Michael Storper: Institutions, Incentives and Communication in Economic Geography. Wiesbaden 2004 (Hettner-Lectures 2003). 102 S.

Mittlerweile ist der Band zur siebten Heidelberger Hettner-Lecture erschienen, in der es gelungen ist, einen der gegenwärtig einflussreichsten Wirtschaftsgeographen in die Diskussion mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs in Deutschland zu bringen. MICHAEL STORPER hat seit Mitte der 1980er Jahre die konzeptionelle Entwicklung der Wirtschaftsgeographie nachhaltig geprägt: mit seinen Ideen zur evolutionären Standortlehre, zur Entstehung neuer Industrieräume, zur Konzeptionalisierung der Bedeutung technologischen Wandels für die geographische Organisation von Wirtschaft und zur Fundierung sozialer Institutionen als nicht-pekuniäre Externalitäten räumlicher Agglomeration.

Faszinierend ist die fortwährende Innovativität seiner Impulse, die er vor allem aus der wechselnden Begegnung mit benachbarten Disziplinen schöpft. Waren es zu Anfang Marx und die politische Ökonomie, die sein Denken prägten, so zog es STORPER später in die Sozialwissenschaften, um die
institutionellen Grundlagen wirtschaftlicher Prozesse zu reflektieren. Seit einiger Zeit wirkt STORPER u.a. an der London School of Economics, wo er die konstruktive Auseinandersetzung mit Mikroökonomie und Spieltheorie sucht. Auf dem hundertsten Treffen der AAG in Philadelphia wurde STORPER im Rahmen der Sitzungsreihe "economic geography - now, then and the future" eingeladen, auf Grundlage seines eigenen Werdegangs die Denkrichtung für die zukünftige Wirtschaftsgeographie anzuzeigen. Was er dort zu sagen hatte, kann zu großen Teilen in dem biographischen Interview des Buchs nachgelesen werden, das MICHAEL HOYLER, TIM FREYTAG und HEIKE JÖNS mit ihm führten. Es rekonstruiert die Denkanstöße aus Forschungserfahrungen in Kalifornien, Italien und Frankreich, illustriert die gedankliche Entwicklung rund um die Frage lokaler Agglomeration und legt damit ein überaus interessantes wissenschaftssoziologisches Zeugnis über die Bedeutung des sozialen Kontexts für das intellektuelle Werden eines Wissenschaftlers ab.
Nicht nachzulesen sind in dem Interview allerdings die Forderungen, die STORPER in Philadelphia an die Wirtschaftsgeographie stellte. Ausgehend von der weitgehenden Nichtberücksichtigung der Geographie in Politik-, Wirtschafts- oder Gesellschaftswissenschaften spitzt er die Existenzfrage des Fachs auf die Entscheidung zu, ob die Wirtschaftsgeographie nun eine Sozialwissenschaft sein wolle oder eben nicht. STORPER definiert Wirtschaftsgeographie als eine "social science of economic development", deren Ziel darin besteht, realistische aber nicht-partikularistische Erkenntnisse zu liefern. Er bemängelt nicht nur die Theorieschwäche, sondern auch das fehlende Engagement zur Theoriebildung. Zu einer einflussreichen und ernst zu nehmenden Theorieentwicklung könne die Geographie aber nur beitragen, wenn sie sich als Sozialwissenschaft verstünde und dann auch die Theorien der anderen Sozialwissenschaften reflektiere. Wirtschaftsgeographie, so STORPER in Philadelphia, müsse mehr Mikroökonomie verfolgen und mehr generelle analytische Prinzipien hervorbringen. Es muss, mit anderen Worten, ein Ruck durch das Fach gehen mit einem Trend zu weniger Idiosynkrasie, weniger Fallstudien und weniger Isolation, hin zu mehr Theorie, mehr analytischer Generalisierung und stärkerer Einbindung in das Projekt Sozialwissenschaft (das im Angelsächsischen die Ökonomie immer mit einschließt).
Auch wenn als Position nicht direkt nachzulesen, so sind die beiden Hauptbeiträge des Buchs eindeutige Angebote zur Einlösung dieser Forderungen in der Wirtschaftsgeographie. Der Beitrag "buzz: face-to-face contact and the urban economy", der über mehrere Jahre zur Diskussion gestellt und schließlich im Journal of Economic Geography veröffentlich wurde, zeugt von dem Versuch, Synergien aus der Zusammenarbeit mit dem Mikroökonom ANTHONY VENABLES zu schöpfen. STORPER und VENABLES argumentieren, dass die klassischen Marshall'schen Agglomerationsvorteile erstens unterschiedlich bedeutsam sind und zweitens keine letztendliche Aufklärung über die Natur der Lokalisationsvorteile an sich geben. Denn alle Vorteile, das sind spezialisierte Transaktionspartner und Arbeitskräfte sowie technologische spillover, gründen letztlich auf kopräsenter bzw. face-to-face (F2F)-Kommunikation. Da es aber keine zwingende Theorie über kopräsente Kommunikation gebe, widmen sich die beiden Autoren einer systematischen Konzeption und spieltheoretischen Analyse der ökonomischen Funktionen von F2F-Kommunikation. Kommunikation in Anwesenheit wird hierbei als Kommunikationstechnologie gedacht, die zahlreiche Vorteile offenbart: Reichhaltigkeit der Information, Anreize durch Verbindlichkeit, Verlässlichkeit durch Kontrolle und Motivation zu höherer Leistung. Wenngleich das ökonometrische Modell, indem VENABLES die Beweisführung der Argumentation antritt, für viele Geographen nur schwer nachzuvollziehen sein dürfte, so lädt dieser Beitrag zu einer konstruktiven Öffnung und Zusammenarbeit mit der ökonomischen Theorie und modellorientierten Methode ein.
Im dritten Beitrag des Buchs präsentiert STORPER das noch unveröffentlichte Manuskript "Society, community and economic development". Mit Bezug auf FERDINAND TÖNNIES' klassische Unterscheidung zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft diskutiert STORPER sowohl theoretisch als auch empirisch die Vor- und Nachteile systemsicher und spezifischer Institutionen für wirtschaftliche Entwicklung. Die differenzierte Diskussion verhandelt en detail die Positionen verschiedener ökonomischer und politökonomischer Ansätze. STORPER identifiziert dahingehend ein Dilemma, als einerseits systemische Institutionen der Gesellschaft nicht alle Unsicherheiten wirtschaftlichen Handelns aufheben und andererseits die auf spezifische Gruppen begrenzten Institutionen lokalisierter Gemeinschaften alleine nicht die allgemeine Wohlfahrt heben können. Weder kann sich eine Volkswirtschaft ohne Gemeinschaft entwickeln, noch kann sich eine Summe von Gemeinschaften ohne gesellschaftlichen Rahmen entwickeln. Gerade aber aufgrund der theoretischen Grenzen beider Modelle kritisiert STORPER die simplifizierten Erwartungen vieler aktueller Positionen. Während Ansätze der politischen und Institutionenökonomie ihr Interesse meist nur auf gesellschaftliche bzw. systemische Institutionen richten, greifen Ansätze des Sozialkapitals ebenfalls zu kurz, wenn sie nur die Entstehung spezifischer Institutionen thematisieren. Stattdessen argumentiert STORPER, dass die wirtschaftliche Entwicklung das Ergebnis eines kontext-spezifischen Zusammenwirkens von formalen Institutionen und spezifischen Kollektivierungsformen ist. Der Kohäsion in Gemeinschaften (bonding) stellt STORPER das bridging als einen Prozess gegenüber, durch den ein funktionaler Ausgleich von systemischen und spezifischem Vertrauen verhandelt wird. Die Verbindung von internen bonding- und externen bridging-Prozessen bildet die Grundlage für eine realistischere Analyse des institutionellen Gefüges und seiner induzierten Anreize für wirtschaftliche Entwicklung.
Da bis auf diesen die anderen Beiträge bereits veröffentlicht sind, stellt sich zumindest die Frage nach dem Zweck einer weiteren gesammelten Publikation. Als Tagungsband steht natürlich die Dokumentation der Hettner-Lecture im Vordergrund. Darüber hinaus liefert das Buch mit den skizzierten Beiträgen einen überaus stimulierenden Einblick in die aktuellen Forschungsbemühungen und konzeptionellen Denkrichtungen von MICHAEL STORPER, die in jedem Falle Aufmerksamkeit verdienen und unbedingt als Einladung zu einem Projekt der Wirtschaftsgeographie als Sozialwissenschaft (im angelsächsischen Sinne) verstanden werden sollten.
Autor: Johannes Glückler

Quelle: Erdkunde, 59. Jahrgang, 2005, Heft 2, S. 169-170

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