Mario Günter: Kriterien und Indikatoren als Instrumentarium nachhaltiger Entwicklung. Eine Untersuchung zur Operationalisierung sozialer Nachhaltigkeit am Beispiel von Interessengruppen der Forstbewirtschaftung auf Trinidad. Heidelberg 2002 (Heidelberger Geographische Arbeiten 115) 303 S.

In der vorliegenden Dissertation wird eine aktuelle und interessante Fragestellung mit Bezug auf den Nachhaltigkeitsdiskurs im forstwirtschaftlichen Kontext aufgegriffen, denn nach wie vor gilt es ja, die Leitidee der Nachhaltigkeit zu konzeptualisieren und zu operationalisieren. Die Arbeit versucht, hier einen Beitrag im Hinblick auf die Operationalisierung sozialer Nachhaltigkeit zu leisten, indem über die Untersuchung und Evaluierung bestimmter Kriterien und Indikatoren relevante soziale Sachverhalte instrumentalisiert werden.

Mit der Ankündigung in der Einleitung, aus geographischer Sichtweise die Synthese von natur- und sozialwissenschaftlichen Ansätzen zu verfolgen, wird zunächst ein noch höherer Anspruch formuliert, der dann dahingehend relativiert wird, dass die Komponenten sozialer Nachhaltigkeit im Zentrum der Untersuchungen stehen sollen. Bei der weiteren Lektüre bestätigt sich, dass man es mit einer überwiegend sozialgeographischen Abhandlung zu tun hat.
Die Arbeit gliedert sich in einen theoretischen Teil und in eine empirische Fallstudie, die beide vom Umfang her in etwa gleich gewichtet werden. Der theoretische Teil befasst sich mit der Entstehung und Bedeutung des Paradigmas der nachhaltigen Entwicklung sowie mit Kriterien und Indikatoren im Kontext nachhaltiger Forstwirtschaft. Diese theoretische Fundierung erscheint etwas langatmig und hätte zugunsten des nachfolgenden empirischen Teils stärker gestrafft werden können, zumal keine neuen Erkenntnisse präsentiert werden. Bei der Diskussion der Entstehung des Nachhaltigkeitsprinzips vermisst man einen Hinweis auf den Ursprung des Nachhaltigkeitsbegriffes, der in der Entwicklung der rationellen Forstwirtschaft in Mitteleuropa im 18. Jahrhundert liegt. Der Autor beklagt mehrfach die bisherige Vernachlässigung verschiedenster Aspekte sozialverträglicher Nachhaltigkeit in der einschlägigen Forschung und leitet daraus die Begründung für die eigene Untersuchung ab. Der wiedergegebene diesbezügliche Forschungsstand basiert jedoch ein wenig
selektiv auf forstlicher Literatur und erfasst nicht das gesamte internationale Spektrum an Ansätzen und Theorien. Ausgeklammert bleiben etwa das Konzept der sozio-ökologischen Indikatoren für Nachhaltigkeit der schwedischen Umweltökonomen in Göteborg oder das Analysekonzept der Politischen Ökologie, das auf die Beziehung zwischen sozialen Gruppen und natürlichen Ressourcen und auf gesellschaftliche Marginalisierungsprozesse infolge nicht-nachhaltigen Umgangs mit Ressourcen abzielt.
Im empirischen Teil der Arbeit wird in einer Fallstudie der Status sozialer Nachhaltigkeit zweier als relevant identifizierter Zielgruppen (lizenzabhängige private Holzfäller und Waldarbeiter einer regierungseigenen Teakplantage) anhand bestimmter Kriterien und Indikatoren untersucht. Neben den Lebens- und Arbeitsbedingungen steht dabei die Frage im Mittelpunkt, ob die unterschiedliche Situation der beiden Zielgruppen zu Unterschieden in der Einstellung und in den Verhaltensmustern den Wäldern gegenüber führt. Interessanterweise zeichnen sich die privaten Lizenzträger mit ihrem weitaus geringeren sozio-ökonomischen Status durch eine naturnahe Nutzungsorientierung aus, d.h. sie sind an langfristigem Ressourcenerhalt und Fortführung ihrer seit Generationen ausgeübten selbstverantwortlichen Forstbewirtschaftung interessiert. Demgegenüber stehen bei den besser gestellten staatlichen Waldarbeitern kurzfristige Profitinteressen im Vordergrund, auch wenn damit weitere Beeinträchtigungen der Waldressourcen verbunden sind.
Trotz einiger interessanter Detailergebnisse entsteht der Eindruck, dass die empirische Untersuchung zu sehr an der Oberfläche verbleibt. Die Ergebnisse beruhen auf der Auswertung von Fragebögen, die als methodisches Instrument nicht zuletzt angesichts der Analphabetenrate im Untersuchungsgebiet fragwürdig erscheinen. Wenn bei der Beschreibung der Feldarbeit formuliert wird, dass "Einzelbefragungen in Kauf genommen werden mussten" (S. 155), spricht das für eine gehörige Distanz des Forschers zu den untersuchten Zielgruppen. Die anhand der Kriterien und Indikatoren zu sozialen und ökonomischen Lebensbedingungen erzielten Ergebnisse wären zudem weitaus aussagekräftiger, wenn sie stärker in einen übergeordneten Kontext eingebunden worden wären. Hilfreich wären hier z.B. mehr Informationen zu den Machtverhältnissen zwischen den verschiedenen Stakeholder-Gruppen gewesen, da externe Einflüsse einflussreicherer Akteure die sozialen Bedingungen marginalisierter Gruppen entscheidend mitbestimmen. Wenn wiederholt der Dreiklang von sozialer, ökonomischer und ökologischer Nachhaltigkeit beschworen wird, kann auch die Auswahl von Teakplantagen-Arbeitern als Zielgruppe nicht überzeugen, da Teak als gebietsfremde Baumart (Heimat: S- u. SE-Asien) keine natürliche Ressource darstellt und bei einer Teakplantage auf Trinidad ökologische Nachhaltigkeit per se in Frage gestellt ist.
Beginnend bei der Konzeption der Arbeit über das Design der empirischen Untersuchungen bis hin zur Einordnung der Ergebnisse in einen größeren Rahmen bleiben insgesamt zu viele Fragen offen, als dass man das Werk uneingeschränkt empfehlen könnte - ein eher kleineres Mosaiksteinchen auf dem Weg zur Operationalisierung sozialer Nachhaltigkeit.
Autor: Udo Schickhoff

Quelle: Erdkunde, 59. Jahrgang, 2005, Heft 2, S. 162-163





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