Boris Braun: Unternehmen zwischen ökologischen und ökonomischen Zielen. Konzepte, Akteure und Chancen des industriellen Umweltmanagements aus wirtschaftsgeographischer Sicht. Münster, Hamburg, London 2003 (Wirtschaftsgeographie 25). 342 S.

Mit seiner Habilitationsschrift legt BORIS BRAUN nicht nur für den deutschsprachigen Raum die erste umfassendere Arbeit vor, die sich aus explizit wirtschaftsgeographischer Perspektive mit Fragen des betrieblichen Umweltschutzes und des damit zusammenhängenden industriellen Wandels beschäftigt. Angesichts der wachsenden Bedeutung  nachhaltigkeitsorientierter Politikstrategien und damit einhergehender  umweltschutzbezogener Anpassungs- und Innovationsprozesse im Wirtschaftsgeschehen stellen sich der Wirtschaftsgeographie eine Reihe drängender Fragen, die nicht nur
wissenschaftlich reizvoll, sondern auch unmittelbar gesellschaftsrelevant und zukunftsprägend sind.

Die Arbeit setzt im Spannungsfeld Ökonomie / Ökologie an, d.h. zwischen der vielfach unterstellten Unvereinbarkeit von wirtschaftlichem Erfolg und umweltschutzbezogenen Ausgaben einerseits (Konfliktthese) sowie andererseits der ökonomischen Rentabilität vorausschauender Umweltschutzinvestitionen (Harmoniethese). Am Beispiel des Einsatzes betrieblicher Umweltmanagementsysteme in der deutschen und britischen Industrie untersucht BRAUN bisherige Problemlösungsansätze und geht der zentralen Frage nach, "inwieweit Umweltschutzaktivitäten und wirtschaftlicher Erfolg vereinbar sind" (S. 6). Dabei verknüpft er die einzelbetriebliche Perspektive der Fallstudie (s.u.) mit der Relevanz der Ergebnisse für übergeordnete Politikebenen.
Nach einer kritischen Bestandsaufnahme des bisherigen Umgangs mit der Umweltthematik in der Wirtschafts- und Industriegeographie, der Darlegung seiner Grundperspektiven sowie der Klärung zentraler Begriffe (Kap. 2) widmet sich der Autor in den Kapiteln 3 bis 5 den konzeptionellen Grundlagen seiner Studie. Ein wichtiges Verdienst der Arbeit ist hierbei, dass BRAUN gängige Erklärungsansätze aus den Sozialwissenschaften (hier: ökologische Kommunikation/Systemtheorie), Ökonomie (hier: neoklassisch-effizienzorientierte Ansätze) sowie ganzheitlichere Perspektiven (etwa: Ökologische Ökonomie, Humanökologie, Politische Ökologie) nicht nur gelungen resümiert, sondern die jeweiligen Erklärungsmuster sinnvoll miteinander verknüpft und so Elemente für seinen allgemeinen Analyserahmen ableitet. Für die Makro- und Meso-Ebene vorliegende Theorieansätze und empirische Befunde werden im Weiteren vertiefend aufgearbeitet (Kap. 4), wobei Möglichkeiten der Vereinbarkeit ökonomischer und ökologischer Ziele aufgezeigt werden, wenngleich die tatsächliche Reichweite regionaler und nationaler Umweltpolitik angesichts mangelnder Daten nur unzureichend bewertet werden kann. Dabei wird deutlich, dass vor allem der unternehmerischen Entscheidungsebene eine besondere Bedeutung zukommt, weshalb das Hauptaugenmerk im Folgenden auf mikroskaligen Konzepten und Befunden liegt. Aus den ermittelten Defiziten und Operationalisierungsproblemen leitet BRAUN einen "konzeptionellen Rahmen für eine mikroanalytisch orientierte wirtschaftsgeographische Umweltforschung" ab (S. 141). Die hieraus resultierenden Arbeitshypothesen führen die konzeptionellen Vorüberlegungen zu einzelunternehmerischem Verhalten, überbetrieblicher Kooperation und regionalpolitischer Förderung schlüssig zusammen und stellen ein angemessenes Raster für die eigene empirische Arbeit dar.
Kapitel 6 erklärt den Zuschnitt und die Funktionsweise betrieblicher Umweltmanagementsysteme und Umweltaudits. Ihre Implementierung und Diffusion in Deutschland und Großbritannien wird dabei aus innovatorischer Sicht beleuchtet, die zugrunde liegenden Motive und unternehmerischen Strategien auf der Basis vorliegender Studien erörtert. Die weiteren Ausführungen stützen sich auf qualitativ und quantitativ gewonnene Primärdatensätze, deren Erhebung und weitere Bearbeitung transparent dargelegt und kritisch bewertet wird. Die Kombination unterschiedlicher Methoden sowie die bewussten Perspektivwechsel (z.B. durch Bevölkerungsbefragung an einem bedeutenden Industriestandort) erscheinen ebenso zweckdienlich wie gegenstandsangemessen. Die Identifizierung unterschiedlicher Erfolgsfaktoren für das betriebliche Umweltmanagement zeigt Spielräume und Grenzen unternehmerischer Handlungsmöglichkeiten auf, unterstreicht aber auch die nur begrenzt mögliche Modellierbarkeit des Zusammenspiels unterschiedlicher Faktoren - spielen doch betriebsspezifische "windows of environmental opportunity" eine nicht zu unterschätzende Rolle (S. 244 f.). Ein Matched pairs-Vergleich zwischen "Normalunternehmen" und "ökologischen Pionierunternehmen" (Kap. 7.5) ergänzt die Analyse der Erfolgsfaktoren. Er belegt zwar einerseits den Zusammenhang zwischen Umweltschutzaktivitäten und wirtschaftlichem Erfolg, lässt aber andererseits keine verlässlichen Aussagen über die "Richtung" der Kausalitätsbeziehungen zu. Hier - so der Autor selbstkritisch - könnten nur Längsschnittstudien weiterhelfen, die für diese vergleichsweise junge Fragestellung bisher nicht vorliegen.
Der in Kapitel 8 folgende Ländervergleich zwischen der Situation in Deutschland und in Großbritannien verfolgt insbesondere das Ziel, den Einfluss nationaler Rahmenbedingungen einzuschätzen (Makroebene, s.o.). Trotz vieler Gemeinsamkeiten im Umweltschutzverhalten der Unternehmen beider Länder lassen sich dennoch jeweilige Stärken herausarbeiten, etwa die intensivere Vernetzung britischer Unternehmen oder der größere Einfluss der Belegschaft in deutschen Firmen. Die anschließende Schlussbetrachtung (Kap. 9) greift die aufgeworfenen Leitfragen konsequent auf und liefert differenzierte Antworten, die zugleich weiteren Forschungsbedarf aufzeigen. Ein Anhang mit hilfreichen Anmerkungen zu den verwendeten Datensätzen und den eingesetzten Signifikanztests rundet die Studie ab.
Die Arbeit ist insgesamt klar strukturiert, die Argumentationsführung zu den Leitfragenkomplexen ist nachvollziehbar und konsistent. Die (Praxis-)Relevanz der behandelten Fragestellungen, ihre Einbettung in übergeordnete Problemzusammenhänge sowie die methodische Vielfalt sind überzeugend. Zudem machen stilistische und formale Eleganz die Arbeit zu einer anregenden Lektüre - nicht nur für umweltinteressierte Wirtschaftsgeographinnen und Wirtschaftsgeographen.
Autor: Christian Schulz

Quelle: Erdkunde, 59. Jahrgang, 2005, Heft 1, S. 71-72



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