Alexandra Budke, Detlef Kanwischer und Andreas Pott (Hg.): Internetgeographien. Beobachtungen zum Verhältnis von Internet, Raum und Gesellschaft. Stuttgart 2004 (Erdkundliches Wissen 136). 200 S.

Im Sommer 2001 haben ALEXANDERA BUDKE, DETLEF KANWISCHER und ANDREAS POTT den Entschluss gefasst, "etwas gemeinsam zum Thema Internet zu machen" (S. 5). Herausgekommen ist ein Sammelband mit Beobachtungen zum Verhältnis von Internet, Raum und Gesellschaft. Mit dem Ergebnis beanspruchen die Herausgeber allerdings mehr als bloß "etwas zum Thema Internet" beizutragen. Die Auseinandersetzung mit dem Forschungsobjekt Internet soll auch Impulse geben für die allgemeinere Debatte über das Verhältnis von Gesellschaft und Raum, die Konstruktion von Räumen und die wissenschaftliche Beobachtung raumbezogener Praktiken oder Diskurse.

In der Tat scheint das Internet wie kaum ein anderes Phänomen geeignet, unser Raumverständnis auf den Kopf und wieder auf die Füße zu stellen. Das "Verschwinden des Raums" und seine "Wiederkehr" lassen sich daran gleichermaßen ablesen und hinterfragen. Gegen die Generalthese von einer zunehmend orts- und distanzunabhängigen Kommunikation in der spätmodernen Gesellschaft sprechen (nach wie vor) die Raumgebundenheit der dafür notwenigen Hardware und die erdräumlichen Verbreitungsmuster der physischen Infrastruktur. Dass über das Internet fast nur in räumlichen Metaphern gesprochen wird, macht auf einer ganz anderen Ebene räumliche Strukturierungen sichtbar und erzwingt ein Verständnis von Raum, das diesen nicht auf erdräumlich-territoriale Verhältnisse reduziert. Weil bei solchen Beobachtungen unterschiedliche Raumbegriffe zum Zug kommen, ist es schwierig, die verschiedenen Blickwinkel der Thematisierung von Internet, Raum und Gesellschaft zusammenzuhalten. BUDKE, KANWISCHER und POTT versuchen dieses Problem mit einer Dreiteilung ihres Bandes zu bewältigen. Der erste Teil behandelt die "Verortungen des Internets" im physischen Raum. Im zweiten Teil wird der "Geocode des Internets" thematisiert. Der dritte Teil schließlich handelt von kommunikativ konstituierten "Räumen des Internets".
Den Auftakt zum ersten Teil gibt ein Aufsatz des Literatur- und Medienwissenschaftlers NIELS WERBER, der bei der sozialwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Kommunikationssystem Gesellschaft eine Vernachlässigung der für weltweite Kommunikation notwendigen Verbreitungsmedien sieht. Daraus resultiere eine "Bagatellisierung des Raums" (S. 30), die falsche Erwartungen an eine "Internetgesellschaft" weckt, in der es aufgrund der zunehmenden Ortlosigkeit auch zu einem "Ende der Hegemonien" (S. 37) gekommen sei. Werber stellt der systemtheoretischen Vision einer atopischen Weltgesellschaft die Bodenterminologie Hegels oder Ratzels entgegen und fordert schließlich eine "geopolitisch informierte Soziologie" (S. 37). In den weiteren Beiträge des ersten Teils steht das Internet als technisches Mittel der Kommunikation und Interaktion stärker im Vordergrund. INGA HEINZE führt in die Terminologie der "Internetkartographie" ein und präsentiert verschiedene Versionen der Visualisierung des weltweiten Datenaufkommens. CHRISTIAN LANGENHANGEN-ROHRBACH zeigt anhand der Regionalstruktur der Internetnutzung bzw. anhand ihres Ost-West- sowie ihres Stadt-Land-Gefälles, dass das Internet regionale Disparitäten nicht abbaut, sondern verfestigt. Diesen Befund ergänzt HOLGER FLOETINGs Studie von E-Government-Angeboten deutscher Kommunen. FLOETING kommt darin zum Schluss, dass das "Leben in den Städten und Gemeinden (...) durch die verstärkte Nutzung des Internets nicht ‚ortlos', sondern ‚neu verortet'" (S. 89) wird.
Während in den Beiträgen des ersten Teils das Internet in Bezug auf seine Verortung und Verbreitung im physischen Raum betrachtet wird, rückt im zweiten Teil Raum als ein kognitives oder semantisches Ordnungsschema in den Blickpunkt. Dementsprechend richten sich die beiden Beiträge dieses Teils auf die räumlich assoziierte Struktur des Internets. CHRISTIAN STEGBAUER zeigt, wie die für geographische Belange relevante Zentrum-Peripherie-Struktur im www reproduziert wird. Dabei wird u.a. dargestellt, dass durch die Nutzung von Foren oder Suchmaschinen kommunikativ verdichtete Zentren entstehen, die die weitere Kommunikation vorstrukturieren und hierarchisieren. Der darauf folgende Beitrag beruht auf einer empirischen Untersuchung eines netzgestütztes Bürgerbeteiligungsforums sowie einer Multi User Domain. Anhand von Interviews fördert CORNELIA BECKER die Strukturierungsleistung von räumlichen Metaphern zu Tage, die bei der Beschreibung des Internets verwendet werden. Beide Beiträge des zweiten Teils machen deutlich, dass Raumschemata oder Raummetaphern eine bedeutende Funktion in der Internetnutzung erfüllen. Von einem Bedeutungsverlust des Raums kann also keine Rede sein, wenn man Raum als Bestandteil der Kommunikation begreift.
HUBERTUS NIEDERMAIER und MARKUS SCHROER fragen im ersten Beitrag des dritten Teils, warum die virtuelle Welt des Cyberspace als Raum begriffen wird, wo es doch gerade im Internet keine Sinn habe, "die Entfernung zwischen zwei verschiedenen Punkten (...) in Metern oder Meilen angeben zu wollen" (S. 127). Sie argumentieren, dass Kommunikation ohne interaktive Kontrolle zwischen anwesenden Interaktionspartnern wenigstens eines virtuellen Ortes bedarf, der die notwendige Sozialität aufrecht erhält, unter der Kommunikation mit Anschlusskommunikation rechnen kann. Betrachtet man die "schablonenhafte Kommunikation" (S. 139) entlang von Links und Klicks, so erscheint der Cyberspace "eher als geronnener Verweisungshorizont denn als Raum der unbegrenzten Möglichkeiten" (ebd.). Er lässt dadurch einen sozialen Raum entstehen, in dem Kommunikation möglich wird, ohne dass bekannt ist, "wer oder was als Interaktionspartner fungiert" (S. 140). Von einer teilnehmenden Beobachtung in einem Kommunikationsforum berichtet der Beitrag von SABINE THABE und ARNE SCHLECHTER. Der dabei entdeckte ironisch-komische Umgang mit Identitätskonstruktionen und Selbstverortungen soll zum Anlass genommen werden, theoretische Reflexionen zu überdenken und nach neuartigen Methoden für soziologische Analysen Ausschau zu halten. Ähnlich wie NIEDERMAIER/SCHROER fragt DANIELA AHRENS nach der "Funktion des Raums für soziale Beziehungen" (S. 165). Vor dem Hintergrund eines relationalen Raumverständnisses, das dem Raum "keine vorgegebene Existenz" (S. 167) zuschreibt, sondern diesen aus "Beziehungen von Menschen und Gütern" (ebd.) ableitet, diskutiert sie Manfred Faßlers "Typologie von Raumaufschichtungen" und Marc Augés Konzept der "Nicht-Orte". In beiden Ansätzen sieht AHRENS je unterschiedliche Verengungen des Raumbegriffs, die ein relationales Raumverständnis zu überwinden versuche. Welche Raumkonzeptionen und -modelle bei Computerspielen auftreten, zeigt DETLEF KANWISCHER in seiner Untersuchung eines Simulationsspiels für den Geographieunterricht. Während AHRENS die Unterscheidung von "virtuell" und "real" durch ein geeignetes Raumverständnis auszuräumen hofft, betont KANWISCHER, dass die Fähigkeit, diese Unterscheidung zu treffen und entsprechende Transfers "von der virtuellen Welt in die reale Welt" (S. 191) richtig einzuordnen, eine "Rahmenkompetenz" (ebd.) darstellt, die insbesondere beim Einsatz von Computersimulationen im Unterricht ausgebildet und von Lehrenden gefördert werden sollte.
Die Vielfalt der Zugänge zum Thema Internetgeographien und die differenten Beobachtungsstandpunkte zeichnen diesen Band aus. Durch die Zusammenstellung der Beiträge von Autorinnen und Autoren aus verschiedenen disziplinären Kontexten entsteht nicht nur ein facettenreiches Bild der Herstellung und Bedeutung von Raum in sozialer Kommunikation, sondern auch ein Eindruck von den Gemeinsamkeiten und Unterschieden der Bearbeitung dieses Forschungsfeldes in unterschiedlichen Disziplinen. Für die weitere Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Internet, Raum und Gesellschaft stellt dieser Band zweifellos eine erstklassige Referenz dar.    
Autor: Roland Lippuner

Quelle: Erdkunde, 59. Jahrgang, 2005, Heft 2, S. 158-159

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