. Jahrgang, 2004, Heft 1, S. 55-58

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