Susan Hanson: Geography, Gender, and the Workaday World. Stuttgart 2003 (Hettner-Lectures 6). 76 S.

Während die deutschsprachige Geographie noch den "cultural turn" probt (siehe Gebhardt/Reuber/Wolkersdorfer 2003) irritiert eine neue Form von Montagsdemonstrationen die Republik. Ausnahmsweise könnte es sein, daß die zeitliche Verspätung, mit der hierzulande angelsächsische Debatten Verbreitung finden, eine Konjunktion mit aktuellen politischen Ereignissen eingeht, die Theorie und Politik in einmaliger Weise herausfordert. Wer hätte noch inmitten von Antikriegs- und Anti-WTO-Demonstrationen gedacht, daß nur kurze Zeit später eine Arbeitsmarktreform Hunderte von Demonstranten auf die Straße bringen würde. Man könnte meinen, dies sei keine Zeit mehr für postmoderne Debatten. Endlich wäre die soziale Frage wieder ins Zentrum politischer Auseinandersetzung gerückt. Ist es also an der Zeit, den poststrukturalistischen Theoriewust beiseite zu legen, sich mitten ins Leben zu begeben und wieder altlinke Maximen hochzuhalten? Merkwürdigerweise entzündet sich diese Frage häufig gerade an feministischen Debatten.
Hier liegt nun in der Reihe der Hettner-Lectures ein Band vor, der uns mit Susan Hanson immerhin zum zweiten Male seit Bestehen eine Vertreterin der angelsächsischen feministischen Geographie vorstellt. Im Gegensatz zu Doreen Massey, die bereits 1998 zur Heidelberger Vortragsreihe eingeflogen wurde, handelt es sich bei Susan Hanson um eine feministische Wissenschaftlerin, die nur schwerlich unter poststrukturalistischen Theorieverdacht geraten kann. Gerade dies gibt den beiden schon etwas abgegriffenen Arbeitsmarktstudien, die in diesem jüngsten Band der Hettner-Lectures versammelt sind, eine unverhoffte zeitpolitische Relevanz. Das hat einerseits etwas Erfrischendes, hinterlässt aber auch ein merkwürdig beklemmendes Gefühl, wie es einen bei den wiederbelebten Montagsdemonstrationen ebenso befällt. Erfrischend wirken die beiden Texte, da sie ohne größeren theoretischen Ballast auskommen und sozusagen real existierende räumliche Diskriminierungsmuster abbilden. Was Montagsdemonstrationen und die Ergebnisse dieser Studien jedoch verbindet, ist das klaustrophobische Gefühl, das sich bei mangelnder Bewegungsfreiheit einstellt. Frauen und Ossis, so scheint es, bleiben irgendwie immer in den beschränkten Möglichkeiten des Lokalen hängen, woraus sich niedrigere Löhne, schlechtere soziale Absicherung und mangelhafte Karrierechancen erklären.
The Importance of Everyday Life
Der Schlüssel hierzu liegt in dem theoretischen Ausgangspunkt, der den beiden Studien von Hanson zugrundeliegt. Es handelt sich um das Konzept einer Geographie des Alltags, mit der im ersten Teil des Bandes die räumliche Segmentation weiblicher Arbeitsmärkte und im zweiten Teil weibliche Entrepreneure untersucht werden. So ist man nicht wenig erstaunt, wenn Hanson zur disziplinären Einbettung ihrer Geographie des Alltags weit zurückgreift und Christallers Hexagon und Hägerstrands Zeitgeographie hervorzaubert, jeglichen Verweis auf Michel de Certeau und konstruktivistische Theorieansätze aber unerwähnt läßt, die noch in ihrem 1995 gemeinsam mit Geraldine Pratt verfassten Hauptwerk zur räumlichen Struktur weiblicher Arbeitsmärkte (Hanson/Pratt 1995) einer zeitgemäßen Einordnung in die feministische Debatte dienten. Entsprechend erfährt man zu den kulturellen Bedingungen und den Machtasymmetrien, die unterschiedlichen geschlechtlichen Bewegungsmustern im Raum und auf dem Arbeitsmarkt zugrundeliegen, nichts. Stattdessen ist Hansons klassische Studie zur Arbeitsmarktstruktur in Worcester/Massachusetts eingebettet in eine Reflexion über eine Übersichtsuntersuchung aus dem Jahre 1971 zur räumlichen Mobilität von Haushalten in Uppsala, die offensichtlich noch voll und ganz der quantitativen Geographie verpflichtet war. Es gelingt Hanson jedoch, einen Bogen zu spannen von jenen Zeiten, da das Alltagsleben noch als zu trivial erschien, als daß man ihm eine wissenschaftliche Untersuchung hätte widmen können, zu ihrer Worcester-Studie und der jüngeren Arbeit über Entrepreneurship. Das verbindende Glied sind hier nicht etwa unterschiedliche Bedingungen, die es angebracht erscheinen lassen, das Alltagsleben - und insbesondere auch das Alltagsleben von Frauen - zur Erklärung räumlicher Strukturen in Betracht zu ziehen, sondern die faktische Kraft, mit der geschlechtsspezifische Bewegungsmuster im Raum dominante Kategoriensysteme aufsprengen.
So ist denn ein wesentlicher Befund der Worcester-Studie, daß entgegen gängiger Annahmen über lokale Arbeitsmärkte nicht der Beschäftigungsort den Wohnort bestimmt, sondern umgekehrt der Wohnort die entscheidende Determinante für den räumlichen Radius der Jobsuche darstellt, wobei - logischerweise - ausschließlich der Beschäftigungsort des Mannes ausschlaggebend ist, wenn potentielle Beschäftigungen überhaupt für die Wahl des Wohnortes in Betracht gezogen werden. Dies hat benachteiligende Auswirkungen für die Jobsuche von Frauen, insbesondere wenn sie Kinder im schulpflichtigen Alter haben, da sie immer noch die Hauptlast der häuslichen Reproduktionsarbeit tragen. Die Folge ist ein räumlich segmentierter Arbeitsmarkt, dem ein eingeschränkter Bewegungsradius für die Jobsuche von Frauen zugrundeliegt. Reproduziert wird dieses Raummuster durch die geschlechtsspezifischen sozialen Netzwerke der Jobsuche und Arbeitgeber in frauendominierten Beschäftigungen, die die Standorte ihrer Unternehmen entsprechend wählen, um Zugang zu dieser spezifischen Arbeitsmarktressource zu finden.
Die beschränkte Teilhabe von Frauen am kapitalistischen Produktionsprozeß ist somit von zweierlei bestimmt: der Beschäftigung des Mannes und der häuslichen Arbeitsteilung. Beides limitiert den Bewegungsspielraum des weiblichen Alltagslebens. Böse Mädchen, die einer Beschäftigung nachgehen wollen, kommen also noch längst nicht überall hin. Die Geographie des Alltagslebens ist demnach entscheidend für die Konstruktion spezifischer Frauenräume und die Entstehung unterschiedlicher Bedeutungen von Geschlecht.
Entrepreneurs Should be Male
Etwas mehr überrascht der Befund der Entrepreneursstudie, nach der die zunehmende Zahl von Unternehmen, die von Frauen gegründet werden, dem Umstand geschuldet ist, daß Frauen hierin eine Chance sehen, Beruf und Alltag besser miteinander in Einklang zu bringen. Auch hier prägt sich wieder die Spezifik weiblichen Alltagslebens durch, das die maskuline Konstruktion des Entrepreneurs als eines risikofreudigen, unabhängigen, kompetenten und innovativen Selfmademans aufsprengt. Vielmehr sind die Geschäftsfelder der Entrepreneurin nicht unbedingt innovativ im technologischen Sinne oder in Bezug auf die Gesamtheit des Branchenkontextes, wohl aber für die unmittelbare Nachbarschaft. Ihre Angebote befriedigen ein Bedürfnis der lokalen Gemeinschaft und stützen sich auf das Umfeld der Familie und des Haushalts. Bei der Motivation zur Unternehmensgründung ist weniger das generelle Bedürfnis nach Unabhängigkeit ausschlaggebend als der Wunsch nach einer größeren Flexibilität, die es erlaubt, Familie und Beruf besser miteinander zu verbinden.
Gemeinsam ist diesen Merkmalen wiederum die vorwiegend lokale Orientierung, die im Alltagsleben von Frauen begründet ist. Das mag zwar das in der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur vorherrschende Bild des Entrepreneurs relativieren, indem es ihm nicht nur eine "weibliche Form" gegenüberstellt und die Bedeutung nichtökonomischer Faktoren der Unternehmensgründung hervorhebt. Der Versuch von Entrepreneurinnen, die Grenze zwischen der auf Familie und Gemeinschaft orientierten Reproduktionsarbeit und der Berufsarbeit zu verflüssigen, bringt allerdings auch ökonomische Nachteile mit sich. So sind die Unternehmen von Frauen in der Regel auf die Bereiche Einzelhandel und Service konzentriert. Jenseits dieser Geschäftsfelder ist es für Frauen schwierig, finanzielle Unterstützung und Akzeptanz zu finden. Diese Unternehmen sind im Vergleich zu denjenigen männlicher Kollegen kleiner bezüglich Umsatz und Beschäftigtenzahl und bieten sozial weniger abgesicherte Anstellungen. Sie sind außerdem häufiger auf den lokalen Markt ausgerichtet und oft auch im eigenen Heim angesiedelt. Im Gegenzug scheint es Entrepreneurinnen jedoch zu gelingen, sich einen befriedigenden Arbeitsplatz zu schaffen, der ihrem Dasein als Mutter und Hausfrau Sinn verleiht und überdies das Geschäftliche mit einem Engagement für die lokale Gemeinschaft verbindet - so zumindest die Ergebnisse von Hanson.
Degendering Labor Geographies
Es ist ein großes Verdienst der beiden Texte, die überragende Relevanz der Geographie des Alltagslebens für die Entstehung und Reproduktion geschlechtsspezifischer Räume aufzuzeigen. Dies ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil es sich dabei um ein Phänomen handelt, dessen Bedeutung noch immer unterschätzt wird und dessen Struktur schwer zu erforschen ist. So ist es durchaus überraschend, daß der Geographie des Alltagslebens eine so entscheidende Bedeutung für die Strukturierung weiblicher Arbeitsmärkte zukommt. Dabei wird diese Geographie auf durchaus ambivalente Weise wirksam. Was im Falle der räumlich segmentierten Arbeitsmärkte als benachteiligendes Muster erlebt wird, erlebt eine positive Wendung, wenn genaue Ortskenntnis und der Zugang zu unterstützenden Netzwerken nicht nur neue Beschäftigungsmöglichkeiten eröffnen, sondern auch noch ein befriedigenderes Leben erlauben.
Allerdings - und hier mag sich das positive Bild etwas eintrüben - erfährt man mit dieser Methode wenig über die Gründe für den Umschlag der eingeschränkten Bewegungsfreiheit von einer Behinderung zu einer Welt voller neuer Chancen. Offensichtlich haben sich nämlich weder die Dominanz des männlichen Broterwerbs noch die häusliche Arbeitsteilung wesentlich verändert. Zu den bekannten "drei K", die die Reproduktionsarbeit von Frauen kennzeichnen, hat sich offenbar lediglich ein "B" wie Business hinzugesellt. Die ökonomische Abhängigkeit und Schlechterstellung von Frauen hat sich dabei ebenso wenig verändert wie ihr sozialer Status. Umgekehrt könnte man aber von einer Ökonomisierung der Reproduktionsarbeit sprechen, deren Bewertung im Sinne der alten Forderung der Frauenbewegung, Reproduktionsarbeit aufzuwerten und anzuerkennen (vgl. Mies/v. Werlhof/Bennholdt-Thomsen 1988), aber durchaus fragwürdig ist.
Es wäre allerdings auch zu kurz gegriffen, die verschwimmende Grenze zwischen Reproduktionsarbeit und Produktionsarbeit lediglich als Effekt einer neuerlichen Wendung des Kapitalismus zur Ökonomisierung des Körpers nach neoliberaler Maßgabe zu sehen (vgl. Mitchell/Marston/Katz 2003). Diese Perspektive reduziert die Ungleichheit der Geschlechter auf den klassischen Topos des Nebenwiderspruchs und ignoriert jene Machtasymmetrien, die darüber hinaus das Geschlechterverhältnis bestimmen. Diese kommen aber nur dann ans Licht, wenn man zum einen alltägliche Diskriminierungen von Frauen am Arbeitsplatz, die ihnen noch immer Karrierewege versperren, in die Analyse mit einbezieht (Marshall, 1995). Zum anderen ist es erforderlich, die totalisierende Erklärungskraft marxistischer Analysen in Frage zu stellen (Gibson-Graham 1996). Hier ist Hansons Geographie des Alltags besonders interessant, da sie auf stark abstrahierende Theorieansätze sowohl marxistischer als auch konstruktivistischer Provenienz verzichtet und dennoch die Beschränktheit und Partialität ökonomischer Begrifflichkeit aufzeigt. Gerade das Fehlen einer erklärenden Perspektive jenseits der diagnostizierten Raummuster des weiblichen Alltags macht Hansons Ansatz jedoch problematisch. Er geht nicht nur von einer unhinterfragten Faktizität weiblicher Bewegungsmuster im Raum aus, er reproduziert auch die Beklemmung, die sich bei der ausschließlichen Erklärung der Ungleichbehandlung von Frauen mit ihrer Funktion als Reproduktionsarbeiterinnen und - wenn man versucht, das Ganze positiv zu sehen - ihrer Professionalität bei allem, was mit Familie, Haushalt und Gemeinschaft zu tun hat, immer schon einstellte. Auch Männer machen sich schließlich ganz gut als Kloputzer, wenn es denn notwendig werden sollte. Und Putzfrauen als Ich-AG sind auch keine neue Erfindung mehr. Wenn die soziale Frage nach postmodernen Identitätsproblemen tatsächlich wieder auf den Tisch kommt, dann sollten wir zumindest aus vergangenen Debatten gelernt haben und das Haar in der Suppe erkennen. Gerade deshalb wäre es interessant gewesen, ein Interview mit Hanson über ihre Positionierung in der feministischen Debatte in den Band der Hettner-Lectures mit aufzunehmen. Mehr als die Vortragstexte waren es nämlich gerade diese Interviews der früheren Veröffentlichungen aus dieser Vortragsreihe, die die Hettner-Lectures zu mehr machten als zum Ausdruck des Bestrebens, "Big Spots" der englischsprachigen Geographie auch dem hiesigen Publikum nahezubringen. Literatur
Gebhardt, Hans, Paul Reuber, Günter Wolkersdorfer 2003: Kulturgeographie. Aktuelle Ansätze und Entwicklungen. Heidelberg, Berlin.
Gibson-Graham, Julie K. 1996: The End of Capitalism (as we knew it). Oxford.
Hanson, Susan, Geraldine Pratt 1995: Gender, Work, and Space. New York.
Marshall, Judi 1995: Women Managers Moving on. Exploring Career and Life Choices. London.
Mies, Maria, Claudia v. Werlhof, Veronika Bennholdt-Thomsen 1988: Frauen, die letzte Kolonie: zur Hausfrauisierung der Arbeit. Reinbek.
Mitchell, Katharyne, Sallie A. Marston, Cindi Katz 2003: Life's Work.
Geographies of Social Reproduction. Oxford.
Autorin: Sabine Motzenbäcker

Quelle: geographische revue, 6. Jahrgang, 2004, Heft 2, S. 86-90

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