Elmar Kulke: Wirtschaftsgeographie. Paderborn 2004. (UTB Mittlere Reihe: Grundriss Allgemeine Geographie, UTB Band 2434). 288 S.

Wenn für einen Themenbereich der Geographie in relativ kurzem Zeitabstand gleich mehrere neue Lehrbücher erscheinen, wie im vorliegenden Fall (kurz nach dem Lehrbuch von Bathelt/Glückler sowie z.B. den fortlaufenden Neuausgaben des dreibändigen Klassikers von Schätzl), kann dies als Indiz für die substanzielle Weiterentwicklung oder den anregenden fachideologischen Disput in dieser Disziplin gelten. Der Autor des rezensierten Buches fordert zwar nicht wie Bathelt/Glückler explizit bisherige Sichtweisen der Wirtschaftsgeographie heraus. Doch versucht er mit pragmatischer Perspektive Aspekte des lange dominierenden raumwirtschaftlichen Ansatzes (Abfolge von Theorie, Empirie, Politik) mit neueren relationalen Verständnisweisen - Akteure als Gestalter räumlicher Strukturen und Prozesse - zu verbinden und konsolidiert damit den modernen Trend.

Auf einzelwirtschaftlicher Ebene werden raumbezogene Implikationen von Sektoren, Branchen sowie Verhaltensweisen einzelner Akteursgruppen erläutert; auf gesamtwirtschaftlicher Ebene werden verschiedene räumliche Maßstabs- bzw. Prozessebenen betrachtet. Das Buch sucht seine Nische, indem es als Neueinsteiger-Lehrbuch mit viel erläuterndem Material konzipiert ist, ergänzend zu raumwirtschaftlichen auch systemische Zusammenhänge anspricht sowie dem Dienstleistungssektor besonders großen Raum widmet, gestützt auf umfassende Forschungserfahrungen des Autors.
Das erste Kapitel zur einzelwirtschaftlichen Betrachtungsebene stellt zunächst wesentliche Grundbausteine der Wirtschaft im Raum vor (u.a. Sektoren; Produktionsfaktoren; Akteursgruppen; Verhaltensrelevanz von Standortfaktoren, Verflechtungen, Nachfrageparametern, politischen Leitbildern). Diese werden dann bezogen auf die drei Wirtschaftssektoren spezifiziert und mit entsprechenden raumbezogenen Theorieansätzen sowie empirischen Beispielen verbunden. Ähnlich erläutern die Kapitel zur gesamtwirtschaftlichen Ebene zuerst generelle Indikatoren und Aspekte räumlicher Dynamik, vor allem die Entstehung von Disparitäten. Dann werden Spezifika der internationalen Interaktion sowie national-regionaler Entwicklungsprozesse aufgezeigt. Somit behandelt das Buch einerseits den üblichen Kanon wirtschaftsgeographischer Basisthemen, reichert ihn aber andererseits um einige bislang wenig beachtete Aussagedimensionen an (z.B. Konsumentenverhalten, neuere Theorieansätze zur statischen und dynamischen Räumlichkeit von Dienstleistungen, umweltökonomische Indikatoren). Da viele Aspekte nur knapp angesprochen werden können, liefern Literaturhinweise Hilfen zur vertieften Lektüre. Insgesamt bietet das Buch einen guten Überblick über das, was Studierende der Wirtschaftsgeographie an Grundlagenwissen erwerben sollten; allerdings auch kaum mehr. Zusammenhänge sind einfach und anschaulich dargelegt. Positiv fällt auf, dass viele Begriffsfelder eingehend erläutert werden, deren Verständnis von anderen Lehrbüchern teils zu selbstverständlich vorausgesetzt wird. Zahlreiche Grafiken und Illustrationen lassen sich gut für die universitäre Lehre verwenden. Jedoch zeugen teils unkorrekte Jahres- und Quellenangaben leider vom zu achtlosen Umgang mit manchen Literaturquellen und trüben etwas den ansonsten guten Gesamteindruck.
Autorin: Martina Fromhold-Eisebith

Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg. 49 (2005) Heft 3/4, S. 255

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