Ulac Demirag: Handlungsräume agropastoraler Fulbe in Nordostnigeria. Eine vergleichende Studie in den Bundesstaaten Adamawa und Gombe. Hamburg 2004 (Hamburger Beiträge zur Afrika-Kunde 73). 264 S.

Vor dem Hintergrund eines starken Bevölkerungswachstums und einer stetig steigenden Nachfrage nach Nahrungsmitteln aus den urbanen Zentren Nigerias bilden die Intensivierung der Landnutzung sowie die Zunahme von Ressourcenkonflikten in der südlichen Sudanzone den Ausgangspunkt der vorliegenden Studie. In den Blick genommen werden Lebensabsicherungssysteme und deren Kontexte von Segmenten der Fulbe.

Diese - ursprünglich nomadische, Rinder züchtende - Bevölkerungsgruppe hat sich mittlerweile mehrheitlich in den angrenzenden Feuchtsavannen niedergelassen, um dort kombinierte Feldbau- und Weidewirtschaft zu betreiben. Als zentrales Anliegen seiner Dissertation formuliert der Autor "eine Einschätzung des kulturell, sozial, ökonomisch und politisch bedingten Handlungsrahmens von agropastoralen Betriebssystemen, welche als Basis für ein Verständnis des wirtschaftlichen Entscheidungsverhaltens der Fulbe dient" (S. 20). Empirische Ausgangsbasis sind zwischen 1997 und 2001 durchgeführte Befragungen in zwei unterschiedlich geprägten Sozialräumen, die ähnliche physiogeographische Bedingungen aufweisen und die einander vergleichend gegenübergestellt werden. Als konzeptualer Analyserahmen wird der inzwischen häufig rezipierte sustainable livelihoods-Ansatz herangezogen.
Nach der doch recht knappen Darstellung von Fragestellung und Zielsetzung, Methoden der Datengewinnung und des Analyserahmens stellt der Verfasser daran anschließend auf 23 Seiten Bezüge zur entwicklungs- und wissenschaftstheoretischen Debatte her, wobei gleich eine ganze Reihe von Ansätzen aufscheinen, denen jeweils für kleinere Ausschnitte der Gesamtanalyse theoretische Relevanz beigemessen wird: Bielefelder Verflechtungsansatz, Verwundbarkeit, Neue Institutionenökonomie, Sozialkapital, Strukturations- und Handlungstheorie, Poststrukturalismus/Intersubjektivität/Sprachpragmatik und Diskurstheorie. Problematisch ist hierbei die vergleichsweise isolierte Aneinanderreihung dieser Überlegungen; eine eingehendere Integration in die Forschungskonzeption wäre wünschenswert gewesen. Zudem finden sich Rückbezüge in der empirischen Untersuchung nur zum Teil.
Die Analyse beginnt mit einer Skizzierung übergeordneter Rahmenbedingungen für die ländlichen Überlebensstrategien. Zunächst werden Aspekte nationalstaatlicher Politik- und Wirtschaftsentwicklung nach 1960 unter besonderer Berücksichtigung des Agrarsektors erläutert. Anschließend finden sich Angaben über die agrarökologischen Verhältnisse der Untersuchungsgebiete, die sich im Übergangsbereich von der Feucht- zur Trockensavanne befinden, wobei die Niederschlagsvariabilität und -saisonalität als Risikofaktoren besonders betont werden. Es folgen Hinweise zu Bevölkerungsdynamik, Landschaftsdegradation, Marktpreisschwankungen für Nahrungsmittel sowie ethnisch und religiös legitimierten (Landnutzungs-)Konflikten - sämtlich Phänomene, die als existenzbedrohlich für die agraren Kleinproduzenten gewertet werden.
Im nächsten Abschnitt erfolgt eine detailreiche Aufarbeitung historischer Entwicklungslinien, die zu unterschiedlichen Ausformungen der Sozialstrukturen in den beiden Untersuchungsgebieten Adamawa und Tangale-Waja geführt haben. Diese wird ergänzt durch die Darstellung gegenwärtiger formeller und informeller Macht- und Autoritätsausprägungen, sozialer Verhaltensregeln, Merkmale "ethnisch-verwandtschaftlicher" und "religiös-räumlicher" Identität sowie Prinzipien des Bodenrechts. Dabei ist zweifellos die Sachkenntnis und Vertrautheit des Verfassers in seinem jeweiligen Umfeld spürbar. Bereits bestehende Erkenntnisse der Sekundärliteratur werden mitunter etwas breit aufgefächert wiedergegeben.
Die folgenden drei Kapitel sind den jeweiligen Fallstudien auf Mikroebene gewidmet, wobei die im sustainable livelihoods-Ansatz ausgewiesenen Kapitalformen der Haushalte sorgfältig erfasst und die komplexen Existenzsicherungsstrategien eingehend charakterisiert werden. Nach Einschätzung des Autors verfügen die Fulbe in Adamawa aufgrund weitläufiger Vernetzung insbesondere durch die Institution "Religion" über einen guten Zugang zu den so genannten "Aktiva", der eine Grundversorgung für die meisten Akteure gewährleistet. Dabei ist vor dem Hintergrund zunehmender Marktintegration tendenziell ein Bedeutungsverlust der Rinderhaltung zu beobachten. Kontrastierend stellt sich die Situation der Fulbe in der durch andere ethnische Gruppen dominierten Tangale-Waja-Region dar: Als Folge sozioökonomischer Marginalisierung in der Vergangenheit ist ihr Ressourcenzugang bis heute beschränkt. Darüber hinaus behindert ein differierendes gesellschaftliches Wertesystem die ohnehin problematische Bildung von Sozialkapital. Das nach wie vor hohe Gewicht der Rinderwirtschaft in der Haushaltsökonomie erzeugt zudem größere Abhängigkeitsverhältnisse, woraus letztlich eine erhöhte Verwundbarkeit gegenüber ökologischen und ökonomischen Risiken resultiert. Zusammenfassend wertet der Verfasser soziales Kapital als entscheidenden Entwicklungsfaktor.
Insgesamt zeichnet sich die Studie durch das Spektrum und die Tiefenschärfe der Empirie aus. Die gegenwärtig lebhaft geführte kritische Diskussion zur entwicklungsstrategischen Relevanz von Sozialkapital wird jedoch nur ansatzweise berücksichtigt. Weitere Abstriche muss man bei den Abbildungen machen. Die Photographien sind zwar gut gewählt, jedoch reproduktionstechnisch eher dürftig. Auch hätten manche Karten der Überarbeitung bedurft. Einige Abbildungen sind zudem etwas unglücklich in den Fließtext eingefügt, worunter das Gesamtbild des Layouts leidet. Trotz der angeführten Monita ist die Lektüre der kenntnis- und informationsreichen Arbeit vor allem für den regional inte-ressierten Leser lohnend.  
Autor: Arnd Holdschlag

Quelle: Erdkunde, 60. Jahrgang, 2006, Heft 1, S. 71-72

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