Beate Lohnert: Vom Hüttendorf zur Eigenheimsiedlung. Selbsthilfe im städtischen Wohnungsbau - Ist Kapstadt das Modell für das Neue Südafrika? Osnabrück 2002 (Osnabrücker Studien zur Geographie, Band 24). 303 S.

Auch fast zehn Jahre nach der großen politischen Wende in Südafrika ist die Versorgung der Bevölkerung mit adäquatem Wohnraum noch immer eine der größten politischen Herausforderungen der Postapartheidsgesellschaft. Wie Beate Lohnert in der Einleitung zu ihrer Habilitationsschrift zu Recht klarstellt, müssen Wohnungspolitik und Wohnraumplanung als zentrales Element der südafrikanischen Desegregations- und Integrationsbemühungen begriffen werden. Eine Auseinandersetzung mit der Wohnungsbauproblematik kann daher ein Schlüssel zum Verständnis der komplexen gesellschaftlichen Transformationsprozesse sein, die sich seit Beginn der 1990er Jahre in Südafrika vollziehen. Das Beispiel des Selbsthilfewohnungsbaus in Kapstadt dient Lohnert aber zugleich auch als Ausgangspunkt für eine kritische Würdigung von Self-help-Konzepten, wie sie generell in zahlreichen Ansätzen der Entwicklungszusammenarbeit als Vehikel zur Überwindung sozialer Polaritäten und als Partizipationsinstrumentarien propagiert werden.

Zu Beginn ihrer Ausführungen legt die Autorin ihre wissenschaftstheoretische Position offen, die sich natürlich klar an einer handlungstheoretisch geleiteten Sozialgeographie orientiert, ohne dabei jedoch einem einzigen Paradigma verhaftet zu bleiben. Die Welfare Geography und das Analyseraster des Verwundbarkeitsansatzes dienen als konzeptioneller Rahmen der Studie. Da beiden Konzepten das Leitmotiv einer "ungerechten Welt" und ungleicher Lebensbedingungen sowie ein gewisser normativer Anspruch, diese zu ändern, inhärent sind, bieten sie sich als Grundlage für die Untersuchung von Postapartheidsstrukturen und -prozessen geradezu an.
Dem Fallbeispiel Südafrika vorgeschaltet ist eine kritische Diskussion entwicklungstheoretischer und -strategischer Überlegungen zur Erklärung und Lösung der Wohnraumfrage. Lohnert beschreibt das Phänomen der Informalität, grenzt es vom Slum-Begriff ab und arbeitet dabei gleichzeitig sehr kenntnisreich die Leitlinien funktionalistischer und politisch-ökonomischer Ansätze auf. Im Mittelpunkt stehen hier die Entwicklungsparadigmen und Selbsthilfekonzeptionen der 1970er und 80er Jahre. Die Autorin verweist u. a. auf die Bedeutung der Rechtssicherheit marginaler urbaner Bevölkerungsgruppen, deren Implikationen von vielen Entwicklungsstrategen kaum berücksichtigt wurden. Sie diskutiert die Einführung eines verbindlichen bodenrechtlichen Regelwerks für Flächen des urbanen Selbsthilfewohnungsbaus und stellt die Probleme heraus, die sich aus individuellen Nutzungsrechten an städtischem Land ergeben - so führt etwa die immer wieder propagierte Maxime "one family - one plot" zu einem immensen Flächenverbrauch. Hinzu kommt, dass derartige Rechtssysteme den Bedürfnissen der für das subsaharische Afrika so charakteristischen multilokalen Haushalte, die sowohl in urbane als auch rurale Lebenswelten eingebettet sind, kaum entsprechen können. Die an dieser Stelle bereits überzeugend formulierten Zweifel an einer Pauschalwirksamkeit unterstützter Selbsthilfekonzepte werden im zentralen Teil der Studie empirisch untermauert. Es gelingt der Verfasserin, mit der Darstellung der enormen sozio-ökonomischen und territorial verankerten Disparitäten Kapstadts nochmals die großen Herausforderungen zu dokumentieren, denen sich eine auf Desegregation abzielende Stadtentwicklungspolitik zu stellen hat. Neben immensen organisatorischen Problemen werden Stadtentwickler auch mit Korruption und Gewalt konfrontiert, so dass sich insgesamt eine - wie es Lohnert eigentlich untertrieben formuliert - "große Unübersichtlichkeit der Wohnungspolitik" (170 ff.) ergibt. Auf der lokalen Akteursebene zeigen akribische und sich eines breiten Methodensets bedienende Erhebungen in drei informellen Siedlungen die Sichtweisen und Handlungsmuster der Bewohner/innen von Marginalsiedlungen auf und belegen die Vielschichtigkeit der Probleme von Lebensabsicherung und Wohnungsbau im Postapartheidskontext.
Intra-urbane Migration ist ein weitverbreitetes Phänomen in Kapstadt und scheint von bodenrechtlichen Aspekten zwar beeinflusst, aber keineswegs eindeutig dominiert zu werden. Frau Lohnert führt den Nachweis, dass auch eine erhöhte Rechtssicherheit nicht notwendigerweise zu mehr Standorttreue führt. Im Rahmen der Migrationsforschung besonders interessant erscheint die Lage der Zuzugsregionen ("Eintrittsorte"), die nach Kapstadt migrierende Personen wählen. Sie befinden sich - in Abhängigkeit existierender sozialer Bindungen - an unterschiedlichen Orten der städtischen Peripherie. Vertrautheit nicht im räumlichen Sinne, sondern im Rahmen einer Lebensgemeinschaft bzw. sozialen Netzwerkes ist ein zentrales Motiv bei der Wahl des Zuzugsortes. In diesem Zusammenhang thematisiert die Verfasserin nochmals den Aspekt der multilokalen Haushalte und zeigt auf, dass es zwar eine gewisse Persistenz des urbanen Wohnstandortes eines Haushaltes geben mag, dass sich die Zusammensetzung des betreffenden Haushalte an diesem Standort jedoch häufig ändert. Daher sind trotz Ortstreue kaum nachhaltige Selbsthilfeinvestitionen zu erwarten, was in herkömmlichen Self-help-Programmen allerdings bislang kaum berücksichtigt wurde. Im Schlusskapitel plädiert die Autorin deshalb eindringlich für eine Revision der Selbsthilfekonzepte, die sie als "allzu einfache Lösung für die fast schon ausweglos erscheinende Lage städtischer informeller Siedlungen in der Dritten Welt" (259) bezeichnet.
Da es Usus zu sein scheint, dass, wer empirisch nachweist, konzeptionell offen legt und inhaltlich fundiert kritisiert, zumindest im Rahmen einer Habilitationsschrift auch sofort bessere Lösungen anbieten muss, sieht sich wohl auch die Autorin genötigt, einen entsprechenden Maßnahmenkatalog aufzustellen. Die geforderten Rahmenbedingungen auf nationaler Ebene (u. a. "rechtsstaatliche Verfassung" oder "Vorhandensein einer regional angepassten Kultur der Partizipation"; 260 ff.) können sich natürlich - dies ist auch der Verfasserin klar - nur wie ein ernüchternd unkonkretes entwicklungsstrategisches Globalmanifest lesen. Wertvoll sind dagegen die konkreten Hinweise für eine erfolgversprechende Umsetzung von Selbsthilfekonzepten auf lokaler Ebene: Viel zu selten werden bestehende interne Organisationsstrukturen von informellen Siedlungen untersucht, bevor unterstützte Selbsthilfe implementiert wird; noch immer fehlt es vielen Self-help-Programmen an institutionalisierten Kontrollmechanismen; viel zu wenig tragen diese Programme den Bedürfnissen ihrer Zielgruppen Rechnung, da Haushaltsstrukturen, ökonomische Potentiale, Wissens- und Partizipationskapazitäten, Migrationsmotive usw. im Vorfeld kaum erfasst werden. Die Studie macht immer wieder große gesellschaftliche Konfliktpotentiale deutlich: sowohl eines zwischen bereits länger ansässigen und neu hinzugekommenen Interessengruppen als auch, auf einer ganz anderen Ebene, eines zwischen realen Lebenszusammenhängen und abstrahierten Regelwerken. Als theoretische Basis für die Empirie hätte man sich daher nicht nur Ansätze aus der Welfare Geography, sondern auch aus der Konfliktforschung vorstellen können. Diese aber auch noch in die Studie zu integrieren, hätte zweifellos den ohnehin schon sehr beeindruckenden Arbeitsaufwand gesprengt. Dieser Hinweis soll daher nicht als Kritik gewertet werden, sondern als Beleg dafür, dass es der Verfasserin gelingt, mit ihrer Arbeit eine wissenschaftliche Diskussion weit über das Fallbeispiel Südafrika hinaus zu stimulieren.
Autor: Fred Krüger

Quelle: geographische revue, 6. Jahrgang, 2004, Heft 1, S. 58-61

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