Heike Jöns: Grenzüberschreitende Mobilität und Kooperation in den Wissenschaften. Deutschlandaufenthalte US-amerikanischer Humboldt-Forschungspreisträger aus einer erweiterten Akteursnetzwerkperspektive. Heidelberg 2003 (Heidelberger Geographische Arbeiten 116). 514 S.

Zwar leben wir in einer "Wissensgesellschaft" und einer "verwissenschaftlichten Gesellschaft", zwar haben sich Science Studies, Wissens- und Wissenschaftssoziologie als Forschungsfelder und Subdisziplinen erfolgreich etablieren können, doch eine Geographie des Wissens oder der Wissenschaft besteht erst in Form verstreuter Arbeiten. HEIKE JÖNS' Dissertation ist ein wichtiger konzeptioneller und empirischer Beitrag hierzu, der zudem erahnen lässt, wie sich eine Wissens- und Wissenschaftsgeographie komplementär zu den erwähnten Forschungsfeldern entwickeln ließe.
JÖNS' Vorhaben ist jedoch enger gefasst: Sie analysiert ein wissenschaftliches Austauschprogramm. Die Alexander von Humboldt-Stiftung vergibt Preise für das wissenschaftliche Lebenswerk, primär an Amerikaner. Die Preisträger kommen in den Genuss eines maximal einjährigen Forschungsaufenthaltes in Deutschland. Im Zeitraum 1972-1996, den JÖNS untersucht, kamen über 1.700 US-Wissenschaftler für mehrere Monate nach Deutschland. Mittels der Analyse von Statistiken, einer schriftlichen Umfrage und rund 60 Interviews untersucht JÖNS die Motive und Umstände dieser Aufenthalte, sowie die Einflüsse auf die weitere Wissenschaftler-Mobilität. Die empirischen Resultate fördern erwartungsgemäß keine revolutionären Erkenntnisse zutage. JÖNS kann jedoch unter anderem aufzeigen, dass nach dem Urteil der involvierten Wissenschaftler face-to-face Interaktionen und Kooperation über längere Zeiträume der wissenschaftlichen Innovativität und Produktivität förderlich sind sowie, dass die Mobilität der Wissenschaftler in hohem Maß von persönlichen Beziehungen zum Gastland, den typischen Karrieremustern und anderen nicht-fachlichen Faktoren mitbestimmt wird.
Dass systematisch Mobilitätsaspekte in den Blick geraten, die nicht Gegenstand des eigentlichen Förderprogramms sind, ist mitunter ein Verdienst der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT), die sich JÖNS kritisch-konstruktiv aneignet. Denn die ANT legt das Augenmerk auf das Zusammenspiel menschlicher Akteure mit nichtmenschlichen Entitäten, die zusammen netzwerkförmige "Aktanten" (wie z.B. ein Förderprogramm) bilden. Gerade diese Netzwerk-Perspektive macht diesen Zugang aus den Science Studies für die Geographie interessant, denn jedes Netzwerk lässt sich als relationaler Raum interpretieren. Dass Wissen oder wissenschaftliche Erkenntnisse sinnvollerweise nicht als distanzabhängige
Variablen begriffen werden, ist offensichtlich. Eine Geographie des Wissens wird sich daher nur mittels einer Überwindung der klassischen Räumlichkeit entwickeln lassen. Aspekte der Zugänglichkeit, Kontakte, Mobilitäten und Netzwerkbildungen werden darin zentral sein. In dieser Hinsicht hat JÖNS einen konzeptionell und empirisch interessanten Weg gewiesen.
Gerne hätte man in dem etwas zu umfangreich geratenen Werk mehr Bezüge zur geographischen Tradition und zu einflussreichen Arbeiten in ihrem Umfeld erfahren. Ich denke dabei z.B. an TORSTEN HÄGERSTRANDs Studien über die Diffusion von Innovationen und an seine zeitgeographische Interpretation von Biographien und Sozialisation. Aber auch ein Werk wie EDWARD SAIDs "Orientalism" lässt sich als eine Geographie des (wissenschaftlichen) Wissens begreifen.
Autor: Wolfgang Zierhofer

Quelle: Erdkunde, 59. Jahrgang, 2005, Heft 2, S. 163-164


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