Melanie Tatur (Hg.): The making of regions in post-socialist Europe - the impact of culture, economic structure and institutions. Case studies from Poland, Hungary, Romania and Ukraine. Wiesbaden 2004. Bd. 1 343 S., Bd. 2 416 S.

Melanie Tatur, Sozial- und Politikwissenschaftlerin an der Universität Frankfurt und als kompetente Osteuropa-Wissenschaftlerin ausgewiesen, legt mit diesem zweibändigen Werk die Ergebnisse eines Forschungsprojektes vor, das es sich in einem Netzwerk west- und osteuropäischer Wissenschaftler/innen zur Aufgabe machte, in einzelnen Fallstudien den Prozess der Regionsentwicklung (nicht unbedingt gleichzusetzen mit Regionalentwicklung) während der Transformationsphase der neunziger Jahre zu analysieren.

Während insbesondere für die Nachfolgestaaten der Sowjetunion und Jugoslawiens sonst meist die Entstehung von Staatsnationen beleuchtet wurde, wird hier bewusst die nächstniedrigere räumliche Ebene betrachtet, um soziale und politische Prozesse innerhalb von Staaten aus einer vergleichenden Perspektive zu untersuchen. Damit soll der hohen regionalen Diversität Rechnung getragen werden, die vor allem unter sozialistischem Vorzeichen hinter der Allmacht des Systems versteckt und damit im Westen unbeachtet geblieben war. Von den elf umfangreichen Kapiteln der beiden Bände führen die einführende Begründung des Forschungsvorhabens und der abschließende Vergleich auf eine abstrakte Ebene, während die übrigen Kapitel die Beispielregionen vorstellen.
Die Einführung (Melanie Tatur) holt weit aus, um sowohl dem aus der Transformationsforschung entlehnten Forschungsansatz als auch dem Regionsbegriff Rechnung zu tragen. Dabei wird auf die Bedeutung der historischen Entwicklung ebenso wie auf die Pfadabhängigkeit der Transformation verwiesen, die institutionelle Seite ebenso wie die der Akteure angesprochen. Auch eine Problematik des Forschungsvorhabens wird nicht verschwiegen: Die Autoren konzentrierten sich jeweils auf ihre spezifische Fallstudie; die Einheitlichkeit des Analyserasters konnte nicht verhindern, dass der jeweils regionale Blick den Vergleich und die Abstraktion zurücktreten ließen. Der Vergleich der Transformationspfade und der gesetzlichen Rahmenbedingungen für die lokale und regionale Entwicklungspolitik in Polen und Ungarn (Melanie Tatur, Andrzej Bukowski) vermittelt Einblicke in die Verwaltungsreformen und die Entstehung neuer Institutionen, die auch für eine geographische Analyse unabdingbar sind. Am Beispiel Kleinpolens (Malopolska) zeigt Andrzej Bukowski, welche Bedeutung historische Entwicklungen seit dem 15. Jahrhundert für die Identitätsbildung innerhalb einer Region besaßen. Die auf dieser Basis vorgenommene sozioökonomische Analyse der Region lässt auch in den Worten der Gesprächspartner bei Tiefeninterviews des Autors die Erklärung für neu entstehende regionale Identität in der Geschichte verankert sein. Das daraus erwachsende Handeln der Akteure bezieht die regionale ebenso wie die gesamtstaatliche Ebene ein, weil sich Kraków immer in der Konkurrenz mit Warszawa sehen muss, andererseits die historische Tradition einer regionalen Autonomie in Polen nicht vergessen hat. Die Region Hajdú-Bihar (Melanie Tatur) möchte als ungarisches Beispiel die frühen Ansätze zur Überwindung des sozialistischen Systems reflektieren. Hier wird auf der Ebene der Akteure die Bedeutung klientelistischer Strukturen sichtbar, die nicht von vornherein als negativ abgelehnt werden dürfen, sondern zur Institutionalisierung von Elitenetzwerken beitragen. Am Beispiel des Oberschlesischen Kohle- und Stahlrevier geht Adrian Cybula vor dem Hintergrund der polnischen Verwaltungsreform der Frage nach Homogenität und Diversität nach: Erscheint die Region zunächst sehr einheitlich hinsichtlich ihrer traditionellen Wirtschaftsstruktur, so tritt doch nach der polnischen Verwaltungsreform die Diversität überall dort hervor, wo die Randgebiete mit Nachbarregionen vernetzt sind. Für die kulturelle Dimension kann wieder die historische Entwicklung die wesentlichen Begründungen liefern, wie die Analyse der zahlreichen unterschiedlichen Abgrenzungen zeigt. Für die Transformationsphase bis 1997 werden die Kleinkammerung der damaligen Woewodschaften und die anhaltende Reglementierung durch die Zentralregierung zum Hindernis für eine Regionalentwicklung. Die anschließende Verwaltungsreform, die zur heutigen Regionalisierung führte, schuf große und heterogene Raumgebilde, behinderte aber nicht die Entwicklung eines regionalen Identitätsbewusstseins, das nicht mehr ausschließlich auf der (im Rückgang befindlichen) Schwerindustrie beruht.
Für Rumänien stellt Enikö Baga die Region um Timisoara aus der Perspektive der Öffnung nach Westen dar. Zwar waren für Rumänien die Konsequenzen des politischen Umbruchs und der beginnenden Transformation zunächst weitgehend negativ, doch profitierte Timisoara aufgrund der räumlichen und kulturellen Nähe zu Ungarn; die mit den Donauschwaben verbundene Tradition des Banats wurde zum Anker für die Entwicklung eines regionalen Identitätsgefühls und zur Basis einer auf lokalen Eliten aufbauenden Verwaltung; zugleich hatte der Zusammenbruch des sozialistischen Staatsverbunds die Öffnung der Grenzen nach Ungarn ermöglicht, was sich für Timisoara als wirtschaftlicher Standortvorteil erwies und zum ökonomischen Wachstum beitrug - allerdings mit wachsenden Disparitäten zwischen Stadt und Umland. Während Polen und Ungarn mittlerweile Mitglieder der Europäischen Union sind und Rumänien auf eine Mitgliedschaft ab 2007 hofft, gab es in der Ukraine erst nach den Präsidentschaftswahlen von 2004 eine forcierte Öffnung nach dem Westen. Die Untersuchung zur Entstehung eines "gefangenen Staates" (Claudia ? Sabic? und Kerstin Zimmer) musste noch andere politische Rahmenbedingungen berücksichtigen, die in den postsowjetischen Kontext gehören. Dies zeigt sich sowohl in den Verwaltungsstrukturen als auch beim regionalen Finanzausgleich. Die beiden für Fallstudien ausgewählten Regionen L'viv und Doneck werden als Gegensätze vorgestellt, die die Spannweite ethnisch-kultureller und politischer Gegebenheiten im Land abbilden. Für das Verwaltungsgebiet L'viv kann Claudia ? Sabic ? eine deutliche Orientierung zu den europäischen Nachbarstaaten und -regionen identifizieren, die am Beispiel der Erinnerungskultur wiederum auf die Prägekraft der Geschichte verweist. Die Handlungsweise der wichtigsten Akteure reicht von Nationalisten und Anhängern eines autoritären Regimes bis zu Anhängern der Zivilgesellschaft und - vor dem politischen Umschwung - marginalisierten Modernisierern. Dies erschwert die Entwicklung einer sich eigenständig empfindenden Region. Das Fehlen einheitlicher Konzeptionen und die ungünstigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen fördern eine Fragmentierung der Gesellschaft. Im Donbass (Kerstin Zimmer) wiegt das Erbe der Sowjetzeit noch stärker, nicht nur wegen der Dominanz von russischer Sprache und Bevölkerung. Die seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert aufgebaute Schwerindustrie ist veraltet und hochgradig unrentabel, die Infrastruktur unzureichend, und neue staatliche Investitionen bleiben aus. Ein Regionalbewusstsein entwickelt sich nur zurückhaltend und dann vor allem mit Blick auf das benachbarte Russland. Die Akteursanalyse zeigt das noch immer bestehende Übergewicht der Verwaltungschefs, die den Handlungsrahmen vorgeben; sie bestimmen als Erben des Sowjetsystems die Parteipolitik ebenso wie das industrielle Betriebsmanagement, während neue Kräfte wie Nichtregierungsorganisationen nur schwer Fuß fassen können. Das Donbass blieb damit in den postsowjetischen Strukturen gefangen. Der knappe Vergleich (Claudia ? Sabic?und Kerstin Zimmer) kann daher vor allem auf die höchst unterschiedlichen historischen Traditionen abheben. In einer zusammenfassenden Interpretation (Melanie Tatur) wird auf die Bedeutung historisch akkumulierter kultureller Ressourcen als Bestimmungsgrund für die Entwicklung von Handlungsmustern abgehoben. Deutlich werden die unterschiedlichen Transformationspfade, die sich im gesetzlichen Rahmen der Transformation und bei den verschiedenen Akteursgruppen zeigen. Der sozioökonomische Rahmen erwies sich eher hinderlich für die Regionalentwicklung, weil die Hauptstädte in höherem Maße von der Transformation profitierten. Für die Eliten in den Regionen wurde der Rekurs auf die Geschichte zur bedeutsamen Strategie für die Entwicklung symbolischer Ressourcen.
Beide Bände sind einer sozial- und politikwissenschaftlichen Perspektive verpflichtet, die auch für den geographischen Leser von Interesse ist. Gleichwohl sind einige wenige kritische Bemerkungen zu machen. Zweifellos hätte in der Literaturauswahl zum Regionsbegriff mehr geographisches Schrifttum auch für die Konzeption der Fallstudien und der Vergleiche berücksichtigt werden können, um den theoretischen Rahmen zu festigen. Andererseits bietet die gelungene Einbeziehung qualitativer Verfahren der Sozialwissenschaft methodische Impulse für die geographische Forschung. Zwar entfernen sich die Einzelstudien von dem, was gemeinhin in geographischen Analysen üblich ist, doch erweist sich diese Ausweitung als sehr positiv. Auch konnte die Untersuchung, die vor dem EU-Beitritt Polens und Ungarns angefertigt wurde, nur bedingt diese neuen politischen Rahmenbedingungen antizipieren. Man vermisst einen stärkeren Ausblick auf die Implikationen des EU-Beitritts. In höherem Maße als geschehen hätten aussagekräftige Karten die Anschaulichkeit erhöhen können. Nur im Falle der Region um Timisoara werden die spezifischen Fragen der Euroregionen angesprochen; es wäre sinnvoll gewesen, eine tatsächlich grenzübergreifende Region in die Analyse einzubeziehen, um abzuklären, in welchem Maß nationalstaatliche Entwicklung heute noch gegenüber der Regionalentwicklung überwiegt. Diese Überlegungen sollen aber das Verdienst der gewichtigen Untersuchung nicht schmälern. Sowohl aus regionalgeographischer als auch aus methodischer Sicht sei die Lektüre der beiden Bände als wichtige Ergänzung der Transformationsforschung empfohlen.
Autor: Jörg Stadelbauer

Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg. 49 (2005) Heft 3/4, S. 257-259

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