Detlef Müller-Mahn: Fellachendörfer. Sozialgeographischer Wandel im ländlichen Ägypten. Stuttgart 2001 (Erdkundliches Wissen 127). 302 S.

Die Fallstudie nimmt ihren Ausgang bei der für die Entwicklungsgesellschaften des afrikanischen Kontinents allgemein zutreffenden Feststellung einer tendenziellen Verschlechterung der Lebens- und Überlebensbedingungen ihrer Bewohner im Vergleich der Jahre. In diesem Kontext stellt sich die Frage nach dem Handeln der von dieser Entwicklungstendenz betroffenen Subjekte. Den theoretischen Referenzrahmen zu ihrer Beantwortung definiert der Autor in Anlehnung an handlungs- und strukturationstheoretische Thesen von GIDDENS und WERLEN, gemäß derer der Raum und räumliche Strukturen die Funktion eines hermeneutischen Hilfsmittels zur Aufdeckung sozialer Zusammenhänge übernehmen.

Das Handeln der Subjekte reflektiert diese Strukturen, bezieht sich auf sie und verändert sie gegebenenfalls - so die strukturationstheoretische These. Sie besagt, dass dieses Handeln immer sowohl die internen Beweggründe wie Interessen, Werthaltungen, Prioritätensetzungen sowie auch den Rahmen der externen Zwänge und Vorgaben reflektiere. Die Studie will diese Hintergründe des Handelns in regionaler Differenzierung zwischen einem ehemaligen Beduinendorf, einem stark expandierenden Dorf und einer semiurbanen Siedlung offen legen und in der Wechselwirkung des Handelns mit räumlichen Strukturen interpretieren.
Die Analyse des empirischen Datenmaterials ist letztlich als eine überaus differenzierte Bestätigung der "Verflechtungsthese" zu betrachten. Es handelt sich um eine "moderne", internationalisierte Variante von Verflechtung. Und es wird eine moslemisch-arabische Variante dieser Verflechtung beschrieben, bei der der kulturell verankerte Zusammenhalt der Großfamilie eine Verflechtung der Produktionsweisen über die Haushaltsebene hinaus gewährleistet. Diese wie auch weitere Erkenntnisse der Studie sind entwicklungstheoretisch wie auch -politisch sehr interessant und bereichern die diesbezügliche Diskussion. Die Studie repräsentiert dagegen nicht eine dezidiert handlungs- oder strukturationstheoretische Interpretation. Sie beschreibt und analysiert das Handeln innerhalb eines politisch und ökonomisch vorgegebenen Handlungsspielraumes, im Rahmen dessen die Subjekte ihre durchgängig ökonomisch-materiell begründeten Entscheidungen im Kontext der politischen Machtzwänge treffen. Das Muster der auf dieses Handeln folgenden gewandelten "Weltinterpretationen" als Bestimmungsgröße eines Handelns im Sinne von "Strukturation" wird empirisch nicht nachgewiesen und lediglich phänomenologisch oder auf der Basis von Plausibilität erschlossen (z.B. Wandel der Bedeutung von Land; Stellenwert verwandtschaftlicher Kooperation etc.).
Ungeachtet dieser Einschränkung ist die Fallstudie sowohl dem informierten Fachpublikum wie dem "interessierten Laien" zu empfehlen. Sie ist sprachlich wie auch kartographisch hervorragend gestaltet. Die akribisch recherchierten und mit viel Sorgfalt und Einfühlungsvermögen dargestellten Einzelfälle, deren Aussagekraft mittels Zeichnungen sowie Photos untermauert wird, hinterlassen bei dem Leser ein plastisches Bild von dem Leben jener Menschen, um die es geht. Und auch entwicklungspolitisch wirkt die Studie bereichernd: Am Beispiel der in ihr zum Leben erweckten Subjekte wird deutlich, in welcher Weise auch wohl gemeinte Politiken zur Umverteilung von Ressourcen zugunsten der Armen doch immer wieder in einer Bereicherung für die Mittelschicht münden.    
Autorin: Sabine Tröger

Quelle: Erdkunde, 59. Jahrgang, 2005, Heft 1, S. 61

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