Christa Berger, Bruno Hildenbrand, Irene Somm: Die Stadt der Zukunft. Leben im prekären Wohnquartier. Opladen 2002. 215 S.

Das Buch ist entstanden aus einer empirischen Untersuchung über die Folgen der Schließung der offenen Drogenszene am stillgelegten Züricher Innenstadtbahnhof "Letten" in Jahr 1995. Erforscht werden sollten die "Verunsicherungen im Stadtteilalltag" (S. 9) in zwei direkt angrenzenden Stadtvierteln (Stadtkreise 4 und 5), in die sich die Drogenszene verlagert hatte, nachdem die Stadt eine deutlich repressivere Drogenpolitik verfolgte. Als Arbeiter-, Ausländer- und 'Rotlicht'-Viertel haben diese Stadtviertel ohnehin einen schlechten Ruf und schwierige Lebensbedingungen. Die BearbeiterInnen merkten, dass die Verlagerung für die BewohnerInnen kein tiefer Einschnitt, sondern nur ein weiterer Beitrag zu ihren schwierigen Existenzbedingungen war, und hatten den guten Einfall, die Untersuchung auszuweiten auf den sozialen Kontext des Alltags in den beiden Stadtteilen. Sie beschäftigten sich mit der Sozialgeschichte der beiden Quartiere beiderseits des großen Bahnareals, die nur durch das Flüsschen Sihl von den Züricher Altstadt getrennt sind; sie führten 17 ausführliche Interviews mit Personen aus unterschiedlichsten Milieus sowie Gruppengespräche über Geschichte und Gegenwart des besagten Lebensalltags; und sie informierten sich über die Strategien von Polizei und Behörden. Das Buch hat insofern den Anspruch und Vorteil, einen Überblick über die Bewohnerschaft im Quartier zu geben, und dies aus deren Lebensalltag heraus - während viele Untersuchungen schwieriger Viertel nur wenige kontrastierende Gruppen (z. B. Deutsche - Türken) oder Problembevölkerungen (Arbeitslose, Alleinerziehende ...) untersuchen.
Die zentrale und bedenkenswerte These des Buchs ist die einer dauerhaften "Prekarität": das Leben in Unterschichts-Quartieren mit ihren sehr verschiedenartigen und oft genug unerfreulichen BewohnerInnen führt zu Verunsicherung und verbindet sich häufig mit sozialer Unsicherheit. Behörden und die Medienöffentlichkeit schwanken zwischen Stigmatisierung ("Slum", "Sexviertel", "Drogenhölle") und Imagepflege (Quartiere mit "Toleranz und Weltoffenheit"), und unzählige Polizeieinsätze bringen den BewohnerInnen eher Verunsicherung als Sicherheitsgefühle. Diese sehen sich genötigt, ihren Alltag an diesem Ort nach Normalitätsvorstellungen zu gestalten und zu legitimieren ("normalisieren"): Entweder als ordentliche Bürger, die unter sich bleiben und die Unordnung entweder ignorieren oder bekämpfen; oder als unordentliche Bewohner, die sich möglichst unauffällig verhalten; oder als Teil einer Gegenwelt - sei es die der Arbeiterklasse, oder die der politisch Oppositionellen, sei es als Immigrantengemeinschaft oder als lebensoffene Weltbürger. Nach Ansicht der VerfasserInnen sind Programme zur Beseitigung von örtlichen Unterschichten oder Randexistenzen fruchtlos. "Das Prekäre ist wesentlicher Bestandteil des Stadtteils und lässt sich nicht einfach aus der Welt schaffen." (S. 174) - wie es Politikern und Planern meist vorschwebt, und zwar nicht nur in der Schweiz. Die BewohnerInnen, die im Stadtteil verbleiben, bringen es (notgedrungen) zu einer gegenseitigen Toleranz, die zu einer "Kultur der Differenz" in einer globalen Großstadt entwickelt werden sollte. Gegenwärtig schwanken die Meisten (noch?) zwischen gegenseitiger Indifferenz dann, wenn der Alltag nicht aufgewühlt wird von Konflikten, und Disziplinierungswünschen, wenn diese Konflikte aufbrechen.
Das ist die These, über die nachzudenken sich lohnt. Schade, dass sie nicht anschaulich aus dem Alltagsverhalten der BewohnerInnen entwickelt wird. Die Quartiere mit ihren Ausländeranteilen von 46-48 % werden im ersten Kapitel nur sehr oberflächlich mit Daten charakterisiert - es bleibt unklar, warum und wie weit nur sie Zufluchtsort von Unterschichten und Randgruppen sind; Sozialstatistik jedenfalls ist nicht die Stärke der AutorInnen. Anschließend werden, nach kurzer Einführung des Modells "prekärer Zugehörigkeit", alteingesessene Arbeiter-Rentner und eine junge "Gentrifierin" als Kontrasttypen dargestellt. Im dritten Kapitel werden dann nicht weniger als sieben Milieutypen vorgestellt: Alteingesessene Schweizer; Italiener der zweiten Generation; ex-jugoslawische Arbeitsmigranten und (?) Flüchtlinge; beruflich erfolgreiche ehemalige Aktivisten der linken Züricher Szene ("Pioniere" einer Gentrifikation); politische Flüchtlinge aus der Türkei; eine "sozial deklassierte" Schweizerin mit vielfach gebrochenem Lebenslauf; und (zwei) Drogenabhängige. Der Lebensalltag wird nur ansatzweise geschildert und sofort in schwer verdauliche Begrifflichkeiten verpackt. Den Alteingesessenen wird etwa "virtuoses Hängenbleiben" im Viertel, den in der Schweiz aufgewachsenen Italienern "neutralisierte Stigmatisierung" zugesprochen (gemeint ist: in den 50er und 60er Jahren erlebten sie Stigmatisierung als "Ausländer" - heute gehen sie darüber hinweg oder teilen darüber nichts mehr mit), und so weiter. Man ahnt, was gemeint ist, aber versteht die Verallgemeinerung nicht. Anschließend werden Strategien des alltäglichen Umgangs ("Normalisierung") durchgesprochen: das Hochhaltens der Tradition eines Arbeiter- Stadtteils; die Selbsthilfe und Solidarität (entsprechende Bewohner werden etwas schwülstig als "Manager der Stadtteilidentität" bezeichnet); der Bezug zur eigenen Herkunftsgruppe ("Das Zusammenleben mit seinesgleichen soll als pragmatischer Rest von Vergemeinschaftungsvorstellungen das Prekäre der eigenen lokalen Zugehörigkeit normalisieren helfen"; S. 78); die individuelle Selbstbehauptung als Abgrenzung gegen Außenseiter. Anschließend werden Krisenerscheinungen im Stadtteil dargestellt - der Wegzug der Schweizer, die Beeinträchtigungen durch Drogen- und Prostitutionsgewerbe und Polizeieinsätze, die Konfrontation mit kaputten oder aggressiven Typen. Auch die "Entsolidarisierung" zwischen verschiedenen Ausländergruppen gilt als Krise (als ob zwischen den 60er und 80er Jahren unter ihnen eitel Eintracht geherrscht hätte). Dem werden wiederum "Stabilisierungsstrategien" zugeordnet: Versuche, Ordnung und Zivilisationsstandards im eigenen Umfeld zu erzwingen; Wegzug; Anpassung durch Unauffälligkeit; Organisation und Selbsthilfe unter Bewohnern. Und diesen Strategien werden wiederum die sieben "Milieus" zugeordnet. Das trägt zur Verwirrung des Lesers bei - so werden allein bei den "Zweitgenerations-Italienern" drei der vier Strategien aufgespürt, und es bleibt ungeklärt, wieweit sich "Stabilisierung" unterscheidet von den zuvor herausgearbeiteten Strategien der "Normalisierung".
In Kap. 4 wird dann die Linie der Polizei kritisiert, die auf Repression und Einsatz 'von außen her' setzt, nicht auf Kenntnis und Kontrolle der Situation. Und behördliche Versuche der Aufwertung der Stadtteile werden einer Diskurskritik unterzogen: Versuche einer Aktivierung der Bewohner gegen Drogenhandel und Prostitution lenkten nur ab von deren "Zuweisung" in das Viertel; eine Image-Kampagne laufe auf eine "Exotisierung" der Quartiere hinaus; und das Konzept einer sozialen Durchmischung müsse zur Vertreibung der Randgruppen führen. Dieses, so teilen die AutorInnen auf S. 162-64 spitz und treffend mit, verträgt sich nicht mit einer Politik der weltoffenen Multikultur, wie sie die Stadt Zürich für die Stadtkreise 4 und 5 proklamiert. Da jede behördliche Maßnahme einer Gruppe Nutzen bringt und gleichzeitig eine andere beeinträchtigt, kann man jede leicht demaskieren; insofern ist die Kritik in diesem Kapitel billig zu haben. - Drei Verhaltenslinien werden schließlich in Kap. 5 zusammengefasst: Die einen gehen auf Distanz zu andersartigen MitbewohnerInnen und suchen nur den Raum für die eigenen Leute zu wahren; die anderen möchten die Randgruppen aus dem Viertel drängen; und manche versuchen mit Unauffälligkeit durchzukommen. Dies seien unentwickelte Ansätze einer noch zu entwickelnden "Kultur der Differenz". Wie diese konkret aussehen könnte, bleibt undeutlich - aber politische Rezepte zu erarbeiten ist auch nicht Aufgabe von Sozialwissenschaftlern: Wie man weiß, geht die Politik ihre eigenen Wege. - Im Anhang schließlich wird die Methode der intensiven Auswertung qualitativer Interviews à la Anselm Strauss dargelegt - nicht Neues gegenüber Lehrbuchwissen.
Die entscheidenden methodischen Fragen werden nicht diskutiert: Was rechtfertigt die Zusammenfassung von ein bis drei Fällen zu einem "Milieu"? Kann der Fall einer Frau, die im Zusammenleben mit der Drogen- und Zuhälter-Szene sich furchtlos für Ordnung in ihrer Umwelt einsetzt, als charakteristisch für "die sozial Deklassierten" genommen werden? Nicht nach dem, was man weiß über die verbreitete Passivität unter sozialen Absteigern. Können zwei verschüchterte Familien aus Bosnien und dem Kosovo für eine Strategie der Überanpassung an Schweizer Verhaltensstandards stehen? Sie können - aber wieso soll das nur für Ex-Jugoslawen gelten? Ist es überhaupt sinnvoll, nach nationaler Herkunft zu sortieren? Andreas Wimmer (2002) jedenfalls fand bei einer Untersuchung im Züricher Stadtkreis 4 (und zwei anderen Schweizer Stadtvierteln), die Abgrenzung zwischen Etablierten und Außenseitern verlaufe hier nicht nach ethnischen Linien, sondern nach dem Paradigma von Ordnung und Sauberkeit - hie die Normal-Schweizer, die Italiener und sonstigen seit einer Generation ansässigen Südeuropäer, dort die Schweizer Außenseiter, die Flüchtlinge aus Ex-Jugoslawien und die ImmigrantInnen aus Asien, und dazwischen die ob ihres Ordnungssinns geschätzten, aber als Muslime verdächtigen Türken. Wieso werden Ausländer in dem besprochenen Buch ausnahmslos als "stigmatisiert" bezeichnet - selbst wenn ihre Aussagen über ihren gegenwärtigen Alltag nichts darüber hergeben? Hier obsiegt das Streben nach politischer Korrektheit angesichts einer verbreiteten Ausländerfeindschaft (die in Zürich sicher nicht größer ist als in Stuttgart, und sicher geringer als in Halle).
Mein zweiter Einwand: Zu Recht wird betont, dass gerade in schwierigen Stadtvierteln und unter Bewohnergruppen in prekärer Lage die gegenseitige Toleranz oder wenigstens Duldung gepflegt wird, und dass diese Tugend im Zeitalter der Globalisierung immer wichtiger werde. Aber über die Grenzen dieser Toleranz wird nicht nachgedacht - offenbar, um der Intoleranz nicht Nahrung zu geben. Wohl wird auf S. 98-104 über die zunehmende Belastung der Bewohner berichtet: wachsende "Verwilderung" im Prostitutions- wie im Drogenmilieu, chaotische Situationen an den Grundschulen, Reibereien zwischen verschiedenen Migrantengruppen. Kann all dies noch toleriert und in einer "Kultur der Differenz" verarbeitet werden? Obwohl im Anhang penible und wörtliche Auswertung gepredigt wird, werden hier die Äußerungen der Bewohner über die Grenzen des Erträglichen nicht ernst genommen.
Alles in allem: Vor allem im 80-seitigen dritten Kapitel des Buchs bieten die AutorInnen viel Stoff zum Nachdenken, den sie unter sehr verschiedenartigen BewohnerInnen zweier Problemviertel geerntet haben, der aber schwer verdaulich aufbereitet wurde. Wer es sich zutraut, durch das Dickicht von mehr oder minder aussagekräftigen Zitaten und umständlichen und abstrakten Verallgemeinerungen zu finden, wer die unübersichtliche doppelte Systematisierung von Milieus und Verhaltens-Strategien nachvollziehen mag, wird einiges lernen über Einstellungen und Orientierungen in Unterschichtsquartieren. Über die Polizei und über die Interessenlagen der Behörden wird wenig Neues mitgeteilt. Ob das Mitgeteilte für die "Stadt der Zukunft" steht, sei dahingestellt - es trägt jedenfalls bei zum Verständnis der Vielfalt und Spannungen in schwierigen Stadtvierteln - nicht nur in der Schweiz.
Literatur
Andreas Wimmer: Multikulturalität oder Ethnisierung? Kategorienbildung und Netzwerkstrukturen in drei schweizerischen Immigrantenquartieren. In: Zeitschrift für Soziologie Jg. 31(1)/2002, 4-26
Autor: Rainer Neef

Quelle: geographische revue, 6. Jahrgang, 2004, Heft 1, S. 91-94

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