Christian Pfister (Hg.): Am Tag danach. Zur Bewältigung von Naturkatastrophen in der Schweiz 1500-2000. Bern, Stuttgart, Wien 2002. 263 S.

Das von CHRISTIAN PFISTER herausgegebene Buch Am Tag danach erschien 2002 im Haupt-Verlag und widmet sich den gesellschaftlichen Reaktionen auf natürliche Extremereignisse in der Schweiz. Hierin werden Naturkatastrophen in der Schweiz in den Jahren 1500-2000 beschrieben. Übergeordnetes Ziel ist es nicht, die einzelnen Naturkatastrophen in ihrem Prozessablauf zu beschreiben und analysieren, sondern die gesellschaftlichen Reaktionen der Betroffenen auf Basis von Archivalien aufzuarbeiten. Zentral ist die Darstellung der zeitgenössischen Handlungsmuster, der gesellschaftlichen Funktionsweisen und der Reaktionen der Umwelt. Anhand verschiedener Extremereignisse aus den natürlichen Prozessbereichen Überschwemmungen, Bergstürze, Feuer und Lawinen werden die zum Zeitpunkt des Eintretens vorhandenen gesellschaftlichen und teilweise ökonomischen Strukturen dargestellt und erläutert. Das Buch gliedert sich in 16 Kapitel, deren Inhalt im Folgenden kurz erläutert wird.

Nach dem Vorwort des Herausgebers folgt auf 15 Seiten ein einführender Beitrag zu Naturkatastrophen und Naturgefahren aus geschichtlicher Perspektive. PFISTER betont, dass das Thema der Naturgefahren und Naturkatastrophen ein gemeinsames Thema der Natur- und Sozialwissenschaften ist. Er stellt die beiden zentralen Begriffe der Naturgefahren und Naturkatastrophen gegenüber und beschreibt u.a. die Phasen bei der Bewältigung von Katastrophen. Die Strategien der Risikobewältigung werden für die unterschiedlichen Akteure erläutert und bilden einen informativen Einstieg in die grundlegende Fragestellung für die folgenden Beiträge. Im zweiten Kapitel behandelt ROSMARIE ZELLER (10 Seiten) die Wahrnehmung und Deutung von Naturkatastrophen in den Medien des 16. und 17. Jahrhunderts. Anhand der zwei Bergstürze Plurs/Piuro (3.9.1618) und Yvorne (4./14.3.1584) wird die Rolle der Medien und besonders der Flugblätter anschaulich erläutert. In diesem Bezug werden auch die theologischen Probleme ausgehend von solchen Naturkatastrophen dargelegt. ZELLER gelangt zu dem Schluss, dass die von ihr untersuchten Quellen zu den Naturkatastrophen das Ereignis nicht als Naturphänomene, sondern als Wunder und Zeichen Gottes interpretiert wurden. MARTIN STUBER widmet sich im dritten Kapitel mit 14 Seiten der Frage: Gottesstrafe oder Forschungsobjekt? Die Korrespondenz des Universalgelehrten Albrecht von Haller (1724-1777) wird hinsichtlich der Aussagen zu Erdbeben, Überschwemmungen, Seuchen und Hungerkrisen zeitgenössisch interpretiert. STUBER erläutert die Naturbeobachtungen, zeigt aber gleichzeitig auch die Grenzen der wissenschaftlichen Erläuterungen auf. Er setzt sich mit den künstlerischen Deutungen von Erdbeben auseinander und beleuchtet die Resonanz auf Viehseuchen, Hungerkrisen und der Pest. In Kapitel 4 erläutert ALOIS FÄSSLER die Geburt der gesamteidgenössischen Solidarität anhand einer detailreichen Schilderung der Hilfeleistungen zur Bewältigung des Bergsturzes von Goldau (2.9.1806). Der ausgezeichnet bebilderte 14-seitige Beitrag beschreibt zuerst den Prozessablauf und gibt in einem Überblick die Bewältigungsstrategien der Folgen. AGNES NIENHAUS beschreibt die Entwicklungshilfe und die Armenfürsorge anlässlich der Überschwemmungen von 1834 in Graubünden. Besonders die Kompetenzverteilung zwischen kantonaler und nationaler Ebene und die damit zusammenhängende Infrastrukturförderung statt Nothilfe ist anschaulich erläutert. NIENHAUS folgert, dass die damaligen Hilfeleistungen einer regionalen Entwicklungshilfe gleichzusetzen sind. Den Überschwemmungen von 1868 widmet sich FRANZISKA SIBYLLE SCHMIDT in ihrem 13-seitigen Beitrag "Die Not ist groß - größer ist die Bruderliebe". Nach der Charakterisierung des Ereignisses stellt sie die spontane Hilfe der organisierten Hilfe gegenüber. Sehr interessant ist auch die Darstellung der Herkunft der Spendengelder, denn die finanzielle Bewältigung dieser Katastrophe war nur durch private Wohltätigkeit möglich. VERONIKA STÖCKLI beschäftigt sich in Kapitel 7 mit dem Bannwald als Lebensgrundlage und Kultobjekt. Sie erläutert die Funktionen und die zeitliche Entwicklung des Bannwaldes im Alpenraum (12 Seiten). Anhand des Bergsturzes von Elm (11.9.1881) beschreibt HANS PETER BLÄUER (Kapitel 8) die Ursache und Bewältigung einer menschgemachten Naturkatastrophe". Das sehr gut bebilderte Ereignis wird detailreich beschrieben. Anhand
der Organisation der Spendensammlung und der Solidarität im In- und Ausland zeigt er das große damalige öffentliche Interesse an diesem Ereignis. Die "Internationalität" ist sicherlich auch auf die rasche Verbreitung der Informationen in der Gesellschaft durch die Tagespresse zurückzuführen. In Kapitel 9 legt SASCHA KATJA DUBACH auf 15 Seiten das "Ausgreifen" der Schweizer Katastrophenhilfe im Ausland zwischen 1950 und 1970 dar. Anhand der Sturmflut vom 1.2.1953 an der Nordsee betont DUBACH die Bedeutung der Zusammenarbeit von Medien und Hilfswerken bei der Spendensammlung. Es wird die Erweiterung des schweizerischen Solidaritätsraum auf Europa erläutert und anhand einer entsprechenden tabellarischen Sammlung der Spenden für große Ereignisse veranschaulicht. Jedoch wird konstatiert, dass die Spendenbereitschaft für Katastrophen in der Schweiz aufgrund des größeren Grads der Betroffenheit höher ist als für ausländische Naturkatastrophen. PHILIPPE SCHOENEICH beschreibt mit den Koautoren auf 4 Seiten die traditionellen Lawinen-Schutzbauten in den Waadtländer Voralpen und erläutert die Entwicklung von Spaltkeilen für Lawinen. In Kapitel 11 widmen sich MARTIN LATERNSER und WALTER AMMANN dem Lawinenwinter 1951 und seinen Auswirkungen auf den Lawinenschutz in der Schweiz (15 Seiten). Die Darstellung der flächenhaften Verbreitung der Schneelawinen und deren Schäden folgt einer ausführlichen Beschreibung der Ursachen und Wirkungen. Die Autoren weisen darauf hin, dass die aus diesem Ereignis resultierenden Schutzmaßnahmen sich trotz weiterer großer Schäden erfolgreich im schneereichen Februar 1999 bewährten. PIERRE ECOFFEY beschreibt in Kapitel 12 die Situation der Feriensiedlung Falli-Hölli, die 1994 durch eine ausgedehnte und lang anhaltende Hangbewegung vollständig zerstört wurde. In diesem Beitrag wird besonders neben der detaillierten Ursachenbeschreibung auf die Raumplanung und Versicherungsfrage eingegangen. ECOFFEY führt aus, dass der aus dem Schadensereignis hervorgegangene Lernprozess der beteiligten Akteure zu einer inzwischen flächendeckenden kartographischen Erfassung aller Naturgefahren führte. MATTHIAS FÄSSLER widmet sich in seinem Beitrag den Großbränden (Kapitel 13). Nach der beispielhaften Aufzählung von Großbränden seit 1713 erörtert er den Umgang mit Bränden in den jeweiligen Zeitaltern. Er betont, dass die Prävention den wirksamsten Katastrophenschutz darstellt und führt aus, dass die stattgefundene Katastrophe durch den Wiederaufbau auch als Chance gesehen werden kann. Er schließt den ausgezeichnet bebilderten Beitrag mit der Entwicklung der Feuerversicherung in den letzten Jahrhunderten. Dem im Buchkontext sehr aktuellen Murgang und Hochwasserereignis von 1997 in Sachseln widmet DANIEL BERNET seinen Kurzbeitrag. Hierbei wird weniger der Murgang-Prozess erläutert, vielmehr werden die Rahmenbedingungen vor und während des Ereignisses dargestellt. ANDREAS GÖTZ beschreibt in Kapitel 15 die Schweizer Hochwasserschutzkonzepte. Er erläutert sehr anschaulich und informativ die Entwicklung der früheren sektoriellen - zu den heutigen ganzheitlichen - und den zukünftigen nachhaltigen Schutzkonzepte. Die Ausführungen sind mit schematischen Graphiken untermauert, wodurch die Konzepte klar und anschaulich vermittelt werden. Im abschließenden Kapitel 16 charakterisiert CHRISTIAN PFISTER die Strategien zur Bewältigung von Naturkatastrophen seit 1500 mit Beispielen, die überwiegend aus der Schweiz stammen. Er erläutert in dem sehr ausführlichen Kapitel die zeitgenössischen Deutungen von Katastrophen, die Gefahrengemeinschaften und Steuern, die Naturkatastrophen als nationale Mobilisierungsereignisse, die subventionierten Prävention und interkantonale Solidarität und schließt mit der Forderung von der Gefahrenabwehr zur Risikokultur zu gelangen. Die besondere Stärke dieses Beitrages ist der zusammenführende Charakter und die anschauliche Schilderung der Entwicklung der Strategien, die hervorragend durch viele Graphiken, Archivbildern, aktuellen Photographien und den ausführlichen Tabellen untermauert und ergänzt wird.
Das Buch ist sehr übersichtlich strukturiert. Grundlegend ist festzustellen, dass sich das gesamte Buch durch eine hervorragende graphische Aufbereitung aller Abbildungen hervorhebt. Die Inhalte werden klar und eindeutig vermittelt, die Druckqualität der Bildquellen (Photographien, alte Bilder, Gemälden, Stiche, historische Flugblätter, Aufrufe) ist vorbildlich. Die Literaturhinweise sind durchweg sehr ausführlich. Der Anhang gibt umfassende zusätzliche Informationen zu den Autoren, zu den genutzten Abkürzungen, zu den Bildquellen und beinhaltet einen übersichtlichen Sach- und Personenindex. Diese Illustrationen untermauern und verdeutlichen die Ausführungen in hervorragender Weise und ziehen den Leser in den Bann. Gerade die Wechselwirkung zwischen historischen Zitaten aus Archivalien unterschiedlichster Art bei gleichzeitiger Vermittlung wissenschaftlicher Ergebnisse langjähriger Forschungsarbeiten gewährleistet sicherlich eine große und langjährige Bedeutung der historischen Quellenanalysen für das Verständnis früherer Ereignisse genauso wie die heutige und zukünftige Nutzung dieser Informationen. Der Wert der historischen Aufarbeitung auch für moderne Modellierungen und numerische Simulationen wird deutlich, obwohl dies nicht explizit in der Publikation hervorgehoben wird. Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass dieses Buch nicht nur informativ ist, sondern durch die reichhaltige Bebilderung auch einen außerordentlichen Lesegenuss bereitet. Obwohl es nicht der eigentlichen Zielsetzung entspricht, hätte eine internationale Einordnung und der Bezug zu anderen Arbeiten die hervorragende Qualität dieses Buches noch verstärkt. Für jeden Wissenschaftler, egal welcher Disziplin, der sich mit der Problematik der Naturgefahren, Naturrisiken und Naturkatastrophen beschäftigt, ist dieser Band unabdingbar und er sollte deshalb in jeder Institutsbibliothek zu finden sein. Aber auch dem an der Thematik Interessierten wird dieses Buch für das eigene Bücherregal wärmstens empfohlen.    
Autor: Thomas Glade

Quelle: Erdkunde, 60. Jahrgang, 2006, Heft 1, S. 69-71

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