Brigitta Hauser-Schäublin, Michael Dickhardt (Hg.): Kulturelle Räume - räumliche Kultur. Zur Neubestimmung des Verhältnisses zweier fundamentaler Kategorien menschlicher Praxis. Münster u.a. 2003 (Göttinger Studien zur Ethnologie, Band 10). 280 S.

Zum Verhältnis der Kategorien Raum und Kultur - beide zählen zum theoretischen Kernbestand sowohl der Geographie wie auch der Ethnologie - ist ein widersprüchlicher Befund zu konstatieren: Während in den genannten Disziplinen der lange als isomorph gedachte und vielfach nicht weiter problematisierte Zusammenhang von Raum und Kultur zunehmend fragwürdig geworden ist, sind auf der politischen Bühne Revitalisierungen längst überwunden geglaubter Kulturkreislehren, am prägnantesten wohl in Huntingtons Kulturkampfszenario formuliert, zu beobachten.

Ihr relativer Erfolg zeigt, wie tief Vorstellungen von räumlich eindeutig verortbaren Kulturen - obwohl oder gerade weil die erfahrbare Wirklichkeit solchen Vorstellungen immer weniger entspricht? - in den Köpfen verankert sind und wie leicht sich solche Ideologeme für durchsichtige politische Zwecke instrumentalisieren lassen.
Sowohl das verbreitete Bedürfnis, die Komplexität einer unübersichtlichen Welt durch die (teilweise auch gewaltsame) Herstellung kultureller und räumlicher "Eindeutigkeiten" zu reduzieren, als auch die Erkenntnis, dass überkommene Raum- und Kulturkonzepte im Zeitalter der Globalisierung an Erklärungskraft verloren haben, bieten genügend Grund für das Bemühen, das prekär gewordene Verhältnis der beiden "fundamentalen Kategorien menschlicher Praxis" neu zu fassen. Mit dem vorliegenden Sammelband wollen die Herausgeber aus ethnologischer Perspektive erste Schritte in diese Richtung unternehmen. Ziel ist es, die Rolle von Räumlichkeit für soziokulturelle Prozesse genauer zu bestimmen und anhand ausgewählter empirischer Beispiele den Erklärungswert der so gewonnenen theoretischen Perspektive zu prüfen. Vorgestellt werden Fallstudien aus Fiji, Kiribati, Süd-Sulawesi, Bali, Neuguinea sowie aus der indischen Stadt Mandi.
Da in der Ethnologie der Zusammenhang zwischen Raum, Kultur und Gesellschaft "während langer Zeit theoretisch kaum angemessen thematisiert" worden sei (17), werden theoretische Anknüpfungspunkte anderweitig gesucht und gefunden: In der Kulturphilosophie (Cassirer), in der Soziologie (Giddens) und vor allem in der handlungstheoretischen Sozialgeographie Benno Werlens. Dieser hat zu dem Band auch eine knappe, anregende Erörterung über "Kulturelle Räumlichkeit" beigesteuert. Zentral für dieses Konzept ist die Auffassung, dass der handlungsrelevante Bezug auf die physisch-materielle Welt inklusive ihrer räumlichen Aspekte immer nur an kulturell zugeschriebenen Bedeutungen ansetzt, die uns in verdinglichter Form als Eigenschaften der materiellen Objekte erscheinen. Räumlichkeit ist nach diesem Verständnis ein symbolisches Medium des Handelns, mit dem z.B. machtvermittelte Ordnungen zur Kontrolle von Menschen und Ressourcen durchgesetzt werden können. Die Herausgeber setzen sich in ihrem konzeptionellen Beitrag kritisch mit der Tradition ethnologischer Dorfstudien auseinander, die schon von ihrer methodischen Anlage her der Auffassung von Kulturen als ortsgebundenen Einheiten Vorschub geleistet hätten. Ihr eigener Ansatz, Räumlichkeit als kulturspezifische symbolische Ausprägung einer "allgemeinen Raumform" mit den Momenten Ausdehnung, Annäherbarkeit, Distanzierbarkeit und Positionierbarkeit aufzufassen, soll Möglichkeiten für empirische, auch kulturvergleichende Zugänge eröffnen, ohne die Besonderheit des Einzelfalls auf dem Altar der Verallgemeinerung zu opfern. Es sind zumindest Zweifel anzumelden, ob dies für die vorgestellten Fallstudien durchgehend eingelöst werden konnte. Auch ob das empirische Material durch den ambitionierten theoretischen Zugang erklärungskräftiger erschlossen werden kann, bleibt fraglich. Ungelöst bleibt schließlich die generell mit einem handlungstheoretischen Zugang verbundene Problematik, subjektives Handeln mit strukturellen Gegebenheiten zu vermitteln. Es liegt sozusagen in der Natur der Sache, dass die zu Strukturen geronnenen früheren Handlungen den Akteuren als scheinbar objektive Macht gegenübertreten. Für die Entschlüsselung der Dialektik von Handeln und Struktur im je spezifischen kulturellen Kontext könnte die Theorie des "kulturellen Gedächtnisses" hilfreich sein, um deren Ausformulierung sich insbesondere der Ägyptologe Jan Assmann verdient gemacht hat und die bisher zumindest in der Kulturgeographie noch wenig Beachtung gefunden hat. Herausgeber und Autoren des vorgelegten Sammelbandes liefern aus ethnologischer Perspektive sowohl mit den konzeptionellen Beiträgen wie auch den empirischen Fallstudien einen wichtigen Diskussionsanstoß zur Neubestimmung des für das Fachverständnis der Ethnologie wie auch der (Kultur)Geographie zentralen Verhältnisses von Raum und Kultur. Sie bieten zugleich auch zahlreiche Anknüpfungspunkte für einen fruchtbaren interdisziplinären Diskurs.
Autor: Helmut Schneider

Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg. 49 (2005) Heft 2, S. 123-124

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