Gerald Braun, Christoph Diensberg (Hg.): Entrepreneurship im Ostseeraum: Unternehmertum als Motor von Wachstum und Integration. Berlin 2002. 283 S.

Mit der Erweiterung der Europäischen Union im Jahr 2004 sind im Ostseeraum neue Voraussetzungen für die regionale Zusammenarbeit der Anrainerstaaten entstanden. Dabei hängt die wirtschaftliche Integration in der Ostseeregion in hohem Maße von der Förderung und Entwicklung unternehmerischer Aktivitäten (entrepreneurship) ab. Eine besondere Rolle spielt dabei der grenzüberschreitende Erfahrungsaustausch. Es ist die Intention des vorliegenden Sammelbandes, einen Beitrag zur Förderung des Unternehmertums durch Lern-Austausch-Prozesse zu leisten. Der Einleitung der Herausgeber Braun und Diensberg folgen theoretische Beiträge zur Entrepreneurship-Forschung und zur wirtschaftlichen Integration und Transformationsproblematik (Preisendörfer, Bögenhold, Wrobel, Löhnig). Länderspezifische Eindrücke der Entrepreneurship-Entwicklung vermitteln die Beiträge von Sternberg, Braun et al., Johannisson et al., Blenker et al., Kyrö, Sepp et al., Prunskiene, Schatrowa und Matusiak.
Der Leitgedanke, mittels eines dynamischen lern- und austauschorientierten Unternehmertums seien das Wachstum und darüber hinaus auch die Integration der Ostseeregion zu erwarten, weckt gewisse Zweifel (Braun et al., 7). Zwar ist die Ostseeregion "organischer Bestandteil der europäischen Kultur und der historischen Gemeinschaft Europas" (Wrobel, 61), das gesamte politisch-wirtschaftliche Ordnungssystem aber unterliegt einem evolutionären Wandel. Dies trifft insbesondere auf die Reformstaaten wie etwa Polen und die baltischen Republiken zu. Die Besonderheit und zugleich die Herausforderung dieser Länder besteht in der "doppelten Transformationsproblematik", da die Eingliederung in die Europäische Union parallel zum Transformationsprozess und zur Implementierung marktwirtschaftlicher Strukturen verläuft (ebd., 49). Darüber hinaus sind erhebliche Mängel bei der Anpassung der neuen Strukturen an den institutionellen und regulativen Rahmen der EU festzustellen. Auch die Entwicklung von entrepreneurship sieht sich mit erheblichen Hemmnissen konfrontiert, unter anderem fehlt es an einer komplementären staatlichen Unternehmenspolitik, es ist eine erhebliche Wettbewerbs- und Innovationsschwäche zu verzeichnen, die Förderung der Unternehmenskultur ist unzureichend und Privatisierungsverfahren verlaufen schleppend (vgl. Beiträge 11-12, 14).
Die vorliegenden Beiträge vermitteln einen Eindruck davon, wie unterschiedlich der Stellenwert beispielsweise der Unternehmens- und Innovationskultur als Wachstumsträger im Untersuchungsraum ist. Auf der einen Seite gibt es das skandinavische entrepreneurship mit überragender Dynamik und Innovation. Das prägnanteste Beispiel ist der schwedische, stark wettbewerbsorientierte Unternehmenssektor. Dort setzt die betriebliche Praxis auf Wachstum und Förderung des unternehmerischen Bewusstseins durch interaktives Lernen in sogenannten competence blocs (vgl. Johannisson et al., 160). Ein anderes Beispiel bietet Dänemark, wo Lern-Austausch-Prozesse in Forscherparks oder Innovationszentren organisiert werden (vgl. Blenker et al., 185). Diesen Entwicklungen stehen wenig innovative und somit konkurrenzschwache Unternehmensgründungen der transformierten Ökonomien gegenüber. Berechtigt sind ebenfalls Zweifel, ob ein "grenzüberschreitendes, raumintegrierende Handeln wettbewerblicher Kooperation" (Braun et al., 8) im Ostseeraum die Dichotomie zwischen West und Ost verringern wird. Denn zunehmende Kooperation in dieser Region geht mit zunehmender Konkurrenz einher. Diese bezieht sich nicht nur, wie die vorgestellten Beispiele belegen, auf Rohstoffe und mobile Produktionsfaktoren, sondern in erster Linie auf den technologischen Vorsprung und den schnellen Wissenstransfer zwischen Forschung und Praxis. Den Herausgebern ist es gelungen, Forscher mit einem interdisziplinären und praxisbezogenen Hintergrund für ein aktuelles Thema zu begeistern. Der Sammelband bietet einen kultur- und facettenreichen Ländervergleich zur Entrepreneurship-Entwicklung. Er dürfte insbesondere bei Raumplanern sowie Wirtschafts- und Sozialgeographen auf Interesse stoßen.
Autorin: Sylvia Torchalski-Winnitzki

Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg. 49 (2005) Heft 3/4, S. 259-260

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