C.J.W.-L. Wee (HG.): Local cultures and the "New Asia". The state, culture and capitalism in Southeast Asia. Singapore 2002. 255 S.

Der Aufstieg nichtwestlicher Länder zu marktwirtschaftlich-kapitalistischen, weltmarktorientierten Industriestaaten - zuerst Japan, gefolgt von inzwischen zwei Tigerstaatengenerationen, denen nun China hart auf den Fersen ist - hat manche festgefügte Lehrmeinung erschüttert.

Widerlegt wurde der dependenztheoretische Glaubenssatz, Entwicklung sei nur durch Dissoziation vom westlich dominierten Weltmarkt möglich. Allerdings verträgt sich auch der unterschiedlich ausgeprägte, aber für den ökonomischen Erfolg der asiatischen newly industrialized countries nicht zu unterschätzende Staatsdirigismus kaum mit marktradikalen oder neoliberalen Lehrbuchweisheiten. Schließlich ist auch die Kernthese der klassischen Modernisierungstheorien, das westlich-europäische Paradigma werde sich - zwar regional unterschiedlich rasch, aber letztlich unweigerlich - weltweit verbreiten, in Frage gestellt. Plausibler ist die Annahme einer "Vielfalt der Moderne" (Shmuel N. Eisenstadt), die sich durch kulturspezifische "Einbettungen" oder Modifikationen universaler Prozesse auszeichnet.
Hier setzt der vorliegende, aus einem gesellschaftswissenschaftlich ausgerichteten Workshop hervorgegangene Sammelband an, der sich regional auf Thailand, Indonesien, Malaysia, Singapur und die Philippinen konzentriert. Die Philippinen sind für vergleichende Betrachtungen deshalb interessant, weil sie den Sprung in die Liga der Tigerstaaten bisher noch nicht geschafft haben. Edilberto C. de Jesus macht dafür - darin einer These Benedict Andersons von der "cacique democracy" folgend - den vom spanischen Kolonialerbe geprägten "schwachen" Staat verantwortlich. Insgesamt leidet die Publikation unter der sammelbandtypischen Schwierigkeit, für inhaltlich und methodisch sehr heterogene Beiträge den verbindenden roten Faden zu finden. Zu vage, aber auch zu divergierend bleiben zudem die zugrunde liegenden Kulturkonzepte, so dass der im Titel angesprochene Zusammenhang von Staat, (lokaler) Kultur und Kapitalismus, abgesehen von anregenden Beiträgen zu Einzelaspekten (z.B. zur Rolle von Ethnizität in Singapur und Malaysia oder zur kulturellen Aneignung des klassischen Tempeltanzes als Distinktionsmerkmal einer neuen thailändischen Mittelschicht), letztlich nicht systematisch entfaltet wird. Erfreulich ist immerhin, dass das Thema kultureller Spezifika nicht auf den regionalen Diskurs um "asiatische Werte" reduziert wird, in dem vielfach nur die Abwehrreflexe autoritärer Regime gegen bürgerrechtliche Zumutungen zum Ausdruck kommen.
Autor: Helmut Schneider

Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg. 49 (2005) Heft 1, S. 62-63

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